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Karl Valentin – ein großer Liebhaber

Der Humorist Karl Valentin ist vielen unvergesslich. Auch wenn er bereits seit mehr als sechzig Jahren tot ist, so haben sich dennoch einige seiner komischen Sketche und Aufführungen in den Alltag eingeschlichen. Man denke an den Buchbinder Wanninger, der in der Telefonschleife hängt. Diesem unvergessenen, großen Mann der Alltagskomik widmete Michael Lerchenberg einen interessanten Abend im Grassauer Heftersaal. Unterstützt wurde er von Jost-H. Hecker am Cello. Gemeinsam sangen sie auch die alten Lieder von Valentin.

Michael Lerchenberg (l.) und Jost-H. Hecker widmeten sich im Heftersaal dem Humoristen Karl Valentin. (Foto: Eder)

Als Lesung hätte man diesen Abend eigentlich nicht bezeichnen dürfen, denn Michael Lerchenberg verstand es während seines Vortrags, in die Rollen von Liesl Karlstadt und Karl Valentin zu schlüpfen. Im Dialekt arbeitete er so den besonderen Humor heraus. Viele Hintergrundinformationen über den Menschen Valentin bot Lerchenberg. Valentin, geboren am 4. Juni 1882 in München, sei durch den frühen Tod seiner beiden Geschwister gewissermaßen als Einzelkind einer gutbetuchten Familie aufgewachsen und habe viele Freiheiten genossen mit einem frühen Hang zum Sadismus. So berichtete Lerchenberg, wie Valentin als Bub andere Kinder mit Nähnadeln tätowierte. »Der eine hielt es aus, der andere nicht«, zitierte Lerchenberg den Komiker.

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Auch habe Valentin anderen Kindern mit der Rossschere die Haare geschnitten. Begeistert habe er auch Sanitäter gespielt, und um Verletzungen behandeln zu können, wurde auf dem Spielplatz schon mal mit Scherben auf der Wiese nachgeholfen. Nur als er mit seinen Freunden eine Leichenbahre bauen wollte, sei dies seiner Mutter zu weit gegangen. Als Vorstadtpflanze habe er, so beschreibt Valentin sich selbst, nie Bildung mit dem Löffel aufgenommen, er sei nicht direkt ein Rüpel, aber eine »Brennesel unter den Blumen«.

Valentin habe eine Schreinerlehre absolviert und danach gleich als Volkssänger seinen ersten Auftritt gehabt. Er verstand seinen Beruf als Komiker auch als Handwerk. 1899 trat Valentin zum ersten Mal öffentlich auf. Als sein Vater 1902 starb, übernahm er dessen Speditionsfirma, die nach vier Jahren Pleite ging. Valentin erfand ein sagenhaftes Orchestergerät, das 32 Instrumente vereinte. Aber auch mit dieser Erfindung ging er Bankrott, und aus Wut vernichtete er das Gerät. 1907 gelang Valentin mit dem Sketch »Das Aquarium« der Durchbruch.

Angeblich habe Valentin sieben Jugendlieben gehabt. Er sei ein großer Erotiker gewesen, wusste Lerchenberg, der sehr viele Frauen beglückte. Besondere Faszination übten dicke Frauen auf ihn aus. Valentins Enkelin habe berichtet, dass Valentin auch während seiner Ehe ständig Beziehungen gehabt habe. Annemarie Fischer, die nach Liesl Karlstadt mit Valentin auftrat, sprach von Valentin als einem großen, leidenschaftlichen Liebhaber, der Spaß an der Sache gehabt habe. Die Ehe sei für Valentin ein ständiges Drama gewesen. Er sei der erste deutsche Autor gewesen, der die täglichen Kämpfe einer kleinbürgerlichen Ehe zum Thema machte, wie in den Stücken »Die Semmelknödel« oder »Der Theaterbesuch«.

Im zweiten Teil des Abends kam Lerchenberg auf Liesl Karlstadt, die bürgerlich Elisabeth Wellano hieß, zu sprechen. Sie war eine Meisterin im Schnellsprechen und hatte ein Talent, sich zu verwandeln. Sie musste auch Männerrollen übernehmen. Valentin und Karlstadt seien aber auch ein Liebespaar gewesen. Ab 1930 wurde der Pessimist Valentin immer unerträglicher. 1935 kam dann die Katastrophe, das Panopikum, Valentins Gruselmuseum, ging Pleite, und damit waren auch die Ersparnisse von Karlstadt weg. Sie wollte sich in der Isar ertränken, verfiel in eine schwere Depression und musste lange ärztlich behandelt werden. 1940 folgte dann die Trennung von Karl Valentin.

Nach dem Krieg hatte Valentin keine Auftritte mehr. Erst als Liesl Karlstadt zurückkehrte, ging es noch einmal auf die Bühne. Doch der Erfolg blieb aus. Valentin versuchte, seine Familie mit dem Verkauf von selbstgefertigten Küchengegenständen zu ernähren. Die Frauen auf dem Viktualien-markt aber lachten nur über den hageren, ausgehungerten Mann. 1948 starb Valentin an einem Rosenmontag an einer Lungenentzündung. Am Aschermittwoch wurde er beerdigt.

Das Leben das Karl Valentin war nicht im Mindestens so lustig wie die vielen Theaterstücke, die ihn überdauern. Dennoch vermögen seine Geschichten noch heute die Leute zum Lachen zu bringen. Lerchenberg zeichnete ein einfühlsames Bild des großen Humoristen, beleuchtete auch die Schattenseiten und versüßte den Abend mit vielen Kostproben aus dem reichen Schatz an lustigen Erzählungen. tb