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Dr. Juraj Artner, Chefarzt für Schmerztherapie der Kreisklinik Berchtesgaden. (Foto: Kliniken Südostbayern)

Mehr Schmerzen wegen Pandemie: Chefarzt für Schmerztherapie der Kreisklinik Berchtesgaden im Interview

Berchtesgaden – »Sowohl bei der Bevölkerung, als auch im Kollektiv der chronischen Schmerzpatienten verzeichnet man seit der Pandemie eine Verschlechterung«, sagt Dr. Juraj Artner, der an der Kreisklinik Berchtesgaden die Schmerztherapie leitet. Als Ursachen nennt er neben Lockdown-bedingtem Mangel an Bewegung, Isolation, Mehrarbeit an Bildschirmarbeitsplätzen und Pandemie-bedingte Einschränkungen in der Versorgung.


Viele Patienten trauten sich wegen der Ansteckungsgefahr nicht ins Krankenhaus, zum Arzt oder Physiotherapeuten. Und selbst in diesen Institutionen waren die Behandlungsmöglichkeiten aufgrund des hohen Patientenaufkommens eingeschränkt. »Zeitweise musste auch unsere Berchtesgadener Schmerztherapie vom Netz gehen«, berichtet der Chefarzt. Damit aber die Patienten einen Ansprechpartner hatten, wurde auf ambulanten Kontakt umgestellt, in Extremfällen auf telefonischen. »Auch wenn sich die Lage mittlerweile langsam stabilisiert und die Schmerzpatienten dank umfangreichen Änderungen der Abläufe wieder »normal« behandelt werden können, werden uns die Pandemiefolgen noch lange nachhängen«, sagt Dr. Artner. Denn neben Zunahme an Arbeitsausfällen aufgrund von Rückenschmerzen haben statistisch gesehen auch Ausfälle aufgrund von seelischen Belastungen zugenommen.

Was kann man dagegen tun? Längeres Arbeiten an einem Computerarbeitsplatz führt zur Müdigkeit und Haltungsverfall. Genauso längeres Sitzen vor dem Fernseher, erklärt Dr. Artner. Diesen Bewegungsmangel muss man aktiv bekämpfen, indem man sich dehnt, spazieren geht oder Ausgleichssport treibt. Um die allgemeine Fitness zu verbessern, das kardiovaskuläre Risiko zu senken und das seelische Wohlbefinden zu stärken, werden von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) allgemein 150 Minuten an (leichten sportlichen) Aktivitäten pro Woche empfohlen. Hierzu zählen Freizeittätigkeiten wie Walking, Fahrradfahren, Ergometer, Joggen oder Schwimmen.

»Möchte man kritisch Bilanz ziehen, muss man die »Gesamtbevölkerung« und die regelmäßig »sportlich Aktiven« getrennt betrachten, da nur circa 31 Prozent der Menschen als regelmäßig Aktiv betrachtet werden können«, berichtet der Chefarzt.

Untersuchungen ließen darauf schließen, dass bei mehr als zwei Drittel der befragten Menschen die sportlichen Aktivitäten (im Durchschnitt um 41 Prozent) während der Pandemie zurückgegangen sind. Besonders betroffen seien ältere Menschen, berichtet Dr. Artner weiter. Auswertungen von Sportuhren lassen wiederum darauf schließen, dass Menschen, die bereits vor der Pandemie regelmäßig sportlich aktiv waren, während der Pandemie ihre Aktivität beibehalten oder sogar geseigert haben.

Und wie sieht es bei Menschen aus, die bereits Schmerzen haben? Wichtig ist auch hier ein aktiver Umgang mit seinem Leiden. »Leider verfallen viele Schmerzpatienten aus Angst vor mehr Schmerzen in einen Teufelskreis aus Schonung, Bewegungsmangel und weiterem körperlichen und seelischen Abbau«, warnt der Schmerztherapeut. Tatsächlich häufen sich Berichte, dass bei etwa 70 Prozent der Menschen mit chronischen Schmerzen die Schmerzstärke, -häufigkeit und die schmerzbedingten Probleme im Alltag in der Pandemie zugenommen haben. Zusätzliche Belastungen wie soziale Isolation, Zukunftsängste, Verluste von Bekannten, Unsicherheit oder Arbeitsplatzstressoren verstärken die Probleme noch mehr. Auch die Anzahl an körperlichen Aktivitäten ist bei diesen Menschen deutlich zurückgegangen.

Kann auch Covid-19 Rückenschmerzen verursachen? Symptomatische Infektion mit Coronaviren kann ein breites Spektrum an Schmerzzuständen direkt und indirekt verursachen. Rückenschmerzen können als Folge des Lungenbefalls, aber auch indirekt durch längere Bettlägerigkeit und Aktivitätsrückgang hervorgerufen werden.

Aus Sicht von Dr. Artner muss man jeden Patienten individuell betrachten und nach Möglichkeit ganzheitlich behandeln. »Zur Auswahl stehen Kombinationen von mehreren Verfahren«, sagt der Schmerzspezialist, zum Beispiel Medikamente, Bewegungstherapie, Rückenschulung, medizinische Trainingstherapie, Entspannungsverfahren, aber auch Injektionsverfahren, psychologische Maßnahmen und Arbeitsplatzmodifikationen. Ein gutes Portfolio bieten multimodale Schmerzprogramme wie an der Kreisklinik Berchtesgaden, bei denen die oben genannten Maßnahmen kombiniert angewendet werden, um die Aktivität und Umgang mit Schmerzen zu verbessern.

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