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Roman Winkler sprengt seit Monaten Zehntausende Kubikmeter Fels an der Baustelle der neuen Dokumentation

Mit Krawumm durch den Obersalzberg

Berchtesgaden – Als der Traunsteiner Sprengmeister Roman Winkler die Zündung aktiviert, kracht es am Obersalzberg gewaltig. 100 Kubikmeter Gestein zerbröseln in Sekundenschnelle.

Auf der riesigen Baustelle wurden bislang fast 30 000 Kubikmeter Fels abgetragen. (Fotos: Pfeiffer)

Weit über 100 Mal hat der Experte auf der Baustelle der neuen Dokumentation Obersalzberg den Zünder aktiviert und so mehrere 10 000 Kubikmeter Gestein in Einzelteile zerlegt. Auf einer gewaltigen Fläche soll das Prestigeprojekt des Freistaats Bayern in einem Berghang verwirklicht werden.

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Roman Winkler ist ein kleiner, stämmiger Mann, aus dem die Worte nur so sprudeln. Seit 30 Jahren führt er gezielte Sprengungen durch, verwandelt massives Gestein in fußballgroße Brocken. Sein bislang größter Auftrag war eine acht Minuten dauernde Sprengung einer Gleisanlage. Über 2 000 Detonationen waren nötig.

Roman Winkler sitzt in sicherer Entfernung zur Baustelle der Dokumentation Obersalzberg. Hier oben, auf rund 1000 Höhenmetern hat es deutlich geschneit. »Wir müssen fertig werden«, sagt der Traunsteiner. Um ihn herum versammelt ist eine Abordnung des Staatlichen Bauamts Traunstein, unter anderem Baudirektor Martin Julinek, Chef des Hochbauamts. »Das ist meine erste Sprengung dieser Art, bei der ich dabei bin«, sagt er.

Winkler möchte an diesem Tag 100 Kubikmeter massiven Fels wegsprengen. Gestein, das im Weg ist, um weitere Bauarbeiten durchzuführen. Denn immerhin soll auf der großen Fläche die neue Dokumentation entstehen. Das Gebäude samt Dauerausstellung und historischem Bunker wird komplett in den Hang gebaut. Bevor allerdings begonnen werden kann, muss die Moräne, also Gesteinsmaterial, das einst von Gletschern transportiert wurde, abgetragen werden.

Zwei Signaltöne sind notwendig, ehe es mit der Sprengung losgeht. Foto: Pfeiffer

Tobias Achatz, der Projektleiter der Baustelle, sagt, dass der Moränenboden aus rund 19 000 Kubikmetern Gestein besteht. Weitere 10 000 Kubikmeter mächtig ist der darunter liegende Fels. Rund 30 000 Kubikmeter sind es im Gesamten, die gesprengt, abgetragen und wegtransportiert werden müssen. Auf mehreren Tausend Quadratmetern werden bis zu zwölf Meter Fels entfernt. Eine gewaltige Aufgabe.

»Wir wollen im April 2018 mit den Baumeisterarbeiten beginnen«, sagt Sebastian Philipp, Abteilungsleiter am Hochbauamt Traunstein, und mit der Großbaustelle am Obersalzberg bestens vertraut. Die mächtigen Felswände, die im Hintergrund emporragen, zeugen davon, wie gewaltig die Dimensionen der Moräne einst waren. Mit Spritzbeton wird der Hang gesichert. 25 Zentimeter dick ist der aufgetragene Beton an jeder Stelle. Zusätzliche Stahlnetze sollen Sicherheit bieten, damit sich in Zukunft kein Steinbrocken aus der Wand löst. Denn die Dokumentation wird genau vor dem Fels errichtet werden. Gesteinsmaterial und Erdreich soll die Einrichtung umgeben, das Dach bedecken und somit wieder einen Hang simulieren, in dem das Bauwerk eingebettet ist.

Roman Winkler, der Sprengmeister, hat in den vergangenen Monaten Tausende Kubikmeter Gestein dank gezielter Detonationen abgetragen. Heute stehen die letzten Arbeiten an. »Hier muss später eine Baustraße gebaut werden«, sagt er. Die Vorarbeiten sind aufwendig: 27 Bohrungen muss Winkler setzen, jede fünf Zentimeter im Durchmesser, rund zwei Meter tief. In die Bohrlöcher kommt Sprengstoff, pro Loch rund ein Kilogramm. Mit gelben und roten Kabeln werden die Löcher miteinander verbunden. Ein weiteres Kabel führt quer über den Baustellenbereich und endet nach rund 60 Metern in einem kleinen Kasten, an dem Roman Winkler sitzt.

An drei Stellen in einem Umkreis von mehreren Hundert Metern hat Winkler, dessen Sohn ihn unterstützt, Messgeräte installiert, die die Erschütterungen der Detonationen messen sollen. In der alten Dokustelle ist eines installiert, ein weiteres findet sich im Bunker, das dritte Gerät steht in einer unweit gelegenen Gaststätte. »Maximal einen Zentimeter dürfte die Bodenschwingung ausfallen«, sagt er. Wobei wenige Millimeter die Regel sind. Schaden an umliegenden Bauwerken möchte der Traunsteiner Sprengexperte verhindern. Und natürlich soll auch der mächtige Felsen, der einen Steinwurf entfernt in den bewölkten Himmel ragt, nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

»Geht auf eure Posten«, ruft Roman Winkler in die Runde. Mehrere Arbeiter sichern den Bereich rund um den Detonationsort. »Ich werde jetzt zweimal einen Signalton geben, dann wird es laut«, sagt er. Geplant ist, dass alle 27 Sprengungen in kurzer Folge ablaufen. Winkler verbindet ein paar Kabel mit dem kleinen Gerät, an dem sich eine Kurbel befindet. »Laden« und »Zünden« steht dort geschrieben. »Wenn ich die Kurbel auf Zünden stelle, geht es los.« Mit einer Plastiktröte setzt Winkler zum Signal an. Zwei kurze Töne, dann dauert es eine Sekunde und mit einem gewaltigen Rumms hebt sich das Gesteinsmaterial am Boden der Riesenbaustelle.

»Da ist etwas schiefgelaufen«, sagt Winkler. Nichts Tragisches. Allerdings ist nur eine der beiden Sprengreihen detoniert. Ein wichtiges Verbindungskabel wurde bei der Explosion durchtrennt. In Minutenschnelle hat Winkler das Kabel ausgetauscht, alle Anwesenden gehen abermals in Deckung. Wieder ertönt die Plastiktröte, dann bebt die Erde. Der zweite Knall ist lauter als der erste.

»Das war's«, sagt Winkler, während er die Rauchwolke beobachtet, die sich aus dem Gestein erhebt. Ein prüfender Blick reicht aus, Winkler nickt. Jetzt muss das Gestein abtransportiert werden. Winkler ist zufrieden, seine Arbeit hier oben auf dem Obersalzberg ist so gut wie erledigt. Kilian Pfeiffer