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Mohammed-Karikaturen wecken Furcht vor neuen Unruhen

Paris/Berlin (dpa) - Mitten hinein in die Massenproteste in der islamischen Welt druckt ein Satire-Magazin derbe Mohammed-Karikaturen. Öl ins Feuer, fürchten viele. Frankreich und Deutschland schützen ihre Auslandsvertretungen, die Angst vor neuen anti-westlichen Unruhen in der islamischen Welt wächst.

Charlie Hebdo
Im November veröffentlichte «Charlie Hebdo» ein Scharia-Sonderheft. Foto: Martin Bureau / Archiv Foto: dpa

Zahlreiche französische Einrichtungen im Ausland sollten vor den Freitagsgebeten sicherheitshalber geschlossen werden, nachdem die wöchentliche erscheinende Zeitung «Charlie Hebdo» am Mittwochmorgen mit islamkritischen Karikaturen provozierte.

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Betroffen sind nach Angaben des Außenministeriums in Paris Botschaften, Konsulate und Schulen in rund 20 Ländern. Auch Deutschland erhöhte die Sicherheitsmaßnahmen.

In islamischen Ländern rund um den Globus gibt es seit einer Woche Massenproteste gegen ein Schmähvideo aus den USA, das den Propheten Mohammed verunglimpft. Etliche Menschen starben, unter ihnen der US-Botschafter in Libyen.

Der explosiven Lage zum Trotz veröffentlichte «Charlie Hebdo» seitenweise neue Karikaturen, die mindestens an die Grenze der Geschmacklosigkeit gehen. Eine Zeichnung zeigt den Propheten nackt in Gebetshaltung mit hoch aufgerecktem Hintern. Darüber hat der Zeichner einen großen gelben Stern gesetzt. Das Bild ist überschrieben mit dem Satz: «Ein Stern ist geboren.»

Strenggläubige Muslime empfinden bereits Filme oder Karikaturen als anstößig, die den Propheten Mohammed als Person zeigen. Das ist nach ihrer Glaubensauffassung verboten. Mohammed-Karikaturen hatten daher schon mehrfach Unruhen in der islamischen Welt ausgelöst. Anfang 2006 kamen dabei mehr als 150 Menschen ums Leben. Auslöser waren damals Karikaturen in der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten».

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) kündigte an, die nach einem Angriff vom Freitag geschlossene deutsche Botschaft im Sudan vorerst nicht wieder zu öffnen. Auch für andere Auslandsvertretungen seien die Sicherheitsmaßnahmen erhöht worden. Der Schutz der Pariser Botschaft in Berlin befindet sich nach Polizeiangaben «auf einem hohen Niveau» und werde ständig der Lage angepasst.

Eine für diesen Samstag in Paris geplante Demonstration gegen das islamfeindliche Video verbot die Regierung. Es geben keinen Grund, Konflikte zuzulassen, die mit dem eigenen Land nichts zu tun hätten, erklärte Premierminister Jean-Marc Ayrault in einem Radiointerview.

Das Magazin «Charlie Hebdo» hatte die Veröffentlichung der Karikaturen bereits im Vorfeld verteidigt und auf die Pressefreiheit verwiesen. Die Zeichnungen seien nicht provozierender als gewöhnlich, sagte der verantwortliche Redakteur Stéphane Charbonnier. Sie würden nur diejenigen schockieren, die schockiert sein wollten. Der Internet-Auftritt der Zeitschrift wurde am Mittwochmorgen von Hackern lahmgelegt und war für Stunden nicht erreichbar. Vermutlich handele es sich bei den Angreifern um radikale Islamisten, sagte eine Sprecherin des Blattes. Das Redaktionsgebäude stand unter verstärktem Polizeischutz. Das Satiremagazin hatte wegen ähnlicher Provokationen bereits mehrfach Ärger. Nach einer «Scharia»-Sonderausgabe mit einem «Chefredakteur Mohammed» gingen im November 2011 die Redaktionsräume in Flammen auf.

Die französische Regierung hat die Medien des Landes aufgerufen, vor dem Hintergrund der aktuellen Situation Verantwortungsbewusstsein zu zeigen. In einer Stellungnahme von Premierminister Jean-Marc Ayrault hieß es, er missbillige jeglichen Exzess. In Frankreich gelte die Meinungsfreiheit, zugleich müssten aber Toleranz und Respekt gegenüber religiösen Überzeugungen gewahrt bleiben. Außenminister Westerwelle sagte: «Nicht der ist der größere Freigeist, der jetzt auch noch absichtlich und mit erkennbarer Wirkung Öl ins Feuer gießen will.»

Auch das in Ausschnitten auf dem Internetportal YouTube veröffentlichte Mohammed-Schmähvideo sorgte weiter für Aufruhr. In der ostafghanischen Provinz Nangarhar protestierten etwa 400 Studenten, sie riefen anti-amerikanische Parolen. König Abdullah von Saudi-Arabien drohte, im gesamten Königreich den Zugang zu YouTube zu sperren, sollte die Internet-Suchmaschine Google weiter Links zu dem Video anbieten.

Auftritt von «Charlie Hebdo»

Ayrault-Interview