weather-image
Spätes Glück in der Liebe: »Josef und Maria« im Traunreuter k1

Märchen für Erwachsene

Ein Weihnachtsabend in einem Kaufhaus. Die letzten Kunden sind weg, es ist Betriebsschluss. Da betritt eine ältere, adrett gekleidete Frau den Personalraum und beginnt sich umzuziehen. Zum Vorschein kommt Maria, die gelegentlich als Putzfrau arbeitet.

Jutta Speidel und August Schmölzer legen einen flotten Tango auf das Parkett der k1-Bühne in Traunreut hin. (Foto: Heel)

Gleich darauf erscheint Josef, der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft. Auch er hat seine besten Jahre bereits hinter sich. Sichtlich froh über die Gesellschaft des anderen, fangen beide an, von sich zu erzählen. Maria von ihrer bösen Schwiegertochter, Josef von seiner Abneigung gegen das Weihnachtsfest (»Alles Erfindung«). Dass sie dabei erst einmal aneinander vorbeireden, spielt keine Rolle. Hauptsache, sie können loswerden, was sie bewegt, ärgert, traurig macht.

Anzeige

So beginnt das Theaterstück »Josef und Maria«, das im Saal des Traunreuter k1 aufgeführt wurde. Geschrieben hat es der 1944 in Kärnten geborene Dramatiker Peter Turrini, einer der bedeutendsten Bühnenautoren Österreichs. 1980 im Wiener Volkstheater uraufgeführt, wurde das Stück seitdem in 21 Sprachen übersetzt und steht weltweit auf den Spielplänen.

Wie sich die beiden vom Leben enttäuschten »Übriggebliebenen« schließlich näherkommen, ist dann so amüsant wie nachdenklich stimmend, auch dank der hochkarätigen Besetzung mit den TV-Stars Jutta Speidel und August Schmölzer, die ihre Rollen perfekt ausfüllen, Speidel mit angebracht leicht verhärmten Charme, Schmölzer mit kraftvoll gespielter Mischung aus Resignation und Trotz. Denn während Maria ihrem kurzzeitigen Glück als Varieté-Tänzerin nachtrauert: »Ich war eine schöne Frau«, schleppt Josef als einst verfolgter (und gefolterter) Kommunist und gescheiterter Schauspieler böse Erinnerungen mit sich herum.

Doch ihre Gesprächigkeit, ihre Sehnsucht nach Nähe und nicht zuletzt die von Maria mitgebrachte Flasche Schnaps sorgen dafür, dass sie einander zu fassen kriegen, zunächst bei einem flotten Tango und schließlich im Bett, wo Josef zu der Erkenntnis gelangt: »Die Situation ist dermaßen, dass das Du-Wort angebracht wäre.«

So entsteht das berührende Porträt zweier einsamer Menschen am anderen Ende der Konsumgesellschaft, die zwar einmal von Größerem geträumt haben, nun aber unerwartet ein spätes Glück finden. Ein Weihnachtsmärchen eben, aber ein wunderschönes. Wolfgang Schweiger