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Kenner der Obersalzberg-Geschichte

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Berchtesgaden: Kenner der Obersalzberg-Geschichte und wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation
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Im Alter von 76 Jahren verstarb Dr. Volker Dahm, zehn Jahre lang wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg. (Foto: Archiv IfZ)

München/Berchtesgaden – »Der große Erfolg der Dokumentation Obersalzberg war nicht zuletzt der Verdienst Volker Dahms«. Das schreibt Albert A. Feiber vom Institut für Zeitgeschichte in München über seinen früheren Kollegen, der am 19. April nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Dr. Volker Dahm war von 1996 bis 1999 Projektleiter Obersalzberg und von 1999 bis 2009 wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg.


Seine Leistungen sind umso höher zu bewerten, als Volker Dahm eigentlich keine Ausbildung zum Historiker genossen hatte, sondern zunächst als Quereinsteiger mit der NS-Geschichte in Berührung kam. Es war Anfang der 1980er Jahre, als er zum IfZ-Projekt »Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP« stieß, in dem die bei Kriegsende vernichteten Akten aus Empfänger-Überlieferungen rekonstruiert wurden. Dabei erwarb er sich eine umfassende Kenntnis der Archivlandschaft und der Quellen des Nationalsozialismus sowie ein ungewöhnlich großes Fachwissen über die NS-Zeit. Nach seinem Studium der Neueren deutschen Literaturgeschichte und Publizistik arbeitete er zunächst einige Jahre als Lektor und Werbeleiter großer Verlage.

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Als er sich erneut der Wissenschaft zuwandte, knüpfte er an diese Interessen an und wurde 1983 zum Korrespondierenden Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels berufen. Ein Jahr später erhielt er den Geldpreis der Schocken Foundation New York für sein bis heute als Standardwerk geltendes und mehrfach neu aufgelegtes Werk »Das jüdische Buch im Dritten Reich«, das auf seiner Dissertation beruhte.

In dieser Zeit betätigte sich Volker Dahm unter anderem als Bearbeiter und Herausgeber von Editionen, etwa der Goebbels-Tagebücher und, zusammen mit Kollegen der Universität Bergen, der »Meldungen aus Norwegen« des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes. Seit Anfang der 1990er Jahre war Dahm zudem als Gutachter im IfZ nicht nur für die Bereiche Kultur- und Judenpolitik verantwortlich, sondern auch für den umfangreichen und komplizierten Bereich der staatlichen Behörden und der NSDAP bis Kriegsbeginn. Daneben war er immer wieder als Sachverständiger vor Gericht bei Strafverfahren wegen öffentlicher Verwendung von verfassungsfeindlichen Kennzeichen tätig.

Relativ spät erst fand Volker Dahm dann zu seiner eigentlichen Berufung, die zu einem intensiven Kontakt mit den Berchtesgadenern führte. Er übernahm 1996 für das IfZ den vom Freistaat Bayern erteilten Auftrag, ein Konzept für eine Dauerausstellung am Obersalzberg zu erarbeiten. Zwar kannte er den Ort und seine Problematik durch ein Gutachten über die dort jahrzehntelang verbreiteten Hochglanzbroschüren, aber er hatte – wie damals alle anderen Kollegen im IfZ auch – keine praktische Erfahrung mit Ausstellungen. Doch mit seinem Konzept überzeugte Dahm schnell die Geldgeber im Bayerischen Finanzministerium, das das IfZ schließlich auch mit der Umsetzung beauftragte.

Mit großem Sachverstand und viel Fingerspitzengefühl realisierte Volker Dahm am Obersalzberg eine Ausstellung, die schnell auf größte internationale Beachtung stieß. Schon wenige Jahre nach der Eröffnung kam die Ausstellung wegen des riesigen Zuspruchs an ihre Kapazitätsgrenzen. Das aktuell laufende Erweiterungsprojekt ist somit auch eine Folge der hervorragenden Grundlagenarbeit Volker Dahms vor mehr als 20 Jahren. Dahm leitete die Dokumentation Obersalzberg bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2009.

Ulli Kastner