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Soll jeder zu sehen bekommen: ein Bettlaken mit dem Standpunkt.

»Montagsspaziergänger« treffen auf Gegendemonstranten der Initiative »Berchtesgaden Solidarisch«

Berchtesgaden – Begleitet von großem Polizeiaufgebot sind am Montagabend im Markt von Berchtesgaden 300 sogenannte »Spaziergänger« auf 30 Gegendemonstranten gestoßen. Die Protestveranstaltung der Initiative »Berchtesgaden Solidarisch« war im Gegensatz zum nicht erlaubten »Spaziergang« kurzfristig im Landratsamt angemeldet worden. Die Polizei riegelte Teile des Marktes für die »Spaziergänger« ab. Unstimmigkeiten zwischen den Lagern konnten die Polizeibeamten im Keim ersticken.


Absperrgitter teilten den Markt Berchtesgaden in zwei Lager. Ein ziviles Einsatzfahrzeug der Polizei blockierte den hinteren Marktbereich. Der größere Teil des Ortskerns war für die »Spaziergänger«, die mit ihren regelmäßigen Auftritten gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, vorgesehen.

Der Weihnachtsschützenplatz war am Montag für die angemeldete Kundgebung eines Bündnisses reserviert, das sich erst in den vergangenen Tagen gegründet hatte, mittlerweile einen Facebook-Kanal betreibt, dem bis Redaktionsschluss drei Nutzer folgen. Laut eigener Aussage setze sich das Bündnis aus »Menschen, Vereinen und Organisationen zusammen«, die klarstellen wollen, dass ein demokratischer Diskurs »nur im Rahmen der Anerkennung wissenschaftlicher Evidenz stattfinden kann«. Der aktive Kern der Gruppierung bestand am Montag aus rund zehn Personen. Etwa 20 weitere Personen waren dem über soziale Medien erfolgten Aufruf gefolgt, an der Protestkundgebung teilzunehmen. Die Gegendemonstration war laut Landratsamt am Sonntag »als Eilversammlung« angemeldet worden. Nach Abstimmung mit der Polizeiinspektion Berchtesgaden sei kein Bescheid erstellt worden, die Auflagen wurden »vor Ort mit der Polizei besprochen«, teilte eine Sprecherin der Behörde auf Nachfrage mit. Gemeinsam war allen Teilnehmern der Gegen-Demo: Sie trugen Masken, anders als die »Spaziergänger«. Der Versammlungsleiter wollte seinen Namen auf Nachfrage nicht nennen, sagte, er stamme aus Berchtesgaden.

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Für die Gegendemonstranten gab es Pfiffe.

Die Polizei hatte elf Beamte für die 30 Teilnehmer abgestellt, die rund um den Weihnachtsschützenplatz Position bezogen. Weitere Polizisten folgten den »Spaziergängern«, die ihre Runden durch den Berchtesgadener Markt drehten. Eine kurze verbale Auseinandersetzung zwischen einem nach eigener Aussage Unbeteiligten und dem Versammlungsleiter konnte von der Polizei geklärt werden.

»Anlässlich der nun auch in Berchtesgaden auftretenden sogenannten Spaziergänge haben wir uns als Gruppe zusammengeschlossen«, sagte eine junge Frau, die Teilnehmerin der Gegenveranstaltung war. Bei den Spaziergängen sei »Wissenschaftsleugnung und Extremismus« verbreitet. Dies wolle man so nicht hinnehmen. Die Pandemie sei zur »Belastung geworden«, das öffentliche Leben sei »teilweise zum Stillstand« gekommen. Ein großer Teil der Gesellschaft zeige sich seitdem solidarisch mit »vulnerablen Personen, Ärzten, Kindern in der Schule, Kulturschaffenden und dem Einzelhandel«. Um die Pandemie zu besiegen, hätten sich viele impfen lassen – »all das, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen«.

Die Gegendemonstranten hielten die gesamte Zeit über Schilder und beschriftete Bettlaken vor ihre Körper. Darauf zu lesen: »Vierfach-Booster statt Schwurbelboomer« oder »Gegen Antisemitismus und Verschwörungsideologie«.

Sich solidarisch zeigende Menschen müssten seit Beginn der Pandemie beobachten, »wie in regelmäßigen Protesten gegen Corona-Maßnahmen Wissenschaftsleugnung und antisemitische Verschwörungserzählungen salonfähig gemacht werden«, sagte die Referentin, die ihren Namen nicht nennen wollte. Dabei reihten sich Corona-leugnende Menschen an Kritiker der Maßnahmen , »alternative Mediziner an Rechtsextreme«. Dass das Virus in Reden verharmlost werde, wie die junge Frau sagte, treffe zumindest auf die »Spaziergänger« in Berchtesgaden nicht zu. Bei den vergangenen drei Terminen gab es keine offiziellen Wortbeiträge.

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Rund 300 sogenannte »Spaziergänger« waren am Montagabend bei dichtem Schneegestöber im Markt von Berchtesgaden unterwegs. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

»Die bewusste Parallele zu den Montagsdemonstrationen in der DDR gegen das diktatorische Regime, an der sich auch Pegida-Demonstrierende schon mit der Forderung versuchten, die Demokratie müsse wiederhergestellt werden, ist dabei ebenso abstoßend wie absurd«. Notorisch werde bei den Spaziergängen gegen Infektionsschutzmaßnahmen verstoßen, die Teilnehmer würden sich in ein »Sammelbecken für Verschwörungsideologien« begeben, hieß es weiter. Man sei sich bewusst, sagte die Frau, dass bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen »nicht nur Rechtsextreme mitlaufen, sondern auch Menschen, die mit einzelnen Maßnahmen nicht einverstanden sind«. Das mache die »Spaziergänge« nicht weniger gefährlich: »Diese Menschen solidarisieren sich mit einer von Rechtsextremen unterwanderten Bewegung, die als Kollektiv betrachtet werden muss.«

Kritik an Maßnahmen der Regierung sei unerlässlich für das Funktionieren von Demokratien. »Doch diese Kritik darf nicht auf wissenschafts- oder menschenfeindlichem Boden stehen.« Teilnehmer der »Montagsspaziergänge« sprächen »ausschließlich für eine gesellschaftliche Randgruppe, die sie sind«. Die Protestteilnehmer setzen sich dem »Infragestellen der Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe« entgegen, weil sich dies auf »gefährlichem und schnell auch mal verschwörungsideologischem Boden« bewege.

Einige Buhrufe und Pfiffe gab es von beiden Seiten für die jeweilige Gegenpartei, zu weiteren Vorfällen kam es nach Polizeiangaben nicht. Die Teilnehmer der Initiative »Berchtesgaden Solidarisch« beklagen dagegen, dass man teilweise von »Spaziergängern« verbal angefeindet und beleidigt worden sei. Auch ein Schneeball sei auf einen Teilnehmer geworfen worden.

»Berchtesgaden Solidarisch« ist nach eigenen Angaben eine Initiative, gegründet von einigen Menschen, die sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politische Kultur im Landkreis und bundesweit sorgen.

Kilian Pfeiffer