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Lauter Protest im Markt von Berchtesgaden: »Das Festhalten am Inzidenzwert ist falsch«

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Rund 200 Demonstranten waren am Montagmittag in den Markt von Berchtesgaden gekommen. Mehr als vergangene Woche. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Für Berchtesgadens Bürgermeister ist es eigentlich schon zu spät, »fünf nach zwölf« sagte er während des zweiten groß angekündigten Protestes im Markt von Berchtesgaden. Zu diesem Zeitpunkt war schon bekannt, dass der Lockdown bis in den April hinein verlängert werden soll. Es kamen noch mehr Leute als beim ersten Mal, knapp 200. 30 Minuten Zeit hatten die Initiatoren – fünf Referenten machten auf die gesellschaftlich und wirtschaftliche Situation der Berchtesgadener aufmerksam, auch ein Kreisrat sprach. »Solche Veranstaltungen in Summe werden Wirkung erzeugen«, prognostizierte der Bürgermeister.


Für Gemeindechef Franz Rasp ist die Zeit des Handelns längst gekommen: Allerdings: »Der Bund ist nicht in der Lage: Das Impfen läuft viel zu langsam.« Dies sei eine Schande, sagte Rasp, und erntete dafür lauten Applaus, unterstützt von Glockenscheppern und Topfschlagen. »Ziel muss sein, dass wir mit einem vernünftigen Konzept öffnen, alle müssen an einem Strang ziehen«, so Rasp. Das Festhalten am Inzidenzwert sei der falsche Weg. Dennoch: Er hatte mahnende Worte im Gepäck, nur wenig Verständnis für Bürger, die während der Arbeit brav die Maske trügen und »dann im vollgepackten Auto nach Hause fahren«.

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Rasp munterte die Berchtesgadener auf, weiterhin »laut zu bleiben – und natürlich gesund«.Tatsächlich sind die Berchtesgadener Protestteilnehmer nicht allein im Landkreis: Gleichzeitig fanden am Montagmittag Veranstaltungen in Reichenhall, Freilassing, Traunstein und Garmisch-Partenkirchen statt. Alle verfolgen sie das Ziel, »endlich Gehör in der Politik« zu finden. »Seit fünf Monaten und zwei Tagen sind wir im Lockdown«, sagte Werner Bauer vom Hofbrauhaus Berchtesgaden. »Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem man das, was geschieht, nicht mehr einordnen kann.«

Franz Moderegger, Betriebsleiter der Jennerbahn, zeigte sich überzeugt davon, dass die versprochenen Hilfen »komplett am Ziel vorbei gehen«. Im Talkessel habe man bewiesen, dass in hoher Summe in Hygienemaßnahmen investiert wurde: »Das muss endlich von der Regierung respektiert werden. Dass es klappt, haben wir im vergangenen Jahr bewiesen.«

Dass das »Wasser uns bis zum Hals steht«, darauf machte Julia Weindl aufmerksam. Sie ist Elternbeiratsvorsitzende der Kita in Schönau am Königssee. Sie engagierte sich zum wiederholten Male, hat einen lauten Protest zur Öffnung von Schulen und Kitas initiiert. »Wir stehen Schulter an Schulter mit Handel, Tourismus und Bürgern.« Weindl fühlt sich »von der Regierung im Stich gelassen«, plädiert für eine Abkehr vom Inzidenzwert als alleinige Entscheidungsgrundlage für Öffnungen und Schließungen. Nicht nur der Handel, auch die Kinder würden als »Sündenböcke und Treiber der Pandemie beschuldigt«. Das sei schlichtweg falsch. Auch Kreisrat Bernhard Heitauer (CSU) fehlt »mittlerweile das Verständnis«. Am Götschen, ganz in Hand des Deutschen Skiverbands, sei seit Monaten »ununterbrochen Sportbetrieb«. Ein Infektionsgeschehen habe es seitdem nicht gegeben: »Kein einziger Fall ist dort bekannt«, sagte Heitauer. Dass Kinder keinen Sport betreiben dürften, dafür fehlten ihm die Worte. »Die Gesellschaft ist im Verfall.« Die Politik müsse Handlungsbereitschaft zeigen.

Kilian Pfeiffer

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