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Das Monster in uns

«It Comes at Night»: Postapokalyptischer Horror

Dieser Film beweist, dass es für klugen Horror weder großes Budget noch ein riesiges Ensemble braucht. Regisseur Trey Edward Shults spielt in seinem Endzeit-Thriller stattdessen mit den Monstern in jedem von uns.

It Comes At Night
Kim (Riley Keough, l-r), Will (Christopher Abbott), Paul (Joel Edgerton), Travis (Calvin Harrison Jr.) und Sarah (Carmen Ejogo) müssen in einer postapokalyptischen Welt überleben. Foto: Universum Film Foto: dpa

New York (dpa) - Ein großes Holzhaus im Wald, darin ein leerer Raum, komplett mit Plastikplanen ausgekleidet. Ein nackter alter Mann mit Pestbeulen sitzt schwer atmend in der Mitte des Raumes, seine Tochter lehnt sich zu ihm herunter.

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Durch eine Giftgas-Maske verabschiedet sie sich von ihm, bevor zwei Männer den geschwächten Alten nach draußen tragen, ihn erschießen und den Körper verbrennen.

Autor und Regisseur Trey Edward Shults braucht nur diese wenigen Szenen, um den Ton für seinen stimmungsreichen Horrorthriller «It Comes at Night» zu setzen: Es hat eine Epidemie gegeben und Sarah hat sich mit ihrem Mann Paul und dem 17-jährigem Sohn Travis in den Wald zurückgezogen. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet und vor allem Vater Paul (Joel Edgerton aus dem Rassismusdrama «Loving») scheint bereit, seine Familie mit Gewalt bis zum Letzten zu verteidigen.

Eines Tages bricht ein Fremder in ihr Haus ein, doch dieser junge Will (Christopher Abbott, aus dem Jugendgewaltdrama «James White») kann Paul davon überzeugen, dass auch er nur seine Familie beschützen möchte. Alle sechs ziehen zusammen und müssen in einer postapokalyptischen Welt lernen, ihr Misstrauen zu überwinden.

Statt auf Zombies und Monster setzt Trey Edward Shults auf psychologischen Horror und die Frage, wie weit Menschen in Extremsituationen gehen. Er kommt für seine Version der Postapokalypse mit gerade einmal zehn Schauspielern aus, besonders die beiden Familien im Zentrum sind aber exzellent besetzt und agieren absolut glaubwürdig - endlich einmal sind auch die unterschiedlichen Hautfarben eines Ensembles kein Teil des Plots.

Atmosphärisch dicht und mit einem treibenden Klassik-Score von Brian McOmber dreht Shults dann über 90 Minuten hinweg die Daumenschrauben immer weiter an, besonders im letzten Drittel dürften viele Zuschauer unruhig in ihren Kinosesseln umherrutschen. Er erklärt aber wenig über die Hintergründe seiner düsteren Welt und auch die Charaktere bekommen außer dem, was sie selbst von sich behaupten, keine Hintergrundgeschichte verpasst. 

So geht für manche vielleicht Identifikationspotenzial verloren. Und auch wenn Regisseur Shults in seinem perfekt ausgeführten Thriller immer wieder kleine Fährten legt - beispielsweise, wenn im Haus das Gemälde «Der Triumph des Todes» von Pieter Bruegel der Ältere hängt - am Ende steht die Frage offen, was der Film im Kern zu sagen hat. Stellung zum Handeln seiner Figuren bezieht er jedenfalls keine.

Trotzdem bleibt ein Film, der näher an «The Walking Dead» als an «Saw» herankommt und sicher Zuschauer gut versorgt, die keine Lust auf Horror nach Schema F und mit den immergleichen Schockeffekten haben. Sie finden hier einen Stoff, der viel eher von Angst als von Monstern handelt - schließlich ist die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen zu Monstern werden, ohnehin die deutlich gruseligere Vorstellung.

It Comes at Night, USA 2017, 92 Min., FSK ab 16, von Trey Edward Shults, mit Joel Edgerton, Christopher Abbott, Carmen Ejogo, Kelvin Harrison Jr.

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