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»Nichts gelernt« hat der Angeklagte laut Richter Josef Haiker. Darum gab es keine Bewährung. (Foto: privat)

Inventar total zerstört – Zehn Monate Haft

Bayerisch Gmain – Es war eine Szene wie aus einem Film: Mit Pistolen und Schilden stürmten drei Beamte in die bereits massiv zerstörte Wohnung. Einem mehrfachen »Hände hoch, Hände hoch, ….« folgte der 32-Jährige, der zuvor gedroht hatte, »die Hütte abzubrennen«, nicht. Wegen Widerstands, tätlichen Angriffs und Beleidigung stand der vielfach vorbestrafte Mann kürzlich in Laufen vor Gericht. Dort schickte man ihn für weitere zehn Monate hinter Gitter.


Der Angeklagte hat eine Drogenvergangenheit und wird derzeit substituiert. Am Mittag des 23. September vergangenen Jahres sollte er zum Haftantritt abgeholt werden. Von einem Medikament, das eigentlich beruhigen soll, will er nach eigener Angabe »eine, und noch eine, und noch eine, und …« genommen haben. Die Folgen beschrieb ein 46-jähriger Beamter der Polizeiinspektion Bad Reichenhall in Laufen so: »Das habe ich noch nie erlebt.« Die ganze Wohnung sei »zerlegt« gewesen, im Fernseher habe ein zwölf Zentimeter langes Messer gesteckt.

Lebensgefährtin und Kind hatten sich bereits zuvor in einer Nachbarwohnung in Sicherheit gebracht. Den Mann zu beruhigen, schien zunächst zu gelingen, doch dann sei »die Stimmung gekippt. Der ist komplett ausgeflippt«, berichtete der Polizeioberkommissar. Mit Verstärkung war es gelungen, den Randalierer zu fixieren und zu fesseln, und doch hatte er versucht, weiter in Richtung der Beamten zu treten. »Beleidigungen gab es andauernd«, so der Zeuge weiter. Ein 28-jähriger Kollege bestätigte die Schilderungen: »Wir mussten davon ausgehen, dass der die Wohnung wirklich anzündet.« Weil Suizidgefahr bestand, brachte man den 32-jährigen anschließend in das Inn-Salzach-Klinikum nach Freilassing.

»Ich möchte mich bei Ihnen aufrichtig entschuldigen. Ich war nicht Herr meiner Sinne«, wandte sich der Angeklagte an die Beamten im Zeugenstand. Die Frage, inwieweit er bei früheren Taten Herr seiner Sinne war, könnte sich in Anbetracht von 17 Einträgen im Bundeszentralregister stellen. Bewährungen waren stets widerrufen worden. Zuletzt musste der Angeklagte vier Monate wegen Diebstahls eines Adventskranzes absitzen. Zwei Jahre zuvor waren es drei Monate wegen Beleidigungen. Sieben Monate Knast brachten ihm Diebstahl, Hausfriedensbruch und Körperverletzung. Hier hatte er seiner damaligen Freundin Haare ausgerissen und ins Gesicht geschlagen. Ein weiteres Verfahren steht laut seinem Anwalt wegen Beleidigung bei der Staatsanwaltschaft Traunstein an.

Der Angeklagte beschrieb sich selbst als gern gesehenen Häftling, der sich wirklich Mühe gebe. Seine Drogenkarriere hatte im Alter von zwölf Jahren begonnen, lange Zeit lebte er auf der Straße. Anders als Staatsanwalt David Heberlein wollte Verteidiger Alfred Nübling das Treten seines Mandanten nicht als tätlichen Angriff auf die Beamten werten, sondern als »nicht zielgerichtetes Stampfen«. Der Anwalt sah in dem bevorstehenden Haftantritt eine Ausnahmesituation, die der Angeklagte mit Medikamenten zu dämpfen versucht habe. Versehen mit einem »engen Korsett« wollte Nübling dem 32-Jährigen eine Bewährungschance einräumen. Heberlein betonte dagegen die »zahlreichen Vorstrafen«, von denen fünf einschlägig seien, sowie die hohe Rückfallgeschwindigkeit. Der Staatsanwalt beantragte 15 Monate – ohne Bewährung.

Er sei bereit, sich zu ändern und eine Therapie anzutreten, versicherte der Angeklagte, um mit externer Hilfe die Haftzeiten hinter sich zu lassen. Aus Sicht des Strafrichters handelte es sich bei dem tätlichen Angriff um einen »Grenzfall«, weswegen Josef Haiker allein wegen Widerstands und Beleidigung auf zehn Monate urteilte. Durch Tabletten und Drogen »in gewisser Weise enthemmt«, zeigten vorangegangene Gewaltdelikte aber doch seinen Umgang mit Aggressionen. »Nichts gelernt und keine einzige Bewährung durchgestanden«, so Haiker, weshalb es »keine begründete Erwartung auf künftige Straffreiheit« gebe. Und daher auch keine Bewährung.

Hannes Höfer