»Mehr Männer in die Kindererziehung«

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Hausaufgabenbetreuung gehört zum Alltag von Matthias Zahnbrecher (links) und Gemeindejugendpfleger Samuel Bienzle. (Fotos: Hohler)
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Ausnahmsweise fürs Foto mal miteinander, sonst nur mit den Kindern, spielen Samuel Bienzle (links) und Matthias Zahnbrecher auch mal Kicker.

Waging am See – Wenn es nach ihm ginge, würde es eine Art Verpflichtung geben, dass in jeder Kinderbildungseinrichtung mindestens ein Mann beschäftigt sein muss. Denn Wagings Gemeindejugendpfleger, Leiter der Mittagsbetreuung und der offenen Ganztagsschule, Samuel Bienzle, ist überzeugt, dass besonders Buben männliche Vorbilder brauchen, wenn sie in ihr Rollenbild hinein finden sollen. »Das können ja auch Praktikanten sein oder Bufdis.«


Dass es nur wenig männliche Erzieher gibt, hat mehrere Gründe. Zum einen ist es das im sozialen Bereich allgemein geringe Gehalt, mit dem man als Single schon sparsam sein muss, um mit Wohnung und Auto über die Runden zu kommen. Zum anderen gibt es ein stillschweigendes grundsätzliches Misstrauen – Männer als Erzieher, die sind doch sicher pädophil?

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»Ich bin da bisher noch nie blöd angeredet worden«, sagt der 28-Jährige. Aber ja, auch er kennt die erstaunten Blicke, die nicht geäußerten Fragen, die im Raum stehen, wenn er sagt, womit er seine beiden Kinder ernährt. »Aber es passiert halt auch viel, und die Übergriffe gehen immer von Männern aus.«

Die kleine Schwester gab den Ausschlag

Dabei brachte den gebürtigen Teisendorfer seine kleine Schwester zu seinem Beruf: »Die ist zehn Jahre jünger als ich. Und als sie so sechs oder sieben war, da hat es mir einfach richtig viel Spaß gemacht, mit ihr zu spielen. So bin ich auf die Idee gekommen, mit Kindern zu arbeiten.« Zwei Jahre lang besuchte er die Berufsschule III in Traunstein und lernte Kinderpfleger – und an der Schule seine Frau Lisa kennen. Die aber ging den Weg anders weiter und wurde Krankenschwester – nicht zuletzt wegen der schlechten Verdienstchancen als Kinderpflegerin.

Aber schon im Praktikum im Kindergarten merkte er, dass ihm das »ein bisserl viel Frau« war, »und das mein' ich jetzt überhaupt nicht despektierlich, aber die Kollegen waren alle Frauen, die meisten Kinder wurden von den Müttern abgeholt.«

Dann kam der Zivildienst. Und die Arbeit mit geistig behinderten Kindern im Heilpädagogischen Zentrum in Piding machte ihm so viel Spaß, dass er im Anschluss zwei Jahre lang die Erzieherschule in Mühldorf besuchte.

Dabei war die Arbeit sehr vielfältig, reichte von den Kleinen in der Schulvorbereitenden Einrichtung bis zur Berufsschulgruppe, von der Hausaufgabenbetreuung und Schulbegleitung bis zum pflegerischen Bereich inklusive Wickeln »auch der 20-Jährigen noch. Da wirst dann schon mal komisch angeschaut im Umfeld. Aber das gehört halt dazu«.

Das Anerkennungsjahr als Erzieher leistete er wieder in Piding ab und wurde danach auch gleich übernommen – leider nur in Teilzeit. »Aber nach fünf Jahren Ausbildung und bei der Verantwortung sind 1250 Euro netto nicht viel.« Als auch im dritten Jahr keine feste Vollzeitstelle in Aussicht war, bewarb er sich in Waging, wo er zum Glück sofort zu guten Konditionen angestellt wurde.

Bienzles rechte Hand, Matthias Zahnbrecher, ist Kinderpfleger. Der 21-Jährige leistete seinen Bundesfreiwilligendienst in Waging ab, »weil ich wirklich überhaupt nicht wusste, was ich nach der Schule machen sollte. Und das hat mir gleich sehr gut gefallen«. Der Ottinger arbeitete während der zwei Jahre an der Kinderpflegeschule nebenbei im Jugendtreff weiter. »So war ich nie ganz weg«. Und nach der Ausbildung war klar, wo er wieder arbeiten würde. »Ich hab' ja alle gekannt, das Team und auch die Kinder.«

Die Erzieher-Ausbildung hat Zahnbrecher auf alle Fälle noch vor, aber nebenberuflich. Dazu muss er aber erst noch Berufserfahrung sammeln. »Das ist dann zwar brutal viel zu lernen, aber ich möchte auf alle Fälle hier weiterarbeiten, denn das Klima ist sehr gut, egal ob untereinander oder mit den Eltern, Lehrern, Vereinen und natürlich auch mit den Kindern und Jugendlichen selbst.«

»Vor allem wird unsere Arbeit hier geschätzt«

Das bestätigt auch Bienzle: »Wir haben hier einen super Arbeitgeber, und vor allem wird unsere Arbeit geschätzt.« Nicht zuletzt, dass die beiden Männer einen lockeren und offenen Umgang mit den ihnen anvertrauten Kindern pflegen, ist von Kollegen, Eltern, der Gemeinde und natürlich den Kindern selbst anerkannt.

»Wir erarbeiten die Regeln mit ihnen, denn wir wollen sie aufs Leben vorbereiten. Sie sollen lernen, wie man diskutiert und Kompromisse findet, und wie man auch mal aushält, was einem nicht passt, wenn sich die anderen durchsetzen.« Gemeinsam werden Wochenpläne erstellt, die Kinder dürfen auch den Tag mitgestalten. »Sie sollen sich unbedingt auch ernst genommen fühlen«, sagt Bienzle.

Natürlich gehört auch das Spielen dazu. »Gerade für Buben sind zum Beispiel auch Bewegungs- und Teamspiele wichtig, wie zum Beispiel Fußball. Bei Buben passiert viel über den Sport.« Und im Gegensatz zu vielen – beileibe nicht allen – Erzieherinnen, haben Bienzle und Zahnbrecher in manchen Dingen vielleicht weniger Vorschriften und Dinge, die passieren könnten, im Hinterkopf.

Stelle ist »wahnsinnig breit gefächert«

Seine Stelle sei »wahnsinnig breit gefächert«, sagt Bienzle. Denn neben der Mittagsbetreuung und Ganztagsschule leitet er auch den Jugendtreff, der Montag, Dienstag und Donnerstag von 16 bis 19 Uhr für Kinder und Jugendliche ab sechs bzw. zwölf Jahre geöffnet ist. Neu im Anschluss ist der Kids Day am Montag als zusätzliches Angebot für Kinder im Grundschulalter. Die Idee dazu entstand vor drei Jahren bei der Planung des Kinderkinos einmal im Monat immer am Freitag um 15.30 Uhr in der Tourist-Info. Bienzle und Zahnbrecher haben heuer einen Schulmarathon hinter sich und waren in allen Grundschulklassen, um das neue Programm vorzustellen.

Er unterstützt Vereine bei Zuschussanträgen, organisiert das Ferienprogramm, ist dabei, wenn die Vereine ihre Termine planen. So kennt er inzwischen alle am Ort, die mit Kinder- und Jugendarbeit zu tun haben. »Jetzt nach fünf Jahren sind wir super vernetzt am Ort.«

Ihren Beruf würden beide anderen Männern jederzeit empfehlen: »Jeder Tag ist anders, und das ist echt super, was du zurückkriegst von Eltern, den Kollegen und natürlich den Kindern selbst.« Beim Vereinstreffen gebe es einen »super Austausch. Das gibt richtig Motivation.« coho

 

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