Bildtext einblenden
Drei Männer standen wegen schweren Menschenhandels vor dem Laufener Amtsgericht. (Archivfoto: Hannes Höfer)

Junge Frau sollte sexuelle Dienste anbieten

Bad Reichenhall – Ohne Wohnung und ohne Job. So traf die 27-jährige G. in einem ungarischen Supermarkt auf den 31-jährigen Zoltan M. Wenig später brachte sie der Bauarbeiter gemeinsam mit dem 51-jährigen Otto J. und dem 55-jährigen Lazlo L. in die Bundesrepublik, wo die Frau im Raum Stuttgart der Straßenprostitution nachgehen sollte. Doch die Fahrt endete am Grenzübergang Walserberg. Wegen schweren Menschenhandels standen die drei Männer nun vor dem Laufener Schöffengericht. Das sprach Strafen zwischen zwei Jahren zehn Monaten und drei Jahren vier Monaten aus. 


Vorsitzender Richter Martin Forster unterstellte dem Haupttäter Zoltan M. in seiner Urteilsbegründung das »geschulte Auge« für mögliche Opfer in einer schwierigen Lebenssituation. Die 27-jährige G. lebte einige Tage in dessen Wohnung, wo sie von einer 20-jährigen Frau B. beaufsichtigt worden sein soll. Schließlich war sie unter Androhung von Schlägen gewaltsam in einen Mercedes verbracht worden, der abwechselnd von den drei Männern gelenkt wurde. Mit an Bord war auch die 20-jährige B.

»Die Frau war eingeschüchtert und hatte Angst«, berichtete ein Beamter der Kriminalpolizei Traunstein. Am Körper habe Frau G. einen handgeschriebenen Zettel getragen, der diverse sexuelle Handlungen und deren Preise benannte. Angegeben war auch die deutsche Aussprache der Beträge von 50 bis 90 Euro. Das Geld hätte die 27-Jährige abliefern sollen, sie selbst wäre mit 50 Euro wöchentlich abgespeist worden. »Das Ziel war Stuttgart«, so der Beamte, der wusste, dass die Begleiterin B. bereits im Bremerhavener Rotlichtviertel aufgegriffen worden war. Diverse einschlägige Adressen hätten sich im Navi des Autos und in einem Mobiltelefon der Angeklagten gefunden.

»War Frau B. Mittäterin?«, fragte Forster den Zeugen, was der »so einschätzen« würde, worauf Staatsanwalt Chris-Dominik Kempel »Nachermittlungen« ankündigte. Das Opfer G. konnte mithilfe der Caritas wieder in ihr Heimatland zurückreisen. Obwohl geladen, erschien die 27-Jährige nicht vor Gericht. Die drei Angeklagten sind in Ungarn massiv vorbestraft. Zoltan M. hatte bislang eineinhalb Jahre hinter Gittern verbracht. Otto J. nach eigener Angabe rund acht Jahre, Lazlo L. insgesamt 20 Jahre. In einem sogenannten Rechtsgespräch hatten sich die Beteiligten zu Beginn der Verhandlung im Falle eines Geständnisses auf einen Strafrahmen verständigt.

Dennoch erklärte Wahlverteidiger Rechtsanwalt Laszlo Nagy, es blieben »Ungereimtheiten« und die drei Jahre widersprächen seiner »persönlichen Überzeugung«. Eigentlich würde er für Zoltan M. Freispruch beantragen. Sein Kollege und Pflichtverteidiger Hans-Jörg Schwarzer betonte hingegen, dass der Punkt der versuchten Zwangsprostitution noch nicht erreicht sei. »Weit weg von Prostitution« sah auch Rechtsanwalt Jürgen Tegtmeyer seinen Mandanten Lazlo L. Nicht zuletzt: »Ohne Geständnis würden wir heute nicht fertig.« Der Verteidiger erbat mit zwei Jahren neun Monaten die Untergrenze des besprochenen Strafrahmens.

Desgleichen sein Kollege Reinhard Roloff, der Otto J.s Beteiligung »im unteren Bereich« ansiedeln mochte. Schließlich sei sein Mandant weder einschlägig vorbestraft, noch habe man auf dessen Mobiltelefon Hinweise gefunden. Allerdings war dieser Otto J. nur knapp zwei Monate vor dieser Tat aus der Haft entlassen worden. Im Gerichtssaal begann er zu weinen, klagte, er sei krank und würde eine lange Haft »nicht aushalten«. Seinen Versuch, das Strafmaß auf zwei Jahre zu drücken, wies der Vorsitzende zurück: »Das ist kein Wunschkonzert.«

Für Chris-Dominik Kempel war klar, dass hier die wirtschaftliche Notlage einer Frau ausgenutzt wurde und sie ausgebeutet werden sollte. Der Staatsanwalt sah eine versuchte Zwangsprostitution sowie Menschenhandel verwirklicht. Nicht zuletzt hätten die drei Männer während der Fahrt deutlich gemacht, dass sie weitere Frauen auf diese Weise ausbeuten wollten. Kempel beantragte für alle drei Angeklagten den maximal vereinbarten Strafrahmen: dreieinhalb Jahre für Zoltan M. und je drei Jahre drei Monate für die beiden Mittäter.

Das Schöffengericht entschied auf drei Jahre vier Monate und zweimal auf zwei Jahre zehn Monate. Auch die drei Richter sahen aufgrund der räumlichen und zeitlichen Entfernung die versuchte Zwangsprostitution noch nicht erreicht. Was blieb, war der schwere Menschenhandel. Am Rande der Verhandlung war bekannt geworden, dass das Opfer in Ungarn zwischenzeitlich die Vorwürfe zurückgezogen hat. Doch das spielte aus nachvollziehbaren Gründen bei der Verhandlung keine Rolle.

Hannes Höfer