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Kafkaeske Verwandlung

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Helmut Schleich bei seinem Gastspiel in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. (Foto: B. Heigl)

Mit kabarettistischem Kammerschauspiel vom Feinsten, das sich durch geradezu kafkaeske Verwandlungskunst in eine diabolische, monströs-übersteigerte Darstellkunst hineinsteigerte, begeisterte Helmut Schleich in der ausverkauften Traunsteiner Kulturfabrik NUTS das Publikum.


Schleich riss die Zuschauer zu gewaltigen Beifallsstürmen hin. Aber nicht nur seine Verwandlungskünste, sondern auch sein humorvoll-intelligenter Blick für das Substanzielle der einzelnen Charaktere verblüffte. Für das vielschichtige, ab- und hintergründige Abendprogramm genügtem ihm nur wenige Requisiten, die man an einer Hand abzählen konnte.

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Als würde man auf dem Oktoberfest wechselweise Achter- und Geisterbahn fahren, so rasant schickte Schleich das Publikum auf eine pointierte Reise zu den Abgründen, Seichtheiten und Gemeinheiten großer und kleinerer Persönlichkeiten. Der Terroristen-Stammtisch etwa mit den imaginären bayerischen Stammtischbrüdern, dessen Persiflage Schleichs eigentlich eine fast schon lupenreine Sozialstudie ist, zeigte darüber hinaus, wie gefährlich die ungehemmt und ungebremst vorgebrachten Parolen der Terror-Stammtischler sein können und was für eine fiese und gefährliche Falle die Demagogie und der Populismus für jeden letztlich sein könnten. Des öfteren erwischte man sich an diesem Abend dabei, dass man bei gröberen politischen Unflätigkeiten des Stammtischs lachte statt zusammenzuzucken. Da konnte einem das Lachen schon auch mal im Halse stecken bleiben.

Der auch als hervorragender Darsteller von Franz Josef Strauß bekannte Künstler, der virtuos Strauß-typische Unflätigkeiten von sich gab, spielte dieses Urgestein der Politik auch an diesem Abend wieder in seinen prägnantesten, aber auch feinen Facetten. Nach dem Motto: »Hund sans scho in Bayern«, war man schließlich fast schon geneigt, die ehemalige Feindschaft Strauß gegenüber zu vergessen.

Als ein Wahrsager, der statt wahrsagt, sagt, was war, und somit keine Fehlerquote hat, als Stoiber, Seehofer, Bob Ross, Heinrich von Horchen, Schlager-Psychologe-Imitator, als rauchender Helmut Schmidt, als ein sächsischer Eremit, in einer frappierend treffenden Ottfried Fischer-Darstellung und als würdevoll-agressiver Papst Benedikt machte er das Publikum so manches Mal fassungslos. Wie sich der Kabarettist von einer Sekunde auf die andere mit nichts als Minenspiel und Körpersprache in all die vielen, und unterschiedlichsten Personen verwandeln konnte, das war schon sensationell und manchmal richtig gruselig.

Schön grob und gleichzeitig irgendwie poetisch war Schleichs Performance als Tegernseer Laubbläser Terrorrist, die er lautmalerisch und bewegungstechnisch so schön auf die Spitze trieb.

Passend zur Tatsache, dass ausgerechnet am selben Tag in Traunstein eine Wutbürger-Demonstration stattfand – wie auch in München und Regensburg – war Helmut also genau richtig bei den sogenannten »Wutbürgern« Traunsteins, die wie er sagen: »Nicht mit mir«. »Aber gegen was genau demonstrieren die da, die Bürger, mit der Wut im Bauch: gegen Strom, gegen die Politik, die Finanzen, Glutamat, Bahnhöfe oder was?«, fragte sich Helmut Schleich da schon zurecht verwirrt. Die Vielfalt der Probleme könnte einen schon manchmal durcheinanderbringen, politisch korrektes Verhalten wird ja immer schwieriger.

Die Geschichte von den Jaffaorangen, die er in seiner Rolle als Hausmann zum Besten gab, und in der Orangen mit dem großzügig abgezweigten Wasser aus dem Jordan bewässert werden; und das Leid der Palästinenser, denen das Wasser schmerzlich abgeht, ist eine ernste Parabel für den Zustand der Welt gewesen. Und ein Grund dafür, auch essenstechnisch in der Klemme zu stecken, obwohl man an der Überweidung durch die vielen Rindviecher ja nun nicht mehr schuld sein kann, weil man womöglich aufgehört hat, Fleisch zu essen.

Wie schwierig es heutzutage ist, in diesem Strudel an Informationen und der daraus folgenden moralischen Anforderung die konsequenten Schlüsse zu ziehen, hat der Künstler mit dem immer interessanten Stilmittel der tragisch-komischen Erzählweise dem Publikum nahe gebracht und es so auf eine wundersame Achterbahnfahrt der Emotionen, der blitzartigen Einfälle, und geistreichen Gedanken – alles in geschliffener Sprache formuliert – mitgenommen. Ob es Schleich am imaginären Stammtisch gelungen ist, den »rechtshistorischen Terrorismus historisch gründlich aufzubereiten«, wie angekündigt, mag dahingestellt sein. Auf alle Fälle griff er tief hinein in die Kiste mit den »Meinungs-Apps«. Und gegen Schluss kämpfte er ordentlich gegen die Geister, die er rief und die partout nicht weichen wollten.

Einer feindlichen Übernahme konnte er gerade noch entkommen, ohne dafür einen Exorzisten-(Papst) beanspruchen zu müssen. So verkaufte Schleich am späten Abend dann, nun endlich ganz er selbst, noch DVDs seines Programms, aufgenommen im Münchner Lustspielhaus. Eher selten überfällt einen ja das Bedürfnis, das Programm, auch wenn es gut ist, als DVD zu erwerben. Aber so eine Komplexität an Schauspiel und Inhalt kann man durchaus zweimal anschauen. Barbara Heigl