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Musik am Rande des Abgrunds

Noch klingt die Eingangsmelodie, die sich wie ein Motto durch das ganze Werk zieht, lyrisch und harmlos. Doch bald schon wird die Harmonik mikrotonal ausgehöhlt, und grelle Dissonanzen fahren jäh dazwischen. Wie viel Konsonanz kann der Mensch vertragen? Und ist der Wohlklang überhaupt möglich angesichts der Leiden des Lebens? Um diese Fragen kreist das Streichtrio, das Alfred Schnittke 1985 komponiert hat.

Es ist ein erschütterndes Werk. Als ob Schnittke ahnte, dass ihn wenig später ein erster Schlaganfall ereilen würde, blickt er in dem zweisätzigen Werk in pechschwarze Abgründe – umdüstert und angstvoll. An einem Schlaganfall wird der russisch-jüdische Komponist mit deutschen Wurzeln 1998 in Hamburg sterben. In der äußerst fesselnden, höchst intensiven und konzisen Deutung des Streichtrios »Triple Strings« im Rahmen der InselKonzerte auf Herrenchiemsee wurde das schmerzlich Schöne dieser Musik schonungslos freigelegt.

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Diese Interpretation markierte den Höhepunkt des Gastspiels von Amy Park (Violine), Peijun Xu (Viola) und Hendrik Blumenroth (Cello) im Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstifts. Seit 2008 gibt es diese Formation, die sich an der Münchner Musikhochschule gegründet hatte. Weil Wen Xiao Zheng zu Beginn dieses Jahres das Ensemble verließ, streicht seither Peijun Xu die Bratsche. Zheng war es, der den Auftritt auf Herrenchiemsee vermittelt hatte.

Mit Beethovens Streichtrio op. 9 Nr. 1 startete das Konzert zunächst etwas matt und zwiespältig. Einerseits nämlich konnten die drei Musiker mit einer differenzierten Tongebung überzeugen, womit der Klang insgesamt entschlackt wurde: Behutsam wurde das Vibrato dosiert, was gerade in der langsamen Einleitung zum Kopfsatz und im Adagio klangsinnliche Momente schenkte. Auch die Tempi waren insgesamt wohltuend straff gewählt. Leider aber blieb die Intonation nicht immer rein und klar.

Erst in der Serenade op. 10 von Ernst von Dohnányi fanden die Musiker zu einer in sich geschlossenen, harmonierenden Sicht. Über die Qualität dieses Werks des 1960 verstorbenen ungarischen Pianisten, Komponisten und Dirigenten lässt sich freilich streiten. Zu stark und übermächtig ist der Einfluss von Johannes Brahms, was auch die zahlreichen folkloristischen und dezidiert spätromantischen Elemente nicht kaschieren können. Noch dazu folgt das Streichtrio allzu deutlich dem Divertimento-Charakter des 18. Jahrhunderts.

Wie es die Tradition verlangt, beginnt auch Dohnányis Serenade mit einem Marsch, und im Zentrum des Streichtrios steht ein Satz mit Variationen. Es ist wahrlich nicht einfach, diesem insgesamt recht schulmeisterhaft gesetzten Werk, das noch dazu einige Längen aufweist, etwas Bleibendes zu entlocken. Weil sie aber in Ausdruck und Farbgebung stets variierten und zugleich Strukturen freilegten, haben die Triple Strings dieses Werk zu Größe verholfen. Das Streichtrio von Schnittke aber war unbestritten die Sternstunde des Konzerts. Marco Frei