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Nebelfass mit Sprengkraft: Experten entschärfen Kriegsrelikt am Obersalzberg

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Berchtesgaden: Experten entschärfen am Obersalzberg ein Nebelfass-Kriegsrelikt
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Links im Bild ist das Nebelfass bei der Entleerung zu sehen. Die Roßfeldstraße (rechtes Bild) ist bereits seit Samstag ab der Mautstelle Süd gesperrt. (Foto: Montage; l. Freiwillige Feuerwehr Berchtesgaden, r. Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Eine Vorwarnung per Funk, dann jagt ein dumpfer Knall über den Obersalzberg hinweg: Kampfmittelräumer aus Nürnberg haben am Dienstagabend unweit der Roßfeldstraße ein Nebelfass aus dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich gesprengt. Ein Jäger hatte dieses bereits am Samstag im Wald entdeckt. Begleitet wurde die Maßnahme im Vorfeld von umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen.


Die Mautstelle Süd der Roßfeldauffahrt ist seit Samstag von der Klaushöhe bis zum Ahornkaser gesperrt. Warnschilder und Straßensperren informieren über die Gefahr: »Gefahrstoffaustritt. Zutritt verboten. Lebensgefahr«.

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Etliche Autofahrer müssen abgewiesen werden: Die Roßfeldstraße gilt als beliebte Panoramastraße mit einmaligem Ausblick. Tausende Fahrzeuge pro Jahr nutzen, gegen Gebühr, die Straße. Mehrere Polizeifahrzeuge flankieren die Straße, die Freiwillige Feuerwehr Berchtesgaden ist vor Ort, Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes sichern das Einsatzgebiet rund um die Fundstelle des Nebelfasses in einem mehrere hundert Meter großen Radius.

Polizeihauptkommissar Walter Schreyer ist der Einsatzleiter: »Die Feuerwehr überwacht alle Forststraßen, damit bei der Sprengung niemand im Gefahrenbereich ist«, sagt er. Das Areal ist ein gern genutztes Naherholungsgebiet. Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Berchtesgaden fahren zudem alle Straßen im dicht bebauten Wohnbereich rund um den Berchtesgadener Ortsteil Buchenhöhe ab.

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Mit einer Drohne wurde der Einsatz überwacht.

Mit Lautsprechern informieren sie die Bevölkerung vor der anstehenden Detonation: »Aufgrund der Entschärfung eines Kriegsreliktes kann es zu Nebelbildung kommen. Bitte halten Sie ihre Fenster und Türen geschlossen und bleiben Sie in Ihrer Wohnung«, tönt es aus den Megafonen. Mit einer Drohne fliegen Einsatzkräfte den Fundort ab. Luftbildaufnahmen sollen die Lage klären. Währenddessen bereiten die Kampfmittelräumer die Entschärfung vor.

Entdeckt haben die Experten Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, zwei Fässer, die in unwegsamem Gelände, etwas abseits der Straße, verborgen waren. Nur eines davon soll gezielt entleert werden. »Das Fass ist stark verrostet, Rauch strömt aus, vergleichbar mit dem einer Zigarette«, sagt Gerhard Richter, Pressesprecher des Landratsamts Berchtesgadener Land. Richter ist eigens von Bad Reichenhall auf den Obersalzberg geeilt, um Auskünfte vor Ort zu geben.

Weil der Nebel gesundheitsgefährdend ist, haben sich die Experten für eine Sprengung entschieden. Das zweite Fass ist noch intakt. Die Kampfmittelräumer wollen es bergen und abtransportieren, um es später fachgerecht zu entsorgen.

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Feuerwehr, Polizei und BRK flankieren die Auffahrt zur Roßfeldstraße.

Nebelfässer gibt es in verschiedenen Größen – vom Feuerlöscher-Umfang bis hin zum 200-Liter-Behälter, so Dr. Andreas Heil, Betriebsbeauftragter für Kampfmittelräumung beim Freistaat Bayern. »Nebelfässer wurden während des Krieges ausgelegt, um Nebel zu erzeugen und Stellungen einzunebeln«, sagt er am Telefon. Lohnenswerte Ziele der sogenannten Alpenfestung sollten dabei verborgen werden. »Der Obersalzberg war vor allem politisch ein überaus interessantes Ziel.«

Ein Nebelfass besteht meist aus mehreren Teilen: einem Säurefass, einem Strahlrohr und einer Pressluftflasche. Die Säure wird mithilfe der Pressluft unter Druck gesetzt, chemische Reaktionen erzeugen den Nebel. Der austretende Stoff ist ätzend und kann die Atemwege stark schädigen. Andreas Heil warnt davor, sich einem Nebelfass zu nähern oder selbst Hand anzulegen.

Nach über drei Stunden ereilt die Einsatzkräfte über Funk die Nachricht, dass die Sprengung kurz bevor steht. Ein dumpfer Knall, ein lang gezogenes Echo: »Es ist erfolgreich verlaufen«, sagt kurz darauf Pressesprecher Gerhard Richter. Ohne größere Nebelbildung konnte das Fass entleert werden.

Bereits vor zwei Jahren war am Obersalzberg eine 500-Kilo-Bombe bei Bauarbeiten an der Dokumentation Obersalzberg entdeckt worden. Das Objekt wurde entschärft. Kampfmittelexperte Andreas Heil geht davon aus, dass auch zukünftig Kriegsrelikte am Obersalzberg entdeckt werden. »Wir können nicht abschätzen, was hier oben noch alles liegt.«

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Einsatzleiter Walter Schreyer (l.) im Gespräch mit Kreisbrandinspektor Anton Brandner. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Kilian Pfeiffer