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Mittelmeer in Gefahr

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Mittelmeer in Gefahr
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Der Boom der Kreuzfahrtschiffe am Hafen von Palma de Mallorca. Foto: Capa TV Foto: dpa

Tourismus, Seehandel, Öl- und Gasindustrie: Alle wollen vom Reichtum des Mittelmeers profitieren. Doch niemand kümmert sich um dessen Schutz, wie eine Arte-Dokumentation nachvollzieht.


Berlin (dpa) - Es ist schon irgendwie absurd: Man liegt auf einem Kreuzfahrtschiff in einem Pool, und außen schwappt das Meerwasser an den Schiffsrumpf. Oder man brutzelt sich mit Tausenden anderen auf demselben Strandabschnitt in Barcelona, kaum Platz, überhaupt das Strandtuch auszubreiten.

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Das sind zwei Szenen aus der Dokumentation «Mittelmeer in Gefahr», die an diesem Dienstag (20.15 Uhr) auf Arte läuft. Und für die Macher der Sendung zwei Gründe dafür, warum das Mittelmeer bedroht ist.

Massentourismus, der Boom der Kreuzfahrtschiffe, Umweltverschmutzung oder Ölförderung bedrohen das Mittelmeer immer stärker, wie die Dokumentation nachvollzieht. Regisseur Alexis Marrant spricht mit Umweltschützern, Fischern oder Politikern und besucht Küstenorte von Frankreich über Montenegro bis Libyen. «Das Mittelmeer ist bereits eines der am meisten verschmutzten Meere der Welt», sagt der italienische EU-Abgeordnete der Grünen und Meeresbiologe, Marco Affronte.

27 Millionen Passagiere aus der ganzen Welt machen nach Informationen der Doku jährlich Schiffsreisen auf dem Mittelmeer. Doch die großen Kreuzfahrtschiffe hätten eine katastrophale Umweltbilanz, wie Axel Friedrich von der Deutschen Umwelthilfe und Daniel Rieger vom Naturschutzbund (NABU) in der Doku sagen. Die meisten Reedereien setzten nach wie vor auf Schweröl als Kraftstoff.

Draußen hinterlassen die Schiffe Feinstaubpartikel, Schwefel- und Stickoxide. Drinnen vergnügen sich die Leute in Kasinos, auf Eislaufbahnen oder Surf-Simulatoren.

Dazu kommen Frachtschiffe - 120 000 fahren demnach jährlich über das Mittelmeer. Auch die Förderung von Erdöl werde immer mehr zum Problem. Wenn anstehende Projekte realisiert würden, seien bald 40 Prozent des Meeresbodens den Ölfirmen ausgeliefert. 

Die Kamera schwebt über riesige Betonklötze an den Küsten von Rimini, Alanya oder Tel Aviv. Diese Bauten sind nicht nur aus ästhetischen, sondern auch ökologischen Gründen problematisch. Denn die vielen Touristen hinterlassen ihren Müll in der Umwelt. 300 Millionen Besucher zieht das Mittelmeer laut Doku jedes Jahr an. Schätzungen zufolge sollen es 2030 rund 500 Millionen sein. «Die Kapazität der Küstenregionen ist ausgeschöpft», meint die Anwältin und ehemalige französische Umweltministerin Corinne Lepage.

Dazwischen Panoramabilder von oben: Ein Fischerboot, das an der französischen Küste am Fuß der Pyrenäen einsam seine Schneisen durch das Meer zieht. Zuvor hatte ein französischer Fischer seine Sorgen geklagt: Die Sardinen seien kleiner geworden, weil es immer weniger Plankton im Meer als Nahrung gebe.

Besonders dramatisch ist die Situation aber im arabischen Raum. Zum Beispiel vor Tripolis, Libyen. Die Wellen rauschen hinter Bergen von Plastikpartikeln, die sich in den Küstensand mengen. Der Strand ist von Müll übersät, sanft schlickert Öl auf dem Salzwasser.

Im libanesischen Beirut sehen die Zuschauer den Müll direkt hinter Erdwällen am Meeresufer gelagert. Eigentlich eine Behelfslösung - doch die vorgesehene Betriebszeit der Halde ist längst überschritten, eine Lösung nicht in Sicht.

«Der Müll wird irgendwie entsorgt und der Staat tut nichts dagegen», sagt der libanesische Umweltaktivist Pierre Issa. «Wir sind dabei, das Meer mit unserem Müll zuzuschütten.»

Im Osten Tunesiens landet das giftige Abfallprodukt Phosphorgips jeden Tag im Meer - weil ein Phosphorproduzent es in der Küstenstadt Gabès mangels Alternativen direkt ins Wasser leitet. Die Bevölkerung protestiert, doch es passiert nichts - und das, obwohl die Abfälle für eine Häufung von Krebs und Lungenerkrankungen in der Region verantwortlich gemacht werden.

«Eine ganze Reihe wirtschaftlicher Aktivitäten nutzen das Mittelmeer und dessen Reichtümer», resümiert Pascal Canfin, Politiker der französischen Grünen. «Angefangen bei der Fischerei. Dazu kommen die Öl- und Gasindustrie, der Tourismus, der Seehandel und vieles mehr.» Die Summe dieser Aktivitäten führe dazu, dass das Mittelmeer als außergewöhnliches Naturerbe in großer Gefahr sei.