Nach Horrorunfall in Rosenheim mit zwei Toten: Neuer Zeuge sagt aus und belastet BMW-Fahrer schwer

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Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa-Archiv

Ein neuer Zeuge, der sich erst vor kurzem bei einem der Nebenklageanwälte gemeldethatte, belastete den 28-jährigen Angeklagten als einen von zwei BMW-Fahrern am Donnerstag massiv im Traunsteiner Landgerichtsprozess wegen eines Horrorunfalls in Rosenheim mit zwei Todesopfern und drei Schwerverletzten.


Der 27-Jährige gab an, die beiden BMWs hätten »gebremst, Gas gegeben, gebremst, Gas gegeben« und damit möglicherweise das Überholmanöver des Hauptunfallverursachers provoziert. Ein VW-Golf-Lenker war bei dem Unfall am 20. November 2016 frontal in den entgegenkommenden Pkw Nissan Micra mit drei Frauen aus Samerberg kollidiert. Die Erste Strafkammer mit Vorsitzender Richterin Heike Will hinterfragte die Aussage des bis dahin völlig unbekannten Zeugen ebenso kritisch wie Staatsanwalt Jan Salomon. Der 27-jährige Raublinger kannte die beiden BMW-Fahrer und war an jenem Abend ebenfalls mit einem BMW unterwegs, wie er berichtete. Er sah die beiden in ihren Pkws an einer Kreuzung. Auf der Miesbacher Straße überholten ihn die BMWs mit einem 27-jährigen Kolbermoorer und dem Angeklagten am Steuer. Der Zeuge schilderte, die BMWs seien etwa 200 bis 300 Meter vor ihm gewesen, hätten »einen komischen Fahrstil« gehabt mit »bremsen, Gas geben, bremsen, Gas geben«.

Ein roter VW Golf habe ihn, so der Zeuge, überholt. Woher dieser gekommen sei, wisse er nicht. Der VW Golf sei vor ihm eingebogen und habe die langsam fahrenden BMWs überholen wollen. Der 27-Jährige weiter: »Dann haben die BMWs zurück geschaltet und Gas gegeben. Das hört man. Der VW Golf war nicht so laut wie die BMWs. Der VW Golf war am Arsch vom ersten BMW. Ich hatte das Gefühl, der VW Golf wollte auch am zweiten BMW vorbei, weil zwischen den beiden kein Platz zum Einscheren war.« Er habe entgegenkommendes Licht gesehen und zu seiner Begleiterin gesagt, jetzt werde was passieren. Die Beifahrerin habe geschrien. »Es ging schlagartig. Dann hat es gescheppert«, berichtete der Zeuge. Er habe seinen Pkw an der Unfallstelle angehalten. Totenstille habe geherrscht. Zunächst sei niemand ausgestiegen. Dann seien viele Leute dazu gekommen. Er selbst sei »fix und fertig« im Auto sitzen geblieben und unter Schock gestanden: »Ich hab' sowas noch nie gesehen.« Angesichts vieler Menschen sei er dann weitergefahren.

Am nächsten Tag habe er die Polizeiinspektion Rosenheim angerufen. Er habe einer Frau Namen, Anschrift und Handynummer genannt. Sie habe erklärt, man werde sich wieder melden. Dann habe er nie mehr etwas gehört – warum nicht, wisse er nicht. 2021 habe er jemanden aus der Familie von einer der bei dem Unfall getöteten Frauen kennen gelernt und Nebenklagevertreter Christian Schluttenhofer aus Rosenheim kontaktiert. Die Polizei vernahm den 27-Jährige erstmals am 21. Mai 2021.

Die Vorsitzende Richterin äußerte Zweifel und verwies auf eine Ersthelferin. Die Zeugin habe »kein anderes Auto gesehen«. Der 27-Jährige versuchte, den scheinbaren Widerspruch aufzuklären. Er beteuerte mehrfach, die Wahrheit zu sagen. »Da sterben Menschen und Sie fahren weg«, warf Richterin Will ein. Der Zeuge verwies auf seinen damaligen Schock. Und weiter: »Immer wenn ich dort vorbeifahre, läuft bei mir ein Film.«

Der unfallanalythische Sachverständige, Andreas Thalhammer aus Rott am Inn, fragte nach der ge-nauen Fahrtstrecke des Zeugen an jenem Abend, eventuellen weiteren Verkehrsteilnehmern und weiteren Einzelheiten. Sein eigentliches Gutachten wird Thalhammer wahrscheinlich am nächsten Verhandlungstag erstatten. Der Prozess gegen den 28-Jährigen aus Riedering, in dem es um fahrlässige Tötung in zwei Fällen, dreifache fahrlässige Körperverletzung und vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs geht, wird am 15. Juni fortgeführt. Zwei weitere Unfallbeteiligte, der andere BMW-Fahrer (27) aus Kolbermoor und der VW-Golf-Lenker (26) aus Ulm, sind bereits rechtskräftig zu Freiheitsstrafen ohne und mit Bewährung verurteilt worden. kd