Murmeltiere – Kleine Stars am Obersalzberg

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Sie sind aktuell in etwa so groß wie ein Meerschweinchen: Sieben kleine Murmeltiere sind bei Wolfgang Czech am Obersalzberg zur Welt gekommen. (Fotos: Kilian Pfeiffer)
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Wolfgang Czech kümmert sich um »seinen« Nachwuchs.

Berchtesgaden – Sechs Wochen sind die kleinen Murmeltiere erst alt. Vor wenigen Tagen haben sie das erste Mal ihren Bau im Adler- und Wildtiergehege am Obersalzberg verlassen.


Flink flitzen die sieben kleinen Nager über die Wiese, rein ins Erdloch, auf der anderen Seite des Hügels wieder raus. Seit diesem Wochenende sind sie die Stars. Und: »So viel Nachwuchs hatte ich noch nie«, schwärmt Wolfgang Czech. Auf dem einzigartigen Gelände leben bei ihm Steinadler und Falken Seite an Seite mit einer Großfamilie handzahmer Murmeltiere.

Die Butterkekse sind die Lieblingsspeise der possierlichen Tiere. Damit lassen sie sich gut locken. Sobald sie den bis zu sechs Meter tiefen und einen Großteil des Areals einnehmenden Erdbau verlassen haben, inspizieren sie die Umgebung. Vorsichtig nähern sie sich dann den Menschen, die vor allem ihretwegen gekommen sind. Das Murmeltier-Paradies am Obersalzberg ist überschaubar klein und der einzige Ort, an dem frei lebende Nager Menschen aus der Hand fressen. Der kleine, nicht zu übersehende Hügel mit etlichen tiefen Löchern ist das Habitat der Murmeltiere. Wenn Wolfgang Czech die Murmeltiere lockt, ruft er »Hansi«. Dann lugen sie vorsichtig aus dem Erdbau heraus. Erst die Elterntiere, nach und nach auch Czechs ganzer Stolz: sieben kleine Murmeltiere, so groß wie Meerschweinchen. Monatelang war die Nager-Familie im von Höhlen durchlöcherten Hügel verschwunden, hat zunächst Winterschlaf gehalten, dann Nachwuchs gezeugt.

Die Besucher, die nun am Wochenende im Wildtiergehege vorbeischauten, waren die ersten, die die jungen »Mankein« zu Gesicht bekamen. Dass sie nun die Hingucker des Geheges sind, ist nicht weiter verwunderlich: Die weiteren Mitbewohner des Areals, die Greifvögel, sind alt eingesessen – vom imposanten Steinadler über den pfeilschnellen Falken bis hin zu Hubinchen, der großen Uhu-Dame mit den orange schimmernden Augen. Die Flugkünstler müssen den kleinen Nagern erst mal den Vortritt lassen. »Zur Zeit kann ich sie auch kaum fliegen lassen«, sagt Czech, der im Wildtiergehege seine Lebensaufgabe sieht: »Die jungen Murmeltiere wären ein Festmahl für die Vögel«, sagt er. Falkner Czech ist auf freiwillige Spenden seiner Besucher angewiesen. Er verlangt keinen Eintritt, lebt von Drehgenehmigungen. Viele seiner Tiere waren in der Vergangenheit in TV-Produktionen zu sehen.

Die jungen Murmeltiere, die zur Unterfamilie der Erdhörnchen zählen, haben sich bereits nach wenigen Tagen Tageslicht an die Besucher gewöhnt. An sonnigen Tagen erscheinen davon viele. Wolfgang Czech hat alle Hände voll zu tun, verteilt Karotten und Kekse an die Gäste: Jeder will die kleinen, noch etwas scheuen Murmeltiere füttern, vor allem die Kinder. »Die Kleinen müssen erst einmal Gewicht gewinnen«, weiß Czech. Die Tiere, gewöhnlich scheu, wenn Gefahr naht, haben während des Winterschlafes rund 20 Prozent an Gewicht eingebüßt. »Das Wichtigste ist, dass sie jetzt fressen und Fett ansammeln«, sagt Falkner Czech.

Dass dieses Jahr ein so Nagetier-starkes ist, sei ungewöhnlich. Eine Erklärung hat er dafür nicht. Zumal in Sichtweite eine Großbaustelle liegt. Dort sollen Personalhäuser für ein Fünf-Sterne-Hotel entstehen. Der Lärm von den Baumaschinen und die resultierenden Bodenerschütterungen könnten die Murmeltiere zum Umsiedeln bewegen. Vor rund 15 Jahren ist das schon mal passiert. Damals wurde das Hotel gebaut. Ein zweites Mal will Wolfgang Czech das nicht miterleben. Für die Neuankömmlinge hofft er deshalb nur das Beste – und ein langes Leben am Berg. Murmeltiere können dort bis zu 15 Jahre alt werden.

Kilian Pfeiffer