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»Kinderwagen-Schieben entspannt ungemein«

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Die Weltmeister der Titelkämpfe vom Königssee 2016 mit dem Maskottchen der nächsten Rodel-WM Ende Januar 2017 in Innsbruck-Igls (v. l.): Felix Loch, Tobias Arlt, WM-Maskottchen »TIRodli«, Martina Kocher aus der Schweiz, Tobias Wendl und Natalie Geisenberger. (Foto: Bittner)

Ein Dutzend Journalisten aus vier Nationen folgte vor kurzem der Einladung der FIL zu einem Medien-Seminar nach Innsbruck, um sich in Sachen Rennrodeln auf den neuesten Stand zu bringen. Die »Fédération Internationale de Luge de Course« feiert im nächsten Jahr ihren 60. Geburtstag. Die Weltcup-Serie 2016/17 mit neun Renn-Wochenenden startete am Wochenende in Winterberg. Insgesamt waren 167 Rodler aus 31 Nationen und vier Kontinenten gemeldet. Die neun Weltcups inklusive sechs Team-Wettkämpfen und drei Sprintrennen finden in sechs Ländern auf drei Erdteilen statt. Höhepunkt ist die 47. FIL-Weltmeisterschaft Ende Januar 2017 auf der Olympiabahn von 1976 in Innsbruck-Igls.


Bei der Pressekonferenz meinte FIL-Präsident Josef Fendt aus Berchtesgaden, dass er nichts dagegen hätte, wenn sich die Anzahl der Rennen in den kommenden Jahren geringfügig erhöhen würde. 16 Bahnen gäbe es weltweit, bis auf Cesana (Italien) seien alle in Betrieb. Obendrein sei Fendt stolz, dem einzigen Sport-Fachverband der Welt vorzustehen, der bislang keinen einzigen Dopingfall zu beklagen hatte: »Natürlich können wir nicht sicher sein, dass es auch uns irgendwann erwischt.« Der zweite McLaren-Report, der Untersuchungsbericht über ein System von Staatsdoping in Russland zwischen 2011 und 2016, ist noch ausständig.

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Die Königssee-Weltmeister vom Januar dieses Jahres gehören einmal mehr zu den Favoriten auf das in diesem Winter erreichbare: Die großen Ziele der Olympiasieger Felix Loch, Natalie Geisenberger sowie des Doppelsitzers Tobi Wendl/Tobi Arlt lauten in dieser Saison, die Weltcup-Gesamtsiege und WM-Titel der Vorsaison zu verteidigen. Im Rahmen der Internationalen Trainingswoche der FIL in Innsbruck stimmte sich die Gruppe »Sonnenschein« aus dem Berchtesgadener Land schon mal auf die Rennen ein.

»Langsamer fahren geht nicht«

Felix Loch, frisch gebackener Vater des kleinen Lorenz, fährt laut eigenen Worten nicht etwa vorsichtiger oder langsamer, weil seine Verantwortung nun größer ist: »Das geht nicht. Meine Motivation ist zudem noch genauso groß, selbst wenn ich schon alles gewonnen habe, was es in meinem Sport zu gewinnen gibt.« Eine Sache hat sich dennoch gravierend verändert, denn wenn Felix Loch jetzt nach Hause kommt, schauen ihn zwei große Babyaugen an: »Ein herrliches Gefühl«, sagt er und ergänzt sofort, dass ihn »das Kinderwagen-Schieben ungemein entspannt«. Das macht der 27-Jährige mittlerweile in Bayerisch Gmain, wohin er mit seiner kleinen Familie im Sommer gezogen ist. Igls gehört für den zweifachen Einzel-Olympiasieger und fünffachen Weltmeister zu den schönsten Strecken, wenngleich nicht zu den anspruchsvollsten: »Deshalb ist es aber gerade hier schwer, die beste Zeit hinzulegen und zu gewinnen. Ich freue mich auf die WM in Igls, weil ich dort eigentlich immer gut gefahren bin – bis auf letzte Saison«, schmunzelt Loch. Da war er nach dem ersten Lauf disqualifiziert worden, weil sein Schlitten 400 Gramm zu schwer war. »Ein Fehler, der passiert, der mir aber künftig nicht mehr passiert.«

Mehr Nationen dank Patenschaftsprogramm

Zwei Konferenzstühle weiter saß Martina Kocher. Die zierliche Überraschungs-Sprint-Weltmeisterin vom Königssee tiefenentspannt. Erst im August hat sich die Schweizerin dazu entschieden weiterzumachen, nachdem sie im Anschluss an die vergangene Saison die Diagnose »Pfeiffersches Drüsenfieber« erhielt. Kocher, die aufgrund ihres geringen Gewichts fast nur im Sprint eine Siegchance besitzt, weil die Zeit erst nach einigen Metern ausgelöst wird und es nicht so sehr auf den Start ankommt, bei dem sie erhebliche Nachteile besitzt, möchte nochmals angreifen. Sie will nach 20 Jahren im Eiskanal nicht ohne einen einzigen Weltcup-Podestrang abtreten.

Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) hat Martina Kocher aus Bern im Rahmen einer FIL-Patenschaft in sein Trainingsprogramm aufgenommen. Damit wird Athleten aus Nationen mit geringem Schlittensport-Budget auf die Sprünge geholfen: Das sind mitunter Rodler, die den ganzen Sommer arbeiten und nicht selten ihren ganzen Jahresurlaub am Stück nehmen, um den Sport ausüben zu können – und das oft mit bescheidenen Mitteln. Ohne das Programm wären womöglich nur drei oder vier Nationen bei den Rodelrinnen dieser Welt zu finden.

»Wollen es mindestens genauso gut machen«

Bei der Weltmeisterschaft am letzten Januar-Wochenende nächsten Jahres sind heiße Duelle vorprogrammiert. »Auf ihrer Heimbahn werden die Österreicher alles versuchen«, weiß Loch. Heißt: Jeden Heimvorteil nutzen. Das fängt schon damit an, dass die Rot-weiß-Roten ein paar Meter unterhalb des Herren-Starts einen extra Raum zur Vorbereitung ganz für sich haben, während alle anderen kollektiv zusammen »aufwärmen«. Das Eis könnte »speziell« sein, die Gastgeber hoffen auf »etwas wärmeres Wetter«, weil die deutschen Kufen dann womöglich nicht ganz so gut laufen wie sonst.

Der Sportdirektor des Österreichischen Rodelverbandes, Markus Prock, ist Vorsitzender des WM-Exekutivkomitees. Alles rund um die WM läuft über den Schreibtisch des zweifachen Einzel-Weltmeisters. 1987 gewann er auf seiner Heimbahn den Titel, bei der WM in zwei Monaten ist dieser Erfolg also 30 Jahre her: »Da erschrickt man schon, wenn man diese Zahl hört«, lacht der heute 52-Jährige. Die WM 2016 im Berchtesgadener Land hat sich der Rivale von Schorsch Hackl ganz genau angeschaut, war bei allen Rennen vor Ort und kümmerte sich um das Österreicher-Haus nahe der Zielkurve. »Ich habe viel vom Königssee mitgenommen und bin nach wie vor im regen Austausch mit Thomas Schwab und Alexander Resch. Wir wollen die WM 2016 nicht kopieren, sondern unsere eigenen Vorzüge unterstreichen, es aber mindestens genauso gut machen wie die Deutschen«, so Prock. 800 000 Euro Budget hat er für die WM zur Verfügung.

Der Ex-Profi weiß jedoch, dass »die Zuschauerkulisse am Königssee wohl einmalig war«. Das sei schwer zu toppen: »Wir tun uns da in Igls leider sehr viel schwerer.« Obendrein hat die WM 2017 große Konkurrenz: Zeitgleich steigt das alpine Kitzbühel-Wochenende, die Nordische Kombination in Seefeld und der Bob-Weltcup am Königssee. »Diese Überschneidungen lassen sich im Winter definitiv nicht vermeiden«, so Prock, da »finden doch an jedem Wochenende große Sportereignisse statt. Hans-Joachim Bittner

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