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»Krieg nach innen«

»Das Video ist ein Zeitzeugnis mit Seltenheitswert«, sagte Gerrit Hohendorf und zeigte einen kurzen Ausschnitt einer Dokumentation. Ein abscheulicher Vorgang. Eine Baracke, mehrere ausgemergelte Menschen, die dort hineingeführt werden. In das Gebäude führen Rohre, die an Fahrzeugauspuffe angeschlossen werden. Das, was folgt, spielt sich im Kopf des Zuschauers ab. Ein grausames Bild. Im Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus gehörte das zum Alltag.

Prof. Dr. Gerrit Hohendorf brachte den Zuschauern das grausame »Euthanasie«-Programm der Nationalsozialisten näher. Foto: Anzeiger/kp

Am 1. September 1939, dem Tag des Kriegsbeginns, ermächtigte Adolf Hitler die »besten Ärzte«, unheilbar Kranken den »Gnadentod« zu gewähren - »bei kritischster Beurteilung ihres Krankenzustandes«, wie es auf dem Schreiben, abgefasst auf Hitlers privatem Briefpapier, heißt. Ballastexistenzen, lebensunwertes Leben, dessen Am-Leben-Halten es aus Sicht der Nationalsozialisten nicht wert war.

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Die Materie, die Hohendorf in der Dokumentation Obersalzberg behandelte, wird erst seit geraumer Zeit von der Wissenschaft aufgegriffen, die Aufarbeitung nun aber sukzessive vorangetrieben. »Es war Zeit dazu - das gesellschaftliche Bedürfnis, das Thema zu bearbeiten, war groß«, weiß der Facharzt für Psychiatrie. Viele Aspekte seien noch nicht geklärt, der Krankenmord in Polen und in der Sowjetunion etwa. Hohendorf ist da ein Vorreiter seines Faches. Der »Krieg nach innen« konnte all jene treffen, die als nicht mehr leistungsfähig galten. 40 Gutachter entschieden über die Auswahl der Opfer, die »ökonomisch unbrauchbar« waren und über Melde- und Patientenbögen, die über Leben und Tod entschieden, erfasst wurden. Ziel war es unter anderem, unheilbare Erbkrankheiten auszurotten. Auch sollten die Pflegekosten in Anstalten damit deutlich gesenkt werden.

Bei der Kinder-Euthanasie kamen bis zu 10 000 Kinder ums Leben, Experimente an ihnen inklusive. Hohendorf zeigte anhand konkreter Beispiele das furchtbare Schicksal einiger Jugendlicher in Pflegeanstalten. Angehörige wurden mit offiziellen Schreiben darüber aufgeklärt, das Kind sei an einer Infektionskrankheit gestorben. »Familienmitglieder sollten getäuscht werden, viele haben es aber durchschaut, dass da etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht«, so Hohendorf.

In der Folge kam es zur Erwachsenen-Euthanasie, der systematischen Ermordung von insgesamt mehr als 70 000 Psychiatrie-Patienten. Weil die Kanzlei des Führers mit der beschlossenen Ermordung nicht in Verbindung gebracht werden wollte, wurde eine Sonderverwaltung gebildet, mit Sitz in Berlin, in der Tiergartenstraße 4 - daher wurde der Krankenmord auch unter der Bezeichnung »Aktion T4« bekannt. Der Ablauf der »Euthanasie« war strikt geregelt. Bereits erfasste Patienten, die von den Gutachtern ausgewählt worden waren, wurden für gewöhnlich mit Bus-Transporten in Zwischenlager gebracht, bevor es in die eigentliche Tötungsanstalt weiterging. Die tatsächliche Ermordung fand dann in den Tötungsanstalten selbst statt. Durch Vergasung, durch gezielten Nahrungsentzug, durch Erschießung. In Todesurkunden wurden erfundene Krankengeschichten dargelegt, um die Angehörigen in die Irre zu führen und diese im Glauben zu lassen, der Tod sei - im besten Fall - auf natürlichem Weg eingetreten. Nachforschungsversuche wurden somit erschwert.

Diverse überlieferte Briefe geben Einblicke in die verzweifelten Gemüter hinterbliebener Familienangehöriger, die sich auf der Suche nach ihren Liebsten befinden. Auch in von Deutschen besetzten Gebieten wurde die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in die Tat umgesetzt: Patienten aus psychiatrischen Krankenhäusern, vor allem in Polen und später auch in der Sowjetunion, mussten das grausame Treiben am eigenen Leib miterleben.

Experte Gerrit Hohendorf gab am Obersalzberg Einblicke in ein wenig erforschtes Gebiet und zeigte Vernichtungsmotive aus Sicht der Wehrmacht auf. So seien Geisteskranke als Gefährdung der Sicherheit des rückwärtigen Heeresgebiets empfunden worden, als »nutzlose Esser«. Für nichts zu gebrauchen - der Tod war die Folge.

Die aktuelle 7. Winterausstellung in der Dokumentation Obersalzberg, die sich mit dem »Euthanasie«-Programm befasst, läuft noch bis einschließlich 7. April 2013. Weitere Begleitveranstaltungen sind geplant. Auf Anfrage bietet die Dokumentation Obersalzberg auch Führungen durch die Winterausstellung. Ansprechpartnerin ist Museumspädagogin Nina Riess unter Telefon 08652/9479622. kp