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Gründeten das Kollektiv »WurzelTrieb«: Johanna Maltan (r. oben), Lena Schneider, Julius Bitterling. (Foto: privat)

Mut zur Kreativität – Open Stage hilft unerfahrenen Künstlern, sich vor Publikum auszuprobieren

Berchtesgaden – Alle Künstlerinnen und Künstler fangen klein an. Gerade zu Beginn fehlt einem der Mut, seine Talente in der Öffentlichkeit zu zeigen. Johanna Maltan, Lena Schneider und Julius Bitterling wollen Unerfahrenen die Angst nehmen. Mithilfe einer Open Stage. Sie bietet eine gute Gelegenheit, sich vor Publikum auszuprobieren. Morgen Abend um 19 Uhr ist die Auftaktveranstaltung im Festsaal des Gasthofs »Goldener Bär«.


Egal ob die Kunst nur Hobby ist oder jemand größere Ambitionen hat, egal ob Magier, Akrobat, Musiker, Stand-up-Comedian oder Dichter: Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Jeder bekommt 15 Minuten Bühnenzeit, darf das machen, was er kann. »Ein guter Platz zum Ausprobieren«, sagt Johanna Maltan. Gemeinsam mit Lena Schneider nahm sie bereits an einer Open Stage in Wien teil. Beide sind Musikerinnen, bekannt als das Duo »honeylane«.

In Wien machten sie gute Erfahrungen. Eigene Lieder, eigene Texte, eigene Gedanken, eigene Gefühle – all das teilten sie mit dem Publikum. Beide erinnern sich an diesen Abend noch gut, denn nicht nur Musik war geboten. Eine Person setzte sich zum Beispiel auf einen Stuhl, saß 15 Minuten regungslos im Rampenlicht, sagte kein Wort.

Neben den einfallsreichen Aufführungen gefiel dem Duo besonders gut, sich mit anderen zu vernetzen. Erfahrene und Unerfahrene konnten sich dabei untereinander austauschen. Dies verleihe dem ganzen einen frischen Elan, so Maltan. Dank der Vernetzung durfte »honeylane« ein Konzert in Wien geben.

Kollektiv »WurzelTrieb«

Daraufhin kam der Gedanke: Auch in Berchtesgaden sollten sich Künstler austauschen können. »Hier gibt es noch einige Leute, die kein Gehör finden«, sagt Maltan. Kunst und Kultur müssten greifbar werden für die Öffentlichkeit. Beides soll man in anderen Kontexten entdecken und erleben, alle Altersgruppen werden dabei eingebunden. »Wir wollen Akzeptanz und Respekt gegenüber Altem und Neuem erreichen«, so Lena Schneider. Neben Open Stages sind auch Workshops, Diskussionsrunden und Abende für kulturellen Austausch geplant. Ebenso wollen Maltan, Schneider und Bitterling ein Verständnis für die Nähe zur Heimat schaffen. Daher gründeten sie das Kollektiv »WurzelTrieb«. »Mit dem Kollektiv möchten wir Raum und Zeit schenken, damit Altes und Neues verbunden werden kann. Wir wollen Wurzeln schlagen und den Trieb wachsen lassen«, sagt Schneider.

Den ersten Schritt machte das Trio mit einem Treffen im Feuerwehrhaus Marktschellenberg. 25 Personen aus verschiedenen Altersgruppen kamen. Zusammen erörterten sie, welche Ressourcen man vor Ort nutzen kann und welche Möglichkeiten zur Vernetzung geschaffen werden können. Maltan war von dem Treffen beeindruckt: »Alle hatten das Bedürfnis, selbst etwas auszuprobieren.«

So kam auch die Idee für eine Open Stage im Gasthof »Goldener Bär«. Die Wirte schlugen zunächst eine Jamsession vor. Darunter ist ein zwangloses Zusammenspiel von Musikern, die üblicherweise nicht gemeinsam auftreten, zu verstehen. Der Vorschlag wurde um eine Open Stage ergänzt. Die Bühne steht bereits, die technische Ausstattung auch. Gestellt werden zwei Gitarren, eine E-Gitarre, ein Stage-Piano, eine Cajon, ein Saxofon und bei Bedarf auch Turnmatten. Auf die Bühne darf, wer sich vorher per E-Mail an honeylane@outlook.de angemeldet hat. Interessierte schreiben den Organisatoren, wie man die 15 Minuten füllen will. Sollte an jenem Abend ein Akteur ausfallen, darf jemand auch spontan auftreten.

Die Open Stage soll voraussichtlich alle drei Monate an unterschiedlichen Orten stattfinden. Zwei Stunden dauert die Veranstaltung, bei Bedarf gibt es im Anschluss eine Jamsession. »Wir hoffen, dass sich die Leute untereinander vernetzen und sich auch zu anderen Einlagen inspirieren lassen«, so Schneider.

Aufgeschlossen sind die Organisatoren ohnehin. Vorstellbar wäre auch eine Open Stage unter freiem Himmel, wo die Berge und die Natur zur Geltung kommen und die Künstler sich der Umgebung anpassen.

Faires Publikum

Vorerst wollen sie sich langsam an das Projekt herantasten. Schneider und Maltan legen besonderen Wert auf eine faire Stimmung. Beide wollen darauf aufmerksam machen, dass sich mal ein schiefer Ton einschleichen, die Stimme versagen oder ein Kunststück schiefgehen kann. »Jeder ist am Anfang nervös und jedem passiert mal ein Fehler. Man wächst aber mit der Aufgabe«, sagt Schneider. Konstruktive Kritik ist dagegen erlaubt, sogar erwünscht. Darüber hinaus würden sich die beiden freuen, wenn die Teilnehmenden zeigen, »dass sie auch richtig Bock darauf haben«. Letztlich sollten die Akteure Spaß haben, untereinander neue Kontakte knüpfen und im Idealfall das nächste Mal gemeinsam auftreten.

Patrick Vietze