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Israels Ex-Botschafter: Drücken Ägypten die Daumen

Eli Shaked
«Wir sind nur besorgte Zuschauer», so der frühere israelische Botschafter. Foto: David Katz/Archiv Foto: dpa

Tel Aviv (dpa) - Israel betrachtet die neue Staatskrise in Ägypten mit großer Sorge. Der Führung in Kairo könnte die Kontrolle über den Sinai noch weiter entgleiten, warnt der frühere israelische Botschafter in Ägypten, Eli Shaked.


Vom Iran unterstützte Gotteskrieger könnten dann von dort aus erneut Terrorangriffe gegen Israel starten. Israel drücke den Ägyptern deshalb die Daumen, dass Ruhe und Ordnung schon bald wieder hergestellt sind.

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Frage: Welche Konsequenzen für Israel kann der Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär haben?

Antwort: Israel verfolgt die Entwicklung in Ägypten sehr genau. Aber viel tun können wir nicht. Wir sind nur besorgte Zuschauer. Die Lage auf dem Sinai macht uns Sorgen, weil die Region eine Basis für Terrorangriffe auf Israel geworden ist. Aber auch die ägyptischen Sicherheitskräfte sind von diesen Kräften angegriffen worden. Es sind internationale Gotteskrieger und Extremisten aus dem Gazastreifen und Gruppen mit Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida, die vom Iran unterstützt werden. Diese Entwicklung hat schon unter dem im Februar 2011 gestürzten früheren ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak eingesetzt, aber sie hat seither an Fahrt gewonnen. Israel wünscht sich von Ägypten deshalb, dass es Ruhe und Ordnung im ganzen Land und vor allem auf dem Sinai wieder herstellen möge. Dies ist nicht nur für Ägypten, sondern für den ganzen Nahen Osten wichtig. Chaos und mangelnde Stabilität liegen nicht im Interesse Israels, weil jedes Land kalkulierbare Nachbarn braucht. Wir drücken deshalb dem ägyptischen Militär und wer immer die Führung des Landes übernehmen wird die Daumen, dass es gelingt, Ägypten wieder zu einem stabilen und berechenbaren Land zu machen. Sonst stehen wir uns wie zwei Löwen gegenüber und fragen uns: Frisst er mich oder ich ihn?

Frage: Wie könnte es in Ägypten weitergehen?

Antwort: Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass das Militär die Muslimbruderschaft in naher Zukunft wieder an die Macht kommen lässt. Es wird der Muslimbruderschaft bei möglichen Neuwahlen keine zweite Chance geben. Es wird ihnen verboten werden, an einer solchen Wahl als Partei teilzunehmen. Es darf nicht vergessen werden, dass das Militär und die Muslimbruderschaft seit deren Gründung in den 1920er Jahren verfeindet sind. Wie es ansonsten in Ägypten weitergehen kann, ist die große Unbekannte. Es gibt so viele Fragezeichen. Die ägyptische Führung ist wirklich nicht zu beneiden, weil die Probleme so groß sind, weil sie einer chronischen und bösartigen Krankheit gleichen. Ich weiß nicht, zu welcher Zauberformel die nächste Führung greifen wird, aber ein Wunder täte wirklich Not. Israel würde sich vom Westen wünschen, dass er Ägypten dabei hilft, wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Aber die Bevölkerung wächst zu schnell, die Arbeitslosigkeit ist immens, die Frauenrechte werden nicht gewahrt, und es fehlt an den Grundvoraussetzungen für eine Demokratie: Bereitschaft zu Toleranz und Kompromiss. Man muss sich nur ansehen, wie intolerant und kompromisslos die Muslimbruderschaft mit der Opposition umgesprungen ist und wie die es der Bruderschaft nun heimgezahlt hat. Es wird noch viele Jahre keine wirkliche Demokratie in Ägypten geben.

Frage: Ägypter sind Israel in der Regel feindlich gesinnt. Könnte sich das durch eine langsame Demokratisierung des Landes über einen Zeitraum von - sagen wir - 30 Jahren ändern?

Antwort: Vielleicht in 30 Jahren. Aber nur wenn die Ägypter spätestens gestern begonnen hätten, in der Erziehung vom Kindergarten an die Bedeutung von Frieden mit den Nachbarn zu betonen, wenn der jungen Generation erklärt würde, wie wichtig Toleranz gegenüber dem Nächsten ist, sei dies ein Jude, ein Christ oder ein koptischer Christ. Wenn die Schüler in ihren Lehrbüchern lesen würden, dass Frieden mit Israel für beide Seiten wichtig ist und dass Juden keine Hörner und keinen Schwanz haben, dass die Juden und Israelis keine Feinde sind, die man töten muss, ja, dann könnte es in 30 Jahren vielleicht echten Frieden geben. Aber das alles findet nicht statt. Sondern die ägyptischen Lehrbücher predigen Hass auf Israel. Und dann wird es auch in 30 Jahren nicht besser als heute sein.