Jugendarbeit in den Kommunen außer Kraft

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Auf Instagram aktiv: Die Jugendreferentin Franziska Böhnlein bedauert, dass die Arbeit mit Jugendlichen derzeit nicht gestattet ist und ausgesetzt werden musste. (Screenshot: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Ein bisschen hilflos klingt Franziska Böhnlein in ihrer Instagram-Story: Es hört sich nach einem Appell der Jugendreferentin von Berchtesgaden an, der ungehört verhallt. Der jungen Frau sind die Hände gebunden. Denn in Corona-Hotspot-Regionen wie dem Berchtesgadener Land, in dem die Inzidenz über 1000 liegt, ist die Jugendarbeit in den Kommunen außer Kraft gesetzt, ein »furchtbarer Zustand« sei das. Franziska Böhnlein sagt: »Man muss ansetzen, wenn es für die jungen Leute schwierig wird, nicht, wenn draußen die Sonne scheint.«


Franziska Böhnlein ist Jugendreferentin – nicht nur auf dem Papier. Sie nimmt ihre Aufgabe ernst, seitdem sie für die CSU in den Gemeinderat eingezogen ist. Die Berchtesgadenerin ist 26 Jahre alt, die Jugend liegt ihr am Herzen. Sie engagiert sich für den zentralen Jugendtreffpunkt im Werk 34, arbeitet mit dem Kreisjugendring Berchtesgadener Land zusammen, mit dem gemeinnützigen Sozialbetrieb »Jonathan Soziale Arbeit«.

Im vergangenen Sommer, als Corona zwar präsent war, aber im Lebensalltag der Berchtesgadener eine eher untergeordnete Rolle spielte, veranstaltete sie gemeinsam mit ihrem Team ein Konzert mit mehreren Bands – »Rock am Rathaus«. Auch sonst steht sie mit Rat und Tat zur Seite, wenn Berchtesgadens Jugend eine Frage hat.

Corona ist in der Marktgemeinde seit geraumer Zeit wieder Thema Nummer eins. Die Inzidenz bewegt sich rund um die 1 000er-Marke. Im Ortszentrum ist der Adventsmarkt verwaist. »Und auch unsere Jugendlichen wissen nicht, was sie tun sollen«, sagt Franziska Böhnlein, denn während des Lockdowns sind alle Freizeitangebote gestrichen. »Ich hätte mir das nie und nimmer vorgestellt, dass man uns in der Kommune die Möglichkeit der Jugendarbeit nimmt.« Genau jetzt sei diese wichtiger denn je, ein dringliches Thema, auf dem der Fokus liegen müsste. »Aber die 15. Bayerische Infektionsschutzverordnung erlaubt uns keine Jugendarbeit.« Franziska Böhnlein selbst ist geimpft, so wie ihre Kollegen auch, mit denen sie zudem als Streetworker in der Gemeinde unterwegs ist und Orte besucht, die häufig von Jugendlichen mit Leben erfüllt sind: das Gelände hinter dem Bahnhof, der Berchtesgadener Kurpark, der Königsseer Fußweg. Alles Orte, an denen sich junge Menschen treffen, wenn ihnen langweilig ist.

»Offiziell dürfen wir die jungen Leute nicht besuchen«, sagt sie. Ihr Unverständnis über diese Entscheidung ist groß, auf Instagram hat die junge Frau ihr Bedauern in mehreren »Stories« (Beträgen) geäußert und dafür große Resonanz erfahren. 40 Nachrichten erhielt sie in kürzester Zeit.

In der Funktion als Streetworkerin redet Franziska Böhnlein regelmäßig mit Jugendlichen, motiviert sie dazu, dem Jugendzentrum von Berchtesgaden – dem Werk 34 – einen Besuch abzustatten. Aber auch das hat mittlerweile geschlossen, so wie die vielen weiteren Jugendtreffs in Bad Reichenhall, Piding, Ainring, Teisendorf, Freilassing und Laufen. Nichts ist mit Billardtisch, gemeinsamen Spielen, Unterhaltungen im geschützten Raum. Die Jugendlichen, die vormittags noch in die Schule gehen, sind nachmittags auf sich allein gestellt. »Das bereitet mir wirklich Sorgen«, sagt Franziska Böhnlein. Klar ist: Es gibt jene Heranwachsenden, die es in der Corona-Zeit schwerer haben als andere. Sie kennt Fälle, in denen beide Elternteile die Jobs verloren haben, zuhause Streit herrscht, schlechte Stimmung. »Die Kinder wollen einfach nur raus«, erklärt sie. Franziska Böhnleins Befürchtung: Jugendliche ohne Betreuung und ohne einer sinnvollen Beschäftigung machen mehr Unsinn. Vor wenigen Tagen hatte die Jugendreferentin einen Termin mit Vertretern der Polizei. Sie sagt: »Auch dort ist das Problem bekannt.«

Der Schulbesuch in Corona-Zeiten? Dieser sei richtig und wichtig. Aber wieso keine ergänzende Jugendarbeit am Nachmittag? »Das alles wirkt sehr unkoordiniert. Der Erziehungsauftrag hört nicht mit dem Mittagsgong auf«, so die Jugendreferentin. Normalerweise kommen nach der Schule die Mitarbeiter des Kreisjugendrings und von Jonathan Soziale Arbeit zum Zug. »Jetzt ist es ihnen aber nicht mehr erlaubt, Stunden zu schreiben. Wir können aktuell nullkommanull tun. Wenn alles flauschig ist – easy-cheesy – dann ist unsere Arbeit ja recht einfach«, sagt Franziska Böhnlein. In der vorherrschenden Situation sei die Unterstützung aber regelrecht notwendig, »Jetzt könnten wir tatsächlich helfen«.

Weil Franziska Böhnlein das Verbot der Jugendunterstützung nicht so recht nachvollziehen kann, hat sie sich an die Stimmkreisabgeordnete des Landkreises, Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber gewandt. Sie habe Unterstützung zugesichert. Erfahrungsgemäß wird die versprochene Hilfe in der Kürze der Zeit keine Wirkung zeigen, zumal das Grundproblem dadurch nicht beseitigt ist. Auf eine E-Mail an das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales hat die Jugendreferentin noch keine Antwort erhalten. Inzwischen haben die Jugendarbeiter zu anderen Formen der Unterstützung gewechselt. Kurzfristig haben sie eine Beschäftigungsaktion ins Leben gerufen, Bastelkits zusammengestellt, die Jugendliche am Salinenplatz 2 in Berchtesgaden abholen können.

In mehreren Online-Treffs wird von zuhause aus zusammen gebastelt. Die Kunstwerke, unter anderem Weihnachtskarten, wollen die Jugendlichen an einsame Senioren in Altersheimen und Krankenhäusern verteilen. Zudem haben die Jugendbeauftragten eine Jugendsprechstunde eingerichtet – ein Treffen vor dem heimischen Bildschirm. Austausch dank Internet. »Denn live ist es ja verboten.«

Kilian Pfeiffer