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Kraftvolle Stimmen und mystisches Licht

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Der Altarraum der Inzeller Pfarrkirche St. Michael wurde teilweise in pinkfarbenes und goldenes Licht getaucht.

Mit ihren nur acht Stimmen tauchten die Sänger des professionellen bulgarischen Vokal-Ensembles »The Gregorian Voices« die voll besetzte Inzeller Pfarrkirche St. Michael in mystische Klänge. Dazu leuchtete der Hochaltar in goldenem und pinkfarbenem Licht. Besonders eindrucksvoll strahlte das Kreuz hoch oben im Chor des Gotteshauses. Der Förderverein St. Michael Inzell hatte dieses besondere Konzert organisiert.


Überwiegend geistlich war der erste Konzertteil geprägt. Man merkt, dass Georgi Pandurov und Ivan Uzunov, Gründer und Leiter des Chors, die beide an diesem Abend nicht dabei waren, vor allem aus der Tradition der orthodoxen Kirchenmusik und der Kosakenchöre kommen.

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Dadurch ist zu erklären, dass die Interpretation der schlichten, feinsinnigen gregorianischen Melodien durch die stimmgewaltigen Solisten und Chorsänger etwas von der Wucht der Kosaken hatte. Etwas schade war auch, dass die im Vorbericht und im Programmheft als einstimmig bezeichneten gregorianischen Choräle nie zur Gänze einstimmig erklangen. Meist war nur der Part des Vorsängers einstimmig, während die Antworten des kompletten Chors oft mehrstimmig erklangen. Passend waren hier die Oktavparallelen, die auch in der frühen Mehrstimmigkeit des Mittelalters Usus waren. Zum Teil wurden die Kirchentonarten jedoch auch durch Akkorde aus dem späteren Dur-Moll-System dem heutigen Geschmack angepasst.

Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, zumindest im ersten Teil allein mit der Schlichtheit des einstimmigen Chorals in Bann zu ziehen, wenn er mit etwas mehr Leichtigkeit, nicht ganz so langsam und mit weniger Vibrato interpretiert worden wäre. Die geistliche Aura dieser Gesänge und diverse Möglichkeiten des Wechselgesangs ermöglichen eine zeitlose Faszination. Ergänzend dazu könnte das Ensemble ja Originalsätze der frühen geistlichen Mehrstimmigkeit, zum Beispiel von der Notre-Dame-Schule aus dem 12. und frühen 13. Jahrhundert, bringen.

Die Stimmen der acht Männer, die sich im Halbrund um den Volksaltar aufgestellt hatten, waren zweifellos wunderbar, warm, weich und volltönend. Sie loteten die höchsten Höhen und die abgründigsten Tiefen aus, ebenso wie die dynamischen Möglichkeiten vom Pianissimo bis zum extremen Fortissimo. Zum Einstieg gab es drei sehr ausdrucksstarke gesungene Mariengebete, vom Ave Maria über das »Ave maris stella« bis hin zum »Salve Regina«, ein uraltes Gebet zur Mutter der Barmherzigkeit.

Nach einem Ausflug in die russische Chormusik präsentierte das Oktett eine ganz eigene Version von »Ameno« von ERA. Nach der Pause stach ein mit tänzerischer Leichtigkeit gesungenes Renaissance-Lied, »Bonzorno Madonna« von Antonia Scandello, hervor. Der Großteil des zweiten Teils war durch Klassiker der Popmusik geprägt. Diese waren freilich nicht im Stil des gregorianischen Chorals gesungen wie angekündigt, sondern einfach als A-capella-Version; was natürlich dem Hörgenuss für das am Ende kräftig applaudierende Publikum keinen Abbruch tat.

Mit charismatischen Soli und phasenweiser völliger Zurücknahme der Lautstärke beeindruckte das »Hallelujah« von Leonard Cohen. Weitere Titel waren »Knocking on Heavens Door« von Bob Dylan, »Imagine« von John Lennon, »Sailing« von Rod Stewart oder »The Sound of Silence« von Simon & Garfunkel.

Mit den Zugaben »Amazing Graze« – wieder mit einem tollen Solo – und »We are the world, we are the children« bedankte sich der in Mönchsgewänder gehüllte Männerchor. Am Ende zogen die Sänger – zumindest von der liturgie-inspirierten Performance her stilecht – durch den Mittelgang aus und signierten danach bereitwillig ihre Tonträger. Veronika Mergenthal