Kindeswohlgefährdung während Pandemie: Zahl der Verdachtsfälle gestiegen

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Jugendamt und freie Träger bemerken auch in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land einen Anstieg von Verdachtsfällen mit Kindeswohlgefährdung. Foto: dpa

Von einem deutlichen Anstieg der Zahlen spricht die Beratungsstelle der Caritas für Eltern, Kinder und Jugendliche in Traunstein, alarmierende Zahlen meldet das Amt für Kinder, Jugend und Familien im Landratsamt Berchtesgadener Land – es geht um Kindeswohlgefährdung während der Coronakrise. Eltern, die ihre Kinder schlagen, Jugendliche, die sich selbst verletzen oder Selbstmordgedanken hegen, Kinder, die andere Kinder sexuell missbrauchen – »Corona hat vieles deutlich gemacht«, da ist sich Birgit Berwanger von der Caritas-Beratungsstelle sicher.


Erschreckend ist für die Psychologin, »dass wir Ende März für das erste Quartal unverhältnismäßig viele Fälle ans Jugendamt gemeldet haben«. Ein Blick auf die Zahlen des Jugendamts mag diesen Eindruck verstärken. Im Jahr 2019 gab es nach Angaben des Jugendamts Traunstein insgesamt 67 Fälle in der Kategorie Kindeswohlgefährdung. Davon waren elf mit akuter Gefährdung, drei mit latenter Gefährdung und 21 stellten keine Gefährdung dar, aber die Familien benötigten eine Hilfe. In 32 Fällen lag weder eine Gefährdung vor, noch wurde eine Hilfe benötigt. Also in mehr als der Hälfte der Fälle benötigten die Familien zumindest irgendeine Form der Unterstützung seitens des Jugendamts.

Im Jahr 2020 gab es insgesamt 202 Fälle, die beim Jugendamt aktenkundig wurden. Im Zeitraum vom 1. Januar bis 21. März 2001 waren es bereits 124 Fälle, obwohl Kindertageseinrichtungen nur in Notbetreuung liefen und kaum Präsenzunterricht stattfand.

Franz Feil, Leiter des Jugendamts Traunstein seit 2010, ergänzt: »Da die Statistik immer nach dem Jahresende abgegeben wird, wurden 2019 nur die Fälle erfasst, bei denen sich ein tatsächlicher Handlungsbedarf zur Kindeswohlgefährdungsabklärung ergeben hat. Da seit 2020 die Umstellung der Software intern erfolgt ist, werden aktuell alle Meldungen erfasst, bevor eine tatsächliche Überprüfung stattfinden kann. Eine detaillierte Auswertung der Kindeswohlgefährdungsfälle ist aus dem statistischen Bericht zu entnehmen, der im Herbst 2021 erscheinen wird. Unabhängig von der statischen Erfassung hat es im Jahr 2020 mehr Meldungen im Bereich der Kindeswohlgefährdungsfälle gegeben. Dieser Trend setzt sich auch weiterhin aktuell fort.«

Auch im Berchtesgadener Land wurden laut Jugendamt allein im ersten Quartal dieses Jahres 90 Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdungen gemeldet. Bereits im vergangenen Jahr (192 Fälle) war eine deutliche Zunahme zu 2019 verzeichnen (145 Fälle), wie Pressesprecherin Alexandra Rothenbuchner vom Landratsamt BGL mitteilt.

Jugendamt: »Seit längerer Zeit viele Meldungen«

Aber gibt es aufgrund des Lockdowns einen gesteigerten Versorgungsbedarf? »Wir haben seit längerer Zeit viele Meldungen über mögliche Kindeswohlgefährdungen«, bestätigt Jugendamtsleiter Franz Feil. In den Fällen, in denen tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, könne diese in den meisten Fällen in Zusammenarbeit mit den Eltern abgewendet werden. Allerdings ergänzt Feil: »Nur in wenigen Fällen kommt es auch zu einer Herausnahme und Inobhutnahme der Kinder oder Jugendlichen«, das sei die ultima ratio. »Wir sind bestrebt, die Familien über verschiedenste Angebote bereits so frühzeitig und niederschwellig zu unterstützen und Hilfen anzubieten, dass ein Einschreiten des Jugendamts nicht mehr notwendig wird.« Allerdings komme es gar nicht so selten vor, dass sich Jugendliche beim Jugendamt melden und sagen, sie wollten aus der Familie heraus, weil es zuhause nicht mehr geht, ergänzt Feil.

Eine ähnliche Erfahrung macht man im Landkreis Berchtesgadener Land. Deutlich häufiger eingebunden würden dort im Moment auch die freien Träger der Jugendhilfe, die mit ambulanten Erziehungshilfen unterstützen. Im Amt für Kinder, Jugend und Familien rechnet man demzufolge »mit einem generellen Anstieg der Jugendhilfekosten«. Nach Erkenntnissen des Amts für Kinder, Jugend und Familien sei von einem »gesteigerten Versorgungsbedarf« und einer hohen Nachfrage auszugehen. Für eine langfristige Prognose sei es allerdings »noch zu früh«, so die Pressesprecherin des Landratsamts, Alexandra Rothenbuchner.

Für einen freien Träger – die Caritas – arbeitet Brigitte Berwanger als »Insoweit erfahrene Fachkraft für Kindertagesstätten und für Träger der ambulanten Jugendhilfe«. Bei ihr laufen die Meldungen auf, wenn Kindergärten oder Kindertageseinrichtungen Verdacht schöpfen, dass ein Kind misshandelt wird. Dabei gehe es laut Berwanger nicht immer sofort um körperliche Gewalt. Das Wohl eines Kindes ist gefährdet, wenn es keine optimalen Bedingungen für seine Entwicklung hat. »Das kann bei Vernachlässigung wie wiederholt ungewaschener Kleidung oder fehlender Körperhygiene eines Kindes anfangen, und schlimmstenfalls bei sexuellem Missbrauch enden«, sagt die Expertin. Sie hält eine hohe Dunkelziffer an Missbrauchsfällen jeder Art für möglich. »Ich denke, dass da noch einiges nachkommt, jetzt, wenn Schulen, Hort und Kindergärten wieder regulär geöffnet haben.«

Aus ihrer Sicht befänden sich immer noch viele Eltern im »Überlebensmodus«, sie funktionierten, damit sie den Alltag irgendwie bestehen, die Probleme werden dabei aber noch verdrängt, bis sie dann später herausbrechen.

Die Pandemie hat viele Familien zusätzlich belastet. Isolation, fehlende Freizeitgestaltung, Mangel an Möglichkeiten des »sozialen Lernens« im Kontakt mit Gleichaltrigen, übermäßiger Medienkonsum oder fehlende Tagesstruktur sind nur einige der Herausforderungen. Dazu kam die Schwierigkeit, Beruf und Kinderbetreuung aufgrund homeschooling gut miteinander zu verbinden. »Die Notbetreuung deckte nicht alles ab, es herrschen zum Teil enge Wohnverhältnisse oder fehlende technische Voraussetzungen. Immer wieder beobachten wir in letzter Zeit auch psychische Auffälligkeiten bei den Kindern wie Sozialverhaltensprobleme, Kontaktängste oder Zukunftssorgen«, sagt Feil.

Soziales Netz fehlte in Pandemiezeiten

Das beobachtet auch Brigitte Berwanger. Die Gründe dafür sind meist ähnlich: »Die Familien sind überfordert, gerade Alleinerziehende hat es hart getroffen, dann kommen finanzielle Probleme durch Kurzarbeit hinzu, Eltern und Kinder saßen aufeinander, das führt unweigerlich zu Stress.« Wegen des fehlenden sozialen Netzes wie Vereine, Kindergarten oder Schule konnten diese Probleme über längere Zeit auch nicht so gut aufgefangen werden.

Offensichtlich wird auch, das Jugendliche anders leiden als kleinere Kinder, die noch viel stärker auf ihre Eltern fixiert sind. »Depressionen und Suizidgedanken spielen bei Jugendlichen leider eine große Rolle, aber auch sexuelle Übergriffe«, sagt Berwanger. Dabei gehe es nicht nur um sexuellen Missbrauch durch Erwachsene, sondern auch untereinander – aus Feil und Berwangers Sicht auch ein Ergebnis des verstärkten Medienkonsums. Dabei spiele hier der Konsum von Pornografie eine immer größere Rolle. »Die Fälle sexuellen Missbrauchs häufen sich aus meiner Erfahrung heraus auch bei uns in der Region«, sagt Berwanger.

Wie bemerkt man, dass bei einem Kind etwas nicht stimmt? Kinder reagierten ganz unterschiedlich: »Die einen ziehen sich zurück, werden schreckhaft und ängstlich, beginnen in Stresssituationen ein selbstberuhigendes Wippen, stopfen Essen in sich hinein – andere werden auffällig, entwickeln ein übersteigertes Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung oder ein sexualisiertes Verhalten«, nennt Berwanger einige Beispiele. Ihre Aufgabe ist es, als außenstehende Dritte unabhängig einzuschätzen, ob bei einem Verdacht tatsächlich eine Gefährdung vorliegen könnte, nachdem ein Kindergarten Auffälligkeiten bei einem Kind beobachtet hat. Das Kind bleibt dabei ano-nym, Berwanger verlässt sich auf Aussagen des Kindergartenpersonals. »In einem Teammeeting wird mir der Fall anonymisiert geschildert, ein Fragebogen zur Einschätzung wird abgearbeitet.« Für die Einrichtungen ist dieser anonyme Weg für eine Ersteinschätzung wichtig, um sich einen Rat zu holen. »Nach meiner Einschätzung obliegt es den Einrichtungen, ob sie das Jugendamt einschalten, oder nicht«, sagt Berwanger. Die freien Jugendhilfeträger wie die Caritas hätten in erster Linie eine Hilfefunktion, die Jugendämter als Vertreter der staatlichen Fürsorge eine Kontrollfunktion.

Manche Familien haben auch profitiert

Trotz vieler schlechter Erfahrungen haben sich die Corona-Pandemie und der Lockdown aber nicht auf alle Familien negativ ausgewirkt. »Mir haben Jugendliche berichtet, dass sie zuhause viel besser und konzentrierter lernen und arbeiten können, als in der Klasse, Familien sind näher zusammengerückt, haben die Nähe und das Miteinander-Zeit-verbringen genossen – es reagiert eben jeder anders auf diese extreme Situation.«

vew/kp