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Wally ist im Mai verstorben. LBV-Bartgeierexperte Toni Wegscheider vermutet einen tödlichen Steinschlag als Ursache. (Foto: Markus Leitner)

Natürliche Todesursache bei Wally vermutet

Berchtesgaden – Ein Suchteam des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) hatte Ende Mai in einer Steilrinne des Wettersteingebirges die Überreste des 2021 ausgewilderten Bartgeierweibchens Wally gefunden. Am 27. Juli lag schließlich der Untersuchungsbericht der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Amphibien und Zierfische der tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) dazu vor. Darin kommen die Experten um Prof. Rüdiger Korbel zu dem Schluss, dass ein Abschuss von Wally äußerst unwahrscheinlich ist. Der LBV-Bartgeierexperte Toni Wegscheider vermutet vielmehr einen tödlichen Steinschlag als Ursache.


Im Bericht der »Vogelklinik« der LMU heißt es: Anhand der angefertigten Röntgenaufnahmen ergaben sich keinerlei Hinweise, weder auf Projektile noch auf zu erwartenden Bleiabrieb am Skelett. »So traurig wir nach wie vor über den Tod von Wally sind, so beruhigt sind wir dennoch, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht durch menschlichen Einfluss gestorben ist«, so der LBV-Vorsitzende Dr. Norbert Schäffer.

Wally im Mai tot aufgefunden

Am 28. Mai hatten Suchende in extrem steilem und unwegsamem Gelände nur noch Knochen und Federn des jungen Bartgeiers zusammen mit dem GPS-Sender und einem von zwei Beinringen geborgen. Immerhin war bis auf den Schädel- und einen Beinknochen das Skelett des Vogels zum Großteil erhalten, woraus die Spezialisten der LMU-Vogelklinik noch einige Informationen gewinnen konnten. So ergab die Untersuchung, dass am Skelett keine Spuren menschlichen Beschusses oder von Krallen eines Steinadlers vorliegen. »Obwohl in den Alpen schon mehrere Bartgeier von Steinadlern getötet worden sind, haben wir diese Todesursache aufgrund der großen Erfahrung von Wally mit diesen Greifvögeln nie als allzu wahrscheinlich eingeschätzt«, so Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel.

Da der Vogel am Vortag problemlos noch 280 Kilometer geflogen war und alle vom GPS-Sender übermittelten Werte völlig normal waren, hält LBV-Bartgeierexperte Toni Wegscheider einen tödlichen Steinschlag für sehr wahrscheinlich. »Schaut man sich alle Fundumstände genau an, dann haben wir direkt bei Wallys Knochen auch Teile eines jungen Hirschen gefunden, der offenbar vor längerer Zeit in derselben Steilrinne umgekommen war. Dazu lagen um die Überreste des Geiers auch frische Steinbrocken und in einer oberhalb gelegenen Felswand war deutlich ein kürzlich erfolgter Abbruch zu erkennen«, erklärt Toni Wegscheider.

»Ob Wally also an einer verlockenden Nahrungsquelle gelandet und dann zufällig von herabfallenden Steinen überrascht wurde, wird sich nicht abschließend klären lassen.« Da Bartgeier bereits in vergleichbaren Situationen durch abgehende Schneelawinen getötet wurden, ist für Wegscheiders Kollegen aus der internationalen Expertenszene ein derartiges Szenario gut vorstellbar.

Mögliche Todesursachen geprüft

Was eine mögliche Bleivergiftung durch aufgenommene Reste von Jagdmunition angeht, dafür zeigten die durch den GPS-Sender des Vogels ebenfalls aufgezeichneten Vitalwerte vor seinem Verschwinden keine Anzeichen. Entsprechende Untersuchungen zum sicheren Ausschluss wurden bereits vom LBV in Auftrag gegeben. Auch andere im Alpenraum dokumentierte Todesarten wie die Kollision mit einer Seilbahn oder ein Gewitter lassen sich aufgrund der Fundumstände ausschließen.

»Obwohl Ursachen wie ein tödlicher Kreuzotterbiss oder Leberversagen schon bei toten Bartgeiern nachgewiesen werden konnten, sind entsprechende Untersuchungen im Fall von Wally mangels Weichteilgewebe leider nicht möglich«, erläutert Ulrich Brendel. Dennoch werden die Überreste in Kürze noch aufwendigen Analysen zum Nachweis von Schwermetallen und anderen Umweltgiften unterzogen werden.

Trotz dieses Rückschlags in dem Langzeitprojekt war die erste Auswilderung des Bartgeiers im Nationalpark Berchtesgaden sehr erfolgreich. »Die beiden Bartgeierweibchen Wally und Bavaria überstanden eigenständig und problemlos den Winter, inklusive längerer Ausflüge und erfolgreicher Nahrungssuche. Wallys Schicksal zeigt vielmehr, dass Wiederansiedlungsprojekte einen langen Atem brauchen«, resümiert Nationalparkleiter Dr. Roland Baier.

Zum Projekt: Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts war der majestätische Greifvogel in den Alpen ausgerottet. Im Rahmen eines groß angelegten Zuchtprojekts werden seit 1986 im Alpenraum in Zusammenarbeit mit dem in den 1970er-Jahren gegründeten EEP (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) junge Bartgeier ausgewildert. Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) geleitet.

Während sich die Vögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen nur schleppend voran. Ein vom LBV und dem Nationalpark Berchtesgaden initiiertes und betreutes Projekt zur Auswilderung von jungen Bartgeiern im bayerischen Teil der Alpen greift dies auf und unterstützt in Kooperation mit dem Tiergarten Nürnberg die alpenweite Wiederansiedlung. Dafür werden in den kommenden Jahren im Klausbachtal junge Bartgeier ausgewildert – im Jahr 2021 erstmals in Deutschland.

Der Nationalpark Berchtesgaden eignet sich aufgrund einer Vielzahl von Faktoren als idealer Auswilderungsort in den Ostalpen. Mehr Informationen gibt es unter www.lbv.de/bartgeier-auswilderung.

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