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Dr. Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz. (Screenshot: Kilian Pfeiffer)

Naturschützer: »Wolf ist keine angriffslustige Bestie«

Berchtesgadener Land/Traunstein – Dass sich ein betroffener Tierhalter niemals damit abfinden wird, wenn seine Tiere vom Wolf gerissen werden, das kann Dr. Andreas von Lindeiner gut nachvollziehen. Er ist Landesbeauftragter Naturschutz und Wolfsexperte beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern. Er sagt: »Es gibt klare Vorgaben, wie sich Nutztierhalter zu verhalten haben und welche Maßnahmen erforderlich sind, um Tiere wolfssicher zu halten.« Wenn dem nicht so sei, gebe es keine Veranlassung auf Entnahme des streng geschützten Raubtieres.


Der Wolf geht um – und mit ihm die Angst unter Nutztierhaltern, dass er übergriffig werden könnte. Mehrere Attacken hat es im Südosten Bayerns gegeben, Angriffe auf Schafe und Ziegen, die in teils grausamen Bildern in sozialen Medien geteilt wurden.

Für Andreas von Lindeiner, der am Bayerischen Aktionsplan Wolf beteiligt ist, ist klar: Der Wolf ist schützenswert. Seit rund 20 Jahren breitet er sich hierzulande aus. Rund 150 Rudel gibt es aktuell, nur eine knappe Handvoll in Bayern. Jedes Rudel setzt sich aus bis zu zehn Tieren zusammen. Sind die Rudel eine Gefahr für den Menschen? »Nein«, sagt Andreas von Lindeiner. Es gebe keinen einzigen überlieferten Übergriff auf Menschen. »Wölfe sind neugierige, aber scheue Tiere – und das sollen sie auch bleiben.«

Die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber hat erst vor wenigen Tagen ein Krisengespräch in Bergen geführt. Ein paar Dutzend Landwirte waren dabei. Für diese ist klar, dass der Wolf im südöstlichen Bayern keinen Platz hat. Die Diskussion wird hochemotional geführt, da mehrere Nutztiere verendet sind, schwer verletzt wurden, erst kürzlich auch in Marktschellenberg, wobei es noch nicht klar ist, ob es sich um einen Wolf handelte.

Nicht nur Betroffene haben sich in die Diskussion eingeklinkt, auch Naturschützer und Bürger, die entweder Angst haben oder fasziniert sind vom Wolf.

Andreas von Lindeiner sagt, dass Nutztiere vor Wölfen geschützt werden können. Im Traunsteiner Raum sei der erste Wolf im Juni nachgewiesen worden. »Alle Landwirte und Nutztierhalter hatten Zeit, ihre Tiere wolfssicher unterzubringen.« Die Tierhalter seien gut beraten worden, für die Schutzmaßnahmen gebe es zudem eine 100-Prozent-Förderung ohne Kosten. »Natürlich bedeuten die Maßnahmen zusätzlichen Aufwand für die Betroffenen.«

Zwei Voraussetzungen gibt es, die eine Entnahme des Wolfes möglich machten: Der Wolf müsste sicher geschützte Weidetiere gerissen haben inklusive Wiederholungsgefahr. Oder aber der große Beutegreifer müsste – unprovoziert – auf Menschen losgegangen sein. Dafür gebe es bislang aber keinen Anhaltspunkt. »Die Sicherheit der Menschen ist immer oberstes Gebot«, sagt Dr. Andreas von Lindeiner. Dort, wo Wölfe unterwegs sind, könne es aber vorkommen, dass sie eine Ortschaft als Durchzugsgebiet nutzen. »Das ist normal, das ist für das Tier der kürzeste Weg.«

Die Vorgaben, wie Nutztiere geschützt werden können, seien deutlich geregelt worden. »Es spricht also nichts dagegen, diese auch umzusetzen.« Wenn der Wolf aber sicher geschützte Weidetiere gerissen, wenn er menschliche Infrastruktur zum Schutz überwunden hat, dann könne es sich um einen Problemwolf handeln. »Dann wäre die Entnahme auch möglich, wir würden dahinterstehen«, sagt der Landesbeauftragte Naturschutz. Dr. Andreas von Lindeiner vertritt eine klare Haltung in Sachen Wolf: »Es gibt Schutzmöglichkeiten: Aber diese müssen auch den Vorgaben nach umgesetzt werden.«

Das Wolfsmanagement funktioniere, wenn sich alle dran halten. Damit erteilt er dem Bauernverband, der das Management als gescheitert bezeichnet hatte, eine klare Abfuhr. »Es gibt keinen Grund, dieses infrage zu stellen.« Deshalb gelte es, konsequent und sachlich zu bleiben und nur dann von der Entnahme des Wolfes Gebrauch zu machen, wenn Menschengefahr bestehe oder Wiederholungsgefahr innerhalb geschützter Bereiche. »Im Handstreich ist so etwas aber nicht zu entscheiden.« Auch die schon mehrfach geäußerte Forderung nach Aufhebung des Schutzstatus des Wolfes erachtet Dr. Andreas von Lindeiner als Utopie. »Das wird alles nicht kommen.«

Argumenten, der Wolf könne den bayerischen Tourismus gefährden, entgegnet Dr. Andreas von Lindeiner so: »Was sollen die Menschen in der Lüneburger Heide sagen oder die Wanderer im Apennin?« Annäherungen des großen Beutegreifers habe es gegeben, »aber es ist noch nie etwas passiert« – weil es nicht in der Natur des Wolfes liege. In Bayern gebe es im Vergleich zu anderen Regionen nur wenige Wölfe.

»Der Wolf ist keine angriffslustige Bestie.« Dessen Ansiedelung, dessen Ausbreitung seien eine logische Konsequenz, seitdem sich der Wolf vor zwei Jahrzehnten wieder in Deutschland niedergelassen hat.

Dr. Andreas von Lindeiner ist Teil der Arbeitsgruppe große Beutegreifer, die sich bereits mit Bruno, dem Bären, beschäftigte. Dieser war vor 15 Jahren in Bayern erschossen worden, nachdem er Schaden angerichtet hatte und zum Abschuss freigegeben wurde. Dr. Andreas von Lindeiner sagt, dass er Verständnis habe für betroffene Tierhalter: »Niemand möchte seine Tiere tot auf der Weide sehen. Das kann jeder gut nachvollziehen.« Wer sich an alle Vorgaben halte, für Schutz sorge und dennoch Schaden davontrage, erhalte für ein getötetes Tier Ausgleichszahlungen, sofern eine Analyse bestätigt hat, »dass es der Wolf war«. Der Landesbeauftragte Naturschutz zum Thema Wolf beim Landesbund für Vogelschutz sagt, dass es keine Gegnerschaft geben solle, vielmehr werde »an gemeinsamen Lösungen«, die für alle Beteiligten bestmöglich ausfallen, gearbeitet. »Wir stehen aber dafür ein, dass auch der Artenschutz eingehalten wird.«

Eine »Nuss, die es zu knacken gilt«, seien Herdenschutzmaßnahmen im Gebirge, dort, wo nur wenige Schafe sind, Schutzmaßnahmen schwierig werden. »Diese vernünftig zu schützen, fällt schwer«, so Dr. Andreas von Lindeiner. Ein Herdenschutzhund sei in so einem Fall zu teuer und nicht verhältnismäßig. »Es könnte möglicherweise schwierig werden mit Kleinstherden in Wolfsgebieten. Unter Umständen kann es damit vorbei sein.« Es müsse erlaubt sein, die Frage zu stellen, wie damit in Zukunft verfahren werde.

Und trotzdem muss an Maßnahmen gearbeitet werden. Allein 55 000 Rinder weiden in den bayerischen Bergen. Auch sie könnten Opfer des Wolfes werden. Das Thema ist noch lange nicht zu Ende diskutiert. Dr. Andreas von Lindeiner drängt drauf, Entscheidungen nie emotional, »sondern nur sachlich und fachlich« zu treffen. Dass das Thema eines mit Sprengkraft ist, das hat bereits Problembär Bruno gezeigt. Soziale Medien spielten damals nur eine geringe Rolle.

Kilian Pfeiffer