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»Lausbubengeschichten, Jugendstreiche und kuriose Erlebnisse«

5.0
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Mancher wird sich fragen: Ein Lehrer, ein pensionierter Lehrer, was sollte der schon großartig erlebt haben? Erst ging er zur Schule, dann machte er auf Lehrer, ging jahrelang wieder zur Schule und heute scharrt er vielleicht den ganzen Tag im Garten herum. Ludwig Ellingers neues Buch belehrt uns da eines Besseren; nur wenige Zeitgenossen und noch weniger Lehrer haben ein so ereignis- und erlebnisreiches Leben hinter sich. Das beginnt schon bei den Erlebnissen des 1935 geborenen in seiner Kindheit, als er noch »beim Hitler« schwor anstatt »bei Gott«, denn den Hitler konnte man sehen, den lieben Gott aber nicht. Die diesbezüglichen Erklärungen des Pfarrers zum Universum, dem Sonnensystem und den Galaxien fanden in seinem noch nicht ausgereiften Denkapparat wenig Halt.


Da die Väter im Krieg waren, genossen er und die ihn umgebende Clique volle Handlungsfreiheit, was natürlich zu diversen Abenteuern verleitete. Am Krieg nahm die Mini-Bande natürlich auch teil, indem sie einen amerikanischen Tiefflieger mit Steinschleudern abschoss. Nun ja, so ganz dürfte das allerdings nicht geklappt haben. Dafür umso besser die Plünderung eines abgelassenen Karpfenteichs, dessen Besitzer sich später darüber wunderte, dass so wenig Fische drin waren.

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Stets mit von der Partie die ein Jahr ältere »rote Lilo«, so genannt wegen ihrer feuerroten Haare und ob ihrer Wildheit berüchtigt. Die sich nicht zuletzt zeigte, als sie sich an einem Badegewässer mir nichts – dir nichts nackt auszog und die staunenden Buben feststellen konnten, dass ihre Haare an delikater Stelle ebenso rot leuchteten wie das Haupthaar. Zwölf Jahre später, als junger Student, traf er sie zufällig in München wieder. Aufgrund schlechter pekuniärer und gesellschaftlicher Vorgaben – der Vater war im Krieg gefallen – hatte sie eine Karriere als Bordsteinschwalbe angetreten.

1958 heiratete Ellinger seine Frau Maria und kam 1960 als Lehrer nach Kay, wo er es gerade einmal drei Jahre aushielt – ihn und seine Frau zog es in die weite Welt hinaus. Ellinger nahm ein Angebot des Auslandsschuldienstes an und begann 1963 seinen Dienst an der Deutschen Schule in Bogotá in Kolumbien.

Dort hatte die Zivilisation in den 60er Jahren noch nicht so recht Fuß gefasst und die Ellingers mussten nicht nur erst einmal Spanisch lernen, sondern auch noch ihre typisch deutsche Mentalität einem durch und durch korrupten Staatswesen anpassen. Zudem war der Aufenthalt wegen des verbreiteten Terrorismus und den Aktivitäten der Guerrilleros nicht eben ungefährlich, weshalb Ellinger auch stets eine geladene und geölte Pistole in der Tasche hatte. Respekt vor dem Eigentum anderer war dort offensichtlich eine Tugend, die erst noch erfunden werden musste. Kopfschüttelnd liest man Ellingers Schilderung eines zweistündigen Konzertbesuchs, während dessen der Parkwächter die neuen Reifen seines Autos kunstgerecht gegen vier plattgefahrene austauschte. Das erinnert irgendwie an die Geschichte von Leuten, die einem im Vorbeigehen aus dem Kellerfenster heraus die Schürsenkel von den Schuhen klauen.

In Südamerika unternahmen die Ellingers ebenso interessante wie aufreibende Reisen, so auch eine Fahrt um den Golf von Mexico von Miami bis Panama. Dazu hatten sie allerdings keine Gefährte zur Verfügung wie wir heutzutage, sondern amerikanische Oldtimer, die auf 100 km einen halben Liter Öl verbrannten und mit einem sogenannten »Overdrive« ausgestattet waren. Was das ist, wissen auch nur noch die »Oldtimer« unter seinen Lesern.

Diese Fahrt fand auf Straßen statt, die eigentlich nur für Panzer befahrbar waren, wobei nicht auszuschließen gewesen wäre, dass es selbst diesen auf solchen Straßen das Kanonenrohr verbogen hätte. Bei einer Bahnfahrt mussten die Passagiere aussteigen und zu Fuß einen Erdrutsch überqueren, um auf der anderen Seite mit einem anderen Zug weiterfahren zu können. Auch mit den Praktiken der kolumbianischen Polizei machten die Reisenden Bekanntschaft, die nämlich weniger denjenigen von Ordnungshütern entsprachen, sondern vielmehr denen von organisierten Räuberbanden.

So reiht sich in Ellingers Buch Ereignis an Ereignis, Geschichte an Geschichte, ohne einen Augenblick langweilig zu werden. 1967 kehrten die Ellingers wieder in den deutschen Schuldienst zurück, nicht ohne vorher zur Abwechslung noch ein Erdbeben miterlebt zu haben. Aber schon ein Jahr später ging Ellinger die deutsche Reglementierungswut in der Pädagogik auf die Nerven und diesmal ging es an die Akademie für Lehrerbildung in Santiago de Chile. Dorthin führte die Reise im April 1968 mit einem Frachtschiff, das schon in der Biskaya in einen Sturm geriet, der sogar den Kapitän und die Offiziere »weiß um die Nase« werden ließ. Auch die folgenden Schilderungen der Erlebnisse bis 1971 in diesem von politischer Unfähigkeit heimgesuchten Land lassen keine Langeweile aufkommen.

1971 begann Ellinger seine Lehrertätigkeit in Waging am See und wurde dort bald zum Konrektor ernannt. Es folgte 1978 die Schulleitung an der Hauptschule in Freilassing, während derer Ellinger wieder einmal »abhauen« wollte, diesmal als Schulleiter nach Spanien, woraus allerdings nichts wurde. 1986 wurde er als Leiter an die Franz-von Kohlbrenner-Schule in Traunstein berufen. Diese Zeiten nach Chile erwähnt Ellinger nur am Rande, und seine Erfahrungen und Erlebnisse im hiesigen Schulbetrieb liefern vielleicht noch Stoff für ein weiteres Büchlein dieser Art.

In seinen Schilderungen bedient sich Ellinger eines erfrischenden und unpathetischen Stils unter Verzicht auf romantische Metaphern. Sein Buch enthält überdies eine große Zahl hauptsächlich auf seinen Reisen aufgenommener Schwarzweiß-Fotos. Erschienen ist es kürzlich im Liliom-Verlag Waging unter der ISBN 978-3-934785-58-8. Werner Fritz