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Musik als gelebte Gemeinschaft erleben

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Sopranistin und Harfenistin Elisabeth Eder und im Hintergrund Chor und Orchester in der Tachinger Pfarrkirche.

Die Pfarrei Mariä Himmelfahrt Taching mit Pfarrer Konrad Roider veranstaltete in der Neuen Tachinger Kirche ein Passionskonzert in einer besonderen Dimension.


Ein nahezu 100 »Mann« starker Chor, welcher sich aus Sängerinnen und Sängern der Kirchenchöre der Pfarreien Mariä Himmelfahrt Taching und der Pfarrei St. Ägidius Kirchstein, aus den Mitgliedern der Gesangsgruppe »Belcanto«, dem Vocalensemble »Die Vocalisten« und einzelnen begeisterten Freunden der sakralen Chormusik zusammensetzte, hatte sich unter der Gesamtleitung von Christine Hofmann und Barbara Danninger zusammengefunden. Im Zentrum des Konzertprogramms stand das Werk von César Franck »Die sieben Worte Jesu am Kreuz«.

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Begleitet wurde der Chor von einem regionalen, nationalen, ja internationalen Orchester, bestehend aus über 30 Laien- und Profimusikern. Der erwartete Besucheransturm bestätigte sich, sodass für Kurzentschlossene nur noch Stehplätze zu ergattern waren. Spätestens als die ersten strahlenden Trompetentöne von der Orgelempore schallten, verstummte die Menge und lauschte konzentriert und ehrfürchtig. Mit dem Stück »Jesus bleibet meine Freude« aus der Kantate BWV 147 von J. S. Bach für Solo Trompete und Orgel eröffnete Franz Tradler, ein talentierter Student der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, zusammen mit Dr. Josef Fenninger an der Orgel das Konzert. Mit ihren feierlichen Klängen ermöglichten sie Publikum wie Mitwirkenden ein »Ankommen«, ein innerliches Zur-Ruhe-Kommen und stimmten so auf das Passionskonzert wunderbar ein.

Es folgte die Sopranistin Elisabeth Eder mit der bekannten Arie »Bist du bei mir, geh ich mit Freuden«. Eder hat ihre künstlerischen, pädagogischen und musikphysiologischen Ausbildungen an der Universität Mozarteum Salzburg, der Guildhall School of Music and Drama in London und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien genossen und alle Studienabschlüsse mit Auszeichnung absolviert. Seit November 2018 ist Elisabeth Eder Universitätsassistentin am Mozarteum Salzburg.

Mit ihrer ebenso hellen wie klaren Sopranstimme hat sie gewissermaßen die tröstenden Sonnenstrahlen der österlichen Auferstehung schon erahnen lassen. Diese J. S. Bach zugeschriebene Arie besitzt jedoch eine zweite Identität: sie soll nämlich ursprünglich aus der Feder Gottfried Heinrich Stölzels stammen, der 1717/18 für kurze Zeit Hofkapellmeister in Bayreuth war. »Bist du bei mir« ist eine der erhaltenen Arien aus seiner Oper »Diomedes«, auch bekannt als »Die triumphierende Unschuld«. Den offenen Interpretations-möglichkeiten des Textes dürfte es geschuldet sein, dass sie vielen der Zuhörer sowohl im Kontext von Hochzeitsfeiern als auch von Begräbnissen bekannt ist.

Im Anschluss sang zunächst ein kleinerer Auswahlchor unter der Leitung von Barbara Danninger den Psalm 22 »Mein Gott, warum hast du mich verlassen« für Doppelchor und Solistenquartett von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dieser hat die Verzweiflung des Gekreuzigten angesichts seines nahen Todes mit diesem Psalm aus dem Neuen Testament eindrucksvoll vertont, ohne jene Tonsymbolik zu verwenden, mit der viele seiner Zeitgenossen ihre Kompositionen effektvoll schmückten. Mendelssohn erreichte vielmehr mit den einfachsten Mitteln – oder gerade deshalb – eine Einheit und Reinheit des Stils, die im 19. Jahrhundert selten ist.

Barbara Danninger gelang es, mit ihrem Chor durch ihre musikalische Interpretation die Verzweiflung des Gekreuzigten eindrucksvoll spürbar zu machen. Hervorzuheben ist die Leistung des Solistenquartetts aus den Reihen der teilnehmenden Laienchöre, welche mit ihren in der Klangfarbe unterschiedlichen und doch bestens harmonierenden Stimmen die Psalmvertonung wirkungsvoll mitgestalteten.

Als Höhepunkt des Konzertes schließlich standen »Die Sieben Worte Jesu am Kreuz« von César Franck für Chor, Soli und Orchester auf dem Programm. Franck komponierte dieses Werk 1877, bevor er sich als Chorleiter zurückzog und sich ausschließlich dem Orgelspiel widmete. Erst 1955 erwarb die Bibliothek seiner Geburtsstadt Lüttich den Autografen der Werkspartitur und es sollte noch bis 1977 dauern, bis »Die Sieben Worte Jesu am Kreuz« in der Martinskirche zu Geislingen an der Steige uraufgeführt wurden.

Die Vertonung der Worte Jesu realisierte Franck mit sehr schlichten, schon etwas archaisch anmutenden, aber wunderschönen Harmonien. Diese choralähnlichen Passagen, die durch ihre Schlichtheit eine tief beeindruckende Wirkung erzielen, wechseln sich mit schmerzvollen Klagegesängen ab und stehen in starkem Kontrast zu solchen, im Tempo meist rasanten Passagen, in denen die Verspottung Jesu mit den musikalischen Stilmitteln der Grande Opéra des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht wird. Und doch durchwirkte Franck seine Komposition auch immer wieder mit musikalischen Zitaten der Hoffnung und Zuversicht und gewissermaßen als Ausrufezeichen hinter der tröstlichen Botschaft von der Erlösung hat er sein Werk auf einen strahlenden F-Dur-Akkord enden lassen.

Unter dem Dirigat von Christine Hofmann konnten der Chor wie das Orchester Dank ihrer großartigen menschlichen Präsenz, ihrer musikalischen Empathie- und Begeisterungsfähigkeit sowie schlicht Dank ihres musikalischen Könnens in beeindruckender Weise dieses Werk einmal mehr zu einem unvergesslichen musikalischen Erlebnis machen. Wie ein guter Schauspieler zu seiner Rolle »wird«, so hatte man den Eindruck, so manches Chormitglied durchlebt im eigenen Fühlen den Schmerz der Klagegesänge, konnte aber auch Mut, Hoffnung und Trost spüren.

Das Soloensemble setzte sich zusammen aus Elisabeth Eder, Sopran, welche ihre wunderschöne Stimme in einer der Solopartien mit der Harfe begleitete, Virgil Hartinger, Tenor, einem gefragten Solisten auf nationalen und internationalen Bühnen, dessen Repertoire eine Fülle verschiedener Stile und Fächer umspannt, und Heinrich Albrecht, einem lyrischen Bariton und Volksmusikanten, der sich im klassischen Fach ebenso zu Hause fühlt. Eder mit ihrem glockenhellen und anmutend beweglichen Sopran, Hartinger mit seiner kraftvollen wie nuancierten Tenorstimme, mit der er sich passagenweise leichtfüßig in die schwindelnden Höhen einer Alt-Stimmlage begab, und Albrecht mit seinem kraftvollen und warm klingenden Bariton vermochten das Werk zu einem »unter die Haut gehenden« Musikerlebnis zu machen.

Und so hob nach einem angemessenen Nachspüren des Letzten der sieben Worte ein begeisterter und ebenso lang anhaltender Applaus des spürbar bewegten Publikums an. Als Dankeschön an die begeisterten Zuhörer hatte Christine Hofmann noch »etwas für’s Herz« im Notenkoffer, in Begleitung des Orchesters sang der Chor als Zugabe »Weit ist das Meer« von Hans Berger. Es ist zu hoffen, dass dieser gemeinsame musikalische Höhepunkt der Passionszeit künftig immer wieder sowohl begeisterte und engagierte Laienmusiker als auch Sängerinnen und Sänger motiviert, Zeit zu investieren für den Lohn, Musik als gelebte Gemeinschaft zu erleben. Diejenigen, die Teil dieser Gemeinschaft waren, wissen: Es hat sich gelohnt! Petra Ohlendorf