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Krisensicher und reißfest

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Stolz präsentiert Franz Stangassinger eine fertige Lederhose. Fotos: Anzeiger/kp
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Lederhosen so weit das Auge reicht.
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Nähen, was das Zeug hält: Viele fleißige Hände arbeiten beim Lederhosenmacher.
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Die kurze Lederhose am Bein des Meisters.
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Ein sauberer Übergang ist Pflicht.

Berchtesgaden - Die Auftragsbücher sind voll, die Wartezeit liegt jenseits der zwölf Monate: Wer von Säcklermeister Franz Stangassinger eine echte handgemachte Hirsch-lederhose möchte, muss Geduld mitbringen. Sein Handwerk hat Seltenheitswert. Abseits der Lederhose findet man im versteckt gelegenen Geschäft in der Berchtesgadener Fußgängerzone Kurioses. Ob besticktes Hansi-Hinterseer-Hundehalsband, Handy- oder Tablet-Tasche: Damit trifft Stangassinger den Zahn der Zeit.


Das Telefon klingelt. Ein Kunde ist dran. Bis Weihnachten bräuchte er ein paar hirschlederne iPad-Taschen. Franz Stangassinger überlegt kurz. Dann nickt er und sagt: »Passt«. Seitdem er über Facebook eine iPhone-Tasche aus echtem Leder angeboten hatte, herrscht Ausnahmezustand. 50 Anfragen waren tags darauf bei ihm eingegangen. Auch das Hundehalsband von Hansi Hinterseers Vierbeiner-Dame Gina, eigens für eine ARD-Produktion gefertigt, war ein absoluter Renner. Derweil ist der Lederhosenmacher mit dem, was er gelernt hat, bestens ausgelastet.

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Im Mittelpunkt seines Handwerks steht aber die handgemachte Lederhose, kurz oder lang. Ein Meisterwerk - 25 Stunden Arbeitszeit stecken drin. Wer heute bei Franz Stangassinger bestellt, muss bis Ende 2013 warten. Beinahe jeder hat einen Grund auf Lager, warum die Lederhose so schnell wie möglich fertig sein müsse - Hochzeit, Gaufest, Jubiläum. Gefertigt wird aber nach Bestelleingang, Begünstigung gibt es deshalb keine.

»Eine Lederhose ist etwas, was man über Jahrzehnte trägt«, sagt der Experte. »Das Schöne im Leben ist das Schlichte.« Ein Naturprodukt mit Bestand. Ausschließlich sämisch gegerbtes Hirschleder wird verwendet. Gefärbt wird es mit Blauholz, einer Baumrinde. Stangassinger sagt, dass die Menschen immer mehr Wert darauf legen, was sie tragen. Plastikhosen? »Giftig«, sagt er. Künstlich gefärbte Jeans - »schädlich«. Eine Lederhose - »da weiß man, was man hat«.

Insgesamt beschäftigt der Säcklermeister 13 Leute. Heimarbeiter und 400-Euro-Kräfte sind auch darunter. Zurzeit ist mal wieder eine dieser Hochphasen angebrochen. Obwohl das Leder derzeit so teuer wie nie ist. »Alle 25 Jahre boomt es so richtig«, sagt Stangassinger. Vor allem dann, wenn die Weltwirtschaft ins Wanken gerät. Sein Beruf sei krisensicher. Während der Ölkrise habe es mal Lederhosen-Wartezeiten von drei Jahren gegeben. Er muss es wissen. Den Betrieb gibt es nun seit 124 Jahren. Nächstes Jahr steht das Jubiläum an.

1888 von Franz Schweser gegründet, wurde der Betrieb seit 1935 von Hans Kurz und seit 1974 von der Familie Stangassinger geführt. »Seit ich drei bin, weiß ich, dass ich das Handwerk machen will.« Nicht viele wollen den Beruf des Säcklers erlernen. Viel Handarbeit, Handstickereien - auch die Maschinenarbeit muss beherrscht werden. Der Betrieb ist im ersten Stock im hinteren Marktbereich untergebracht. »Dort sind wir seit jeher«, erzählt Franz Stangassinger stolz. »Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in diesem Haus verbracht.«

Der Laden selbst ist überschaubar. Überall stapeln sich Lederhosen, Hemden Strümpfe. Ob er denn expandieren wolle? »Auf keinen Fall«, sagt Stangassinger. Er bleibt auf dem Boden der Tatsachen. »Meine Familie und meine Angestellten müssen leben können, dann ist alles in Ordnung«, so der Handwerksmeister. Höhenflüge sind ihm fremd.

Ein schmaler Durchgang führt in den Werkstattbereich. Dort arbeiten mehrere Damen daran, dass die Kunden schnellstmöglich ihre Bestellungen erhalten. »Wenn eine Lederhose fertig ist und der Kunde sie abholt, macht mich das jedes Mal glücklich«, sagt Stangassinger, der mit großer Leidenschaft seinem Handwerk nachgeht. Der vom Kunden Maße nimmt, das schönste und geeignetste Leder aussucht, die Hose, die aus vier Hauptteilen besteht, zuschneidet. Taschen und Bündchen werden extra gefertigt. Besonders beanspruchte Stellen werden von innen mit Besatzleder verstärkt. Verklebt wird das Produkt mit einer Masse, bestehend aus Roggenmehl und Wasser. Das jeweilige Stickmotiv, für das zwischen 10 und 15 Arbeitsstunden eingerechnet werden müssen, wird mit Gummiarabicum, einem Pflanzensaft einer afrikanischen Akazienart, vorgezeichnet. Bei Bundlederhosen und kurzen Lederhosen wird darüber hinaus zwischen der weißen Steppstickerei und der in der Regel grünen Plattstickerei unterschieden. Typische Motive sind Wein-, Efeu- und Eichenlaub.

Wenn alles fertig ist, wird die Lederhose zusammengenäht, der Lederstaub per Luftdruck entfernt. Von Lederhosen kann Franz Stangassinger also ein Lied singen. Ein paar Anekdoten erlebt man als bekannter Säcklermeister ebenso. Nicht nur, was die Prominenz anbelangt, die den Laden aufsucht. Ob Cindy Crawford, diverse Scheichs oder Prominenz Marke Hansi Hinterseer.

Stangassingers Lederwaren sind weit verbreitet - und gern gesehen. Erst kürzlich war ein Kunde mit Änderungswünschen da, eine Hose mit im Gepäck - aus dem Jahr 1850. Lederhosenmacher gab es damals aber noch keine. Gefertigt wurde die Hose von Ungarn, die sich auf der Walz befanden. »Ein richtiges Kunstwerk war das«, berichtet Stangassinger, der so etwas selbst noch nie gesehen hatte. So einzigartig, dass selbst der Meister die Hand nicht anlegen wollte. kp