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Benefiz-Theaterabend für das Netzwerk Hospiz mit Bettina Mittendorfers Bühnenprogramm »Vom Sterben«

Leben bis zuletzt, Sterben in Würde

»Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben«, so lautet ein Zitat aus dem Faltblatt des Netzwerks Hospiz: In Zusammenarbeit mit Kliniken, Hausärzten und Pflegediensten werden Sterbende und unheilbar Kranke im Chiemgau auf ihrem letzten, schweren Weg menschlich und fachlich kompetent begleitet.

Bettina Mittendorfer, in musikalischer Begleitung von Rainer Gruber, erzählte, las und spielte »Vom Sterben« ohne Berührungsängste. (Foto: Benekam)

»70 Prozent der befragten Menschen, äußern den Wunsch zuhause zu sterben. Trotzdem sterben die meisten Menschen im Krankenhaus«, so Alois Glück, 1. Vorsitzender des Netzwerks Hospiz zu Beginn des Abends. Der Lions Club Chiemsee-Bedaium veranstaltete zusammen mit der Schauspielerin Bettina Mittendorfer aus Traunstein und Rainer Gruber (Akkordeon) in Ising einen Benefiz-Theaterabend, um mit dem Erlös das Netzwerk Hospiz in Traunstein zu unterstützen.

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»Auch wir Ärzte neigen dazu, das Sterben weit von uns und unseren Patienten wegzuschieben. Es hinterlässt Schwere, Trauer und eine große Leere«, berichtete Dr. Joachim Deuble, Präsident des Lions Club Chiemsee-Bedaium und Chefarzt der Kreisklinik Trostberg, bei einer kurzen Begrüßung der zahlreichen Gäste.

Das Sterben gehört zum Leben wie die Geburt

Wie man im Verlauf des Theaterabends erleben konnte, macht die Literatur um das tabuisierte Thema Tod und Sterben keinen Bogen. Genau wie die Geburt, gehört das Sterben zum Leben, ist, wenn auch sehr negativ belegt, von großer Emotion beladen. Und weil dem Tod bekanntlich niemand auskommt, muss sich ein jeder früher oder später damit auseinandersetzten. Bettina Mittendorfer hat in ihrem Programm »Vom Sterben« unterschiedlichste Texte von bekannten und weniger bekannten Autoren zusammengetragen. Eindrucksvoll stellte sie in ihren sehr umfangreichen und abwechslungsreichen szenischen Lesungen dar, dass das Ableben nicht nur tragische Aspekte hat, sondern, gerade in der Kunst, auch nicht selten auf humorvolle Weise verarbeitet wird.

Einen Abend »Vom Sterben«, hätte sich der ein oder andere sicherlich weniger »lustig« vorgestellt, wenn auch so mancher Text von doppeldeutigem Sarkasmus durchdrungen war. Ludwig Thomas Text »Das Sterben«, erzählt von der Not eines Sterbenden, der auf dem Sterbebett seine eigene Beerdigung organisiert. Dabei ist es ihm wichtig, dass bei »seinem Abgang« an nichts gegeizt wird. Zwei, nicht eine Halbe Maß, sollen die Totengräber bekommen, dass a »anständige Leich« wird und »de Leit nix zum redn’ ham«.

Birnen auf dem Grab

Auch Theodor Fontane begegnet dem Thema Tod mit einem vorausschauenden Augenzwinkern: In seiner Ballade »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« schlägt der freigiebige Kinderfreund dem Tod und seinem geizigen Sohn ein Schnippchen. Nachdem er zu Lebzeiten Birnen an Kinder verschenkt hatte, ließ er sich als Grabbeigabe eine Birne mitgeben. Diese wuchs zum Birnbaum und lockte Kinder an, die sich munter an den leckeren Birnen des Baumes laben konnten.

Durch den Abend zog sich in »zwei Aufzügen« auch die Geschichte vom Brandner Kasper von Franz von Kobell, die Mittendorfer in wunderschöner oberbairscher Mundart, fast einer eigenen Theater-Adaptation gleich, in temperamentvoller und darstellerischer Glanzleistung zum Leben erweckte. Nicht minder grandios dargestellt war »Der Großvater im See« von Georg Queri. Mittendorfer zieht alle Register niveauvoller Erzähl- und Schauspielkunst, schlüpft in die unterschiedlichen Rollen, adaptiert Sprache und Körperausdruck, ohne je an Textsicherheit – den Großteil des Programms bewältigte sie ohne Blick ihre Textblätter – einzubüßen.

Die Würde konservieren

Düster und traurig wurde es bei der »Legende der Dirne Evelyn Roe«, einer Ballade von Bertholt Brecht oder auch bei »Das Lied vom ertrunkenen Mädchen«. Beide Texte machen deutlich, dass sich der Mensch über den Tod hinaus seine Würde konservieren möchte. Selten ist über ein Thema, über das man nicht so gerne spricht, so unverkrampft »gesprochen« worden. Die Frage, die sich stellt, ist, wie man mit dem Unvermeidlichen umgeht und wie man es, im Rahmen der Möglichkeiten, erleichtern könnte.

Eine passende Antwort, eine sehr menschenwürdige Variante, den letzten Weg weniger schmerzvoll zu gestalten, bietet das Netzwerk Hospiz. Mittendorfers Aufarbeitung des »blinden Flecks« rund um das Thema Sterben nimmt die Scheu, spricht an, was nicht ausgesprochen werden soll, ohne dabei ins Triviale abzugleiten. Nach lang anhaltendem kräftigem Applaus, auch für die grandiose musikalische Begleitung von Rainer Gruber, richteten noch einige Gäste Dankesworte an Bettina Mittendorfer. Ein gelungener Abend für eine ganz große Sache. Kirsten Benekam