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Musik von Wagner – in Ruhpolding so noch nie zu hören

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Die barocke Pracht und Akustik der Kirche St. Georg bildeten den idealen Rahmen für das große Orchesterkonzert im Rahmen der Ruhpoldinger Opern- und Konzerttage. (Foto: B. Heigl)

Groß und mächtig ragt die Pfarrkirche St. Georg, auf einem Hügel stehend, in Ruhpolding in den Himmel. Doch erst wenn man die Kirche betritt, zeigt sich die eigentliche Dimension dieses barocken Bauwerks, das fast schon ein wenig Dom-Charakter hat. Zartrosa, mit viel Stuck und anderem barocken Zierrat überaus üppig bestückt, präsentiert sie sich dem Betrachter vom Charakter her eher freundlich, ja fast schon süßlich. Unwillkürlich fragt man sich, welche akustischen Möglichkeiten sie birgt. Diese Frage wurde schlüssig mit dem großen Orchesterkonzert anlässlich der zehnten Ruhpoldinger Opern- und Konzerttage beantwortet. Das bereits zum achten Mal hier konzertierende Orchester »Pro Musica Salzburg«, kongenial geleitet von Professor Wilfried Tachezi, kostete diesen fabelhaften akustischen Klangkörper fast schon ein wenig übermütig aus.


Doch zunächst konnten die Zuhörer in der fast bis auf den letzten Platz besetzten Pfarrkirche an der Symphonie Nr. 6 in D-Dur »Le matin« von Joseph Haydn, mit der das Konzert eröffnet wurde, erleben, wie wunderbar eingebettet in diesen großzügig ausgestatteten Klangraum sich alle Instrumente, mit güldener Klangfarbe verströmten. Edel klingende Querflöten- und Fagottsoli, das vornehme, federnde Bewegungsmuster der Geiger, der kluge Ernst der Kontrabässe, die selbstbewussten, etwas eitlen Hörner und der grundehrliche Klang der Celli schwebten in den Kirchenraum hinauf und verdichteten sich zu einem beeindruckenden Tutti.

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Die Overtüre zur Oper »Tannhäuser« von Richard Wagner kündigte der Cellist und Mitveranstalter Simon Nagl mit freudigem Stolz in der Stimme an: Er sei sich sicher, dass Wagner in dieser Form in Ruhpolding noch nie stattgefunden hat. Und die Form war beeindruckend. Vor allem bei den zarten lyrischen Elementen der Komposition, die so gar nicht deutsch klingen, sondern eher schon zur tschechischen Klangsprache hin tendieren, ließ das Orchester ein äußerst farbintensives Klangbild entstehen.

Dass klassische Musik durchaus etwas Gewalttätiges haben kann, wo es fast greifbar um Leben und Tod geht, das konnte man auch bei dem darauf folgenden Stück »Symphonie Nr. 5 in e-Moll op. 64« von Petr Tschaikowsky erleben, bei der man gut beraten war, der Klangfülle auszuweichen, um das Konzert auf der Empore weiter zu verfolgen. Denn jetzt schoben sich wahre Klanglawinen durch den Kirchenraum. Das Orchester, bestehend aus älteren und jüngeren Musikern, setzte nun auf befreiten Klang, blieb aber trotzdem immer präzise. Ein Brausen, Jubilieren, Dröhnen, begleitet von ekstatischen Trommelwirbeln, setzte die Kirche geradezu unter Strom. Dort oben auf der Empore bündelte sich der Musikstrahl zu schwindelerregenden Walzerdrehungen, zu der Derwische voller Übermut in Raserei fielen. Dann folgte ein kurzes Ausruhen, bevor der jugendlich drängende, musikalische Sturm sich wieder entfachte.

Nun hätte es sicher viele Möglichkeiten gegeben, das Konzert nach dem enthusiastischen Applaus des Publikums zu beenden. Man hätte etwa den ersten Satz aus Haydns Symphonie nochmals spielen können, um der Begeisterung des Publikums gerecht zu werden. Die wilden Wogen des zuvor Gehörten zu glätten, das war schon notwendig. Wer will schon derart aufgewühlt ein Konzert verlassen. Aber es gab zwei derart unpassende Zugaben, dass man es gar nicht fassen konnte. Mögen die Overtüre zur Operette »Der Zigeunerbaron« und die Polka »Elyen a Magyar« von Johann Strauss noch so schön sein, und das spricht ihnen ja bestimmt niemand ab, so sind sie doch auf keinen Fall mit der Würde und der Gestalt des Kirchenraums vereinbar! Schade um den so nachlässig verschenkten Moment – wollte man nur originell zu sein? Barbara Heigl

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