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Künstler im Dialog über Erinnerungen

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Verschiedene Konzepte, das gleiche Thema: In der Alten Wache im Rathaus in Traunstein treten drei Künstler in einen Dialog über Erinnerungen.
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Die Reihe »Im Dialog« des Kunstvereins Traunstein gibt es seit 2010 – ab Mittwoch ist in der Alten Wache im Rathaus in Traunstein in dieser Reihe das Projekt »memory2.0« zu sehen. Claudiha-Gayatri Matussek aus München und Helmut Morawetz aus Salzburg treten mit der Musikerin Antonia Dorner (Querflöte) in einen künstlerischen Dialog. Die Vernissage findet heute, Dienstag, um 19 Uhr statt.


Die Idee zur Reihe ist, dass eine Künstlerin oder ein Künstler des Vereins mit einer Person in einen künstlerischen Dialog tritt, die beiden also eine gemeinsame Ausstellung konzipieren, in deren Exponaten, in deren Konzept in irgendeiner Weise Überschneidungen stattfinden. Der Dialog der beiden Künstler kann offensichtlich sein, aber auch erst nach sorgfältiger Betrachtung der Kunstwerke bewusst werden.

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Die Idee kam bei einer Frühjahrsausstellung

Die Idee zu »memory2.0« entstand im Gespräch während der Frühjahrsausstellung 2016 des Kunstvereins über eine Bildfahne, in der sich Matussek mit dem Bruder ihrer Mutter auseinandersetzte. Matussek und Morawetz entdeckten, dass sie beide dieselbe Erfahrung teilen: Auch bei ihm war der Bruder der Mutter im 2. Weltkrieg gefallen. Dies war eine Wunde im Familiensystem, das davon stark beeinflusst wurde.

Beide Künstler setzen sich in einem großen Teil ihres künstlerischen Werks mit der familiären Vergangenheit auseinander. Für sie ist das Thema dieser Ausstellung die Erinnerung selbst – und sie stellen sich dabei Fragen: Wie gehen wir mit Erinnerung um? Was macht Erinnerung mit uns? Werden wir traurig, sentimental, aggressiv, glücklich? Erinnerungen sind nicht konstant – wie verändern wir sie? Was halten wir – oft nur mit Mühe – unter Verschluss, was geben wir gerne – in immer neuen Varianten – preis? Wie kommen wir mit den Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern zurecht, die wir – gewollt oder ungewollt – »geerbt« haben?

In der Serie »memory2.0« beschäftigen sich die Künstler mit den Bildern und den damit verwobenen Geschichten, die über Großeltern, Eltern und andere Familienmitglieder im Umlauf waren und die das Leben der Künstler prägen.

Claudiha-Gayatri Matusseks Bildfahnen haben eine Vorder- und eine Rückseite, sie schweben frei im Raum. Die Künstlerin collagiert Kopien von Fotos aus den Familienalben mit Zeichnungen und Gemaltem, setzt Erinnertes und Gesehenes mit neu Empfundenem in eine gestalterische Beziehung. Akribisch malt und zeichnet sie Vorder- und Rückseite der Bildfahnen und gibt ihnen auch mit dieser Intensität eine Bedeutung zurück, die die Erinnerungen wach gerüttelt haben.

Helmut Morawetz malt seine gefundenen Familienfotos neu, häufig in reduzierter Farbpalette und gibt den Erinnerungen so eine neue Realität. Ein scheinbarer Foto-Realismus wird aber schnell entlarvt, denn seine Malerei ruft eine Neuinterpretation hervor, die den Betrachter seine eigenen schwarz-weißen Fotografie-Erinnerungen überdenken lässt.

Für Claudiha-Gayatri Matussek spielen in ihren Erinnerungen Klänge, Töne und Schreie eine nie überhörbare Rolle. Nicht zuletzt daraus rühren auch ihre »Bildklänge« und ihre persönliche Beschäftigung mit der menschlichen Stimme. Hier greift nun die Dialog-Partnerin der beiden, die Flötistin Antonia Dorner, ein. Sie wird bei der Vernissage und dann noch einmal beim Künstlergespräch, unterstützt durch Martin Mettenleiter (Violine), auf die Bilder der beiden Künstler musikalisch Bezug nehmen.

Auch Antonia Dorner stellt sich Fragen nach der familiären Vergangenheit, greift diese im Dialog mit ihren künstlerischen Mitteln auf. Sie wählt bekannte Melodien aus, da Musik und Texte tief im Inneren Gefühle und Erinnerungen transportieren und den Zeitgeist lebendig werden lassen. Mit den Mitteln ihrer »Freien Improvisation« entsteht sowohl eine Brücke zwischen individuellem Schicksal und Gesellschaft durch die Zeit hindurch, als auch zwischen den Künsten.

Bei den Betrachtern werden Erinnerungen wach

Mit den Bildern von Matussek und Morawetz werden auch bei den Betrachtern Erinnerungen wach, die aufzeigen, wie eng alle miteinander verwoben sind. Die Traumata von Krieg, Tod und Zerstörung wirken noch heute auf das eigene Leben. Die Beschäftigung damit bietet auch die Chance nach Wandlung. Der Wunsch, die gemeinsame Vergangenheit zu verstehen, Verletzungen aufzulösen durch künstlerisches Schaffen und dem Leben nahe zu sein, ist für die drei Künstler von großer Bedeutung.

Die Ausstellung ist vom 11. bis 19. Oktober in der Alten Wache im Rathaus in Traunstein zu sehen. Sie ist täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Am Sonntag, 15. Oktober, findet um 16 Uhr ein Künstlergespräch statt. Claudiha-Gayatri Matussek liest aus ihrem Roman »Violas Lebensklang«, Antonia Dorner (Querflöte) und Martin Mettenleiter (Violine) werden sich mit ihren musikalischen Gedanken dazu äußern. Herbert Stahl