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»Input – Output«: Ein anregender Austausch in der Kunst

Mit dem ungewöhnlichen Titel »Input – Output« hat der Kunstverein Traunstein für seine Offene Jahresausstellung im 29. Jahr seines Bestehens ein besonders anregendes, inspirierendes Thema gewählt. Ursprünglich aus Wirtschaft und Informatik stammend, ist der Ausdruck ein Synonym für Austausch und Kommunikation. In der Kunst bezieht sich dieser Input und Output nicht nur im weitesten Sinne auf den Austausch zwischen Betrachter und Künstler, die Reaktion des Künstlers auf äußere Einflüsse oder die Beziehung dargestellter und realer Welt. Er ist weit vielfältiger.

»Virgin«, Lichtobjekt aus Acryl-Velours-Holz-LED von Hans Herbert Hartwieg. (Foto: Giesen)

Die Jury mit Judith Bader, Helmut Mühlbacher und Samuel Rachl hat aus weit über 200 eingereichten Arbeiten aus Malerei, Grafik, Fotografie, Bildhauerei, Installation und Video rund ein Drittel ausgewählt. 50 der ausstellenden Künstler sind Mitglieder des Kunstvereins Traunstein, 14 weitere Nicht-Mitglieder – daher die Bezeichnung »offene« Jahresausstellung. Die große Schau in der Klosterkirche und auf zwei Stockwerken der Städtischen Galerie gibt so einen guten Querschnitt durch das künstlerische Schaffen der Gegenwart. Sehr viele der gezeigten Werke sind im Jahr 2012 entstanden.

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Schon bei den Kunstgattungen vollzieht sich teilweise ein Austausch: Im ersten Stock der Galerie scheint es sich bei dem beeindruckenden Triptychon (»input-output 1924-1941«) von Helmut Morawetz aus der Ferne fraglos um Schwarz-Weiß-Fotografien zu handeln, ein typisches Klassenfoto aus den dreißiger Jahren bis zur Gruppenaufnahme von strammen Soldaten. Erst bei genauem Hinsehen merkt der Betrachter, dass es sich um Ölbilder handelt.

Umgekehrt sind die Schwarz-Weiß-Fotografien zum Beispiel von Agelinde Scholl (»Licht und Schatten«) oder Jürgen von Kruedener (»Rauf wie runter, rein wie raus«) schon längst keine Eins-zu-Eins-Abbildung der Welt mehr, wie sie der klassischen Fotografie zugeschrieben wird. Harald Sedlmeier spielt in der Fotografie (»Sie säen nicht und sie ernten nicht«) ebenso mit dem Phänomen der Spiegelung wie Horst Beese in seinem zweiteiligen Ölbild (»Spiegelung«). Nicht nur Rudi Pflügl (»Große Markthalle«) oder Hildegard Manzke (»Semper idem – immer das Gleiche«) unterlaufen mit ihren Fotografien die Gesetze der Gattung und geben Raum für Interpretation.

Eine ganze Reihe der ausstellenden Künstler setzt das vorgegebene Thema ausgesprochen witzig um: Die Installation von Christoph Merker (»Das schwarze Loch in meiner Waschmaschine«) mit einer kreisrunden Ansammlung einzelner schwarzer Socken dürfte nicht nur jede Hausfrau kennen, die den Eindruck hat, von einem Paar Socken kämen nach dem Waschen selten noch beide heraus. Auch der Kopf von Regina Marmaglio (»Gehirnwäsche«), aus dem ein Geschirrtuch zu beiden Ohren herausragt, gehört zu dieser Kategorie ebenso wie das lustige und für sich sprechende Ölbild von Anna Stuffer (»Sooo toll war er auch wieder nicht«). Kein Besucher wird an der überraschenden und witzig ironischen Installation von Friederike Hoellerer (»input-output«) mit Nähmaschine und großem Ölbild einfach vorbeigehen. Ein Spiel mit Worten und damit den Austausch zwischen Wort und bildender Kunst thematisieren zum Beispiel Inge Kurtz in ihrem cartoonartigen Bild (»Sprich mit Dir«), Manfred Feith-Umbehr in seiner Installation aus mixed media (»…kiss…kissing…gerade zurück von der entscheidenden kissenschlacht oberhalb bad kissingens…«) oder Michael Heider im Bild aus Mischtechnik, PC-Bearbeitung und Druck (»setzen, stellen, legen, rein, raus: Partitur und Opus« ).

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich gibt es in der Ausstellung nicht nur leicht locker wirkende Bilder und Heransgehenweisen der Künstler: Da sind Altmeister wie Heinrich Stichter mit einem wie Bronze wirkenden, dramatisch abstrakten Bild im Kunstraum Klosterkirche oder die ebenso rein abstrakten Acrylbilder von Hermann Wagner (»Spannungsfeld Erde«) und Lisbeth Wohrizek (»Im Spannungsfeld, Durchbruch«) oder John Schmitz (»Selig die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich«). Auf schwere, fast bedrückende Weise nähern sich Wolfgang Schuster (»Lampedusa«) oder Ina Rall-Sichelschmidt (»put in-put out«) mit ihrer Assemblage von Köpfen in einem Holzkasten dem Thema. Bei der Vielzahl der Exponate muss eine kleine Auswahl genügen und viele sehenswerte Werke sind nicht erwähnt. Gerade aber die Auswahl soll den Leser anregen, die Ausstellung zu besuchen und sich selbst ein Bild davon zu machen.

Bilder und Lichtobjekte von Hans Herbert Hartwieg

Ein besonderes Erlebnis ist der Besuch der Apsis in der Klosterkirche, die heuer mit den faszinierenden Bildern und Lichtobjekten von Hans Herbert Hartwieg bestückt ist. Die Bilder des 1922 geborenen Künstlers sind in sich schlüssig und streben nach absoluter Klarheit der Form. Die Grundformen aus der Geometrie: Kreis, Quadrat und Dreieck kombiniert Hartwieg mit den entsprechenden klaren Farbharmonien. Dabei geht es dem Künstler um eine Annäherung an das Universelle, Allgemeingültige. Die Gesetze und Regeln der Mathematik, der Optik und der Wahrnehmungspsychologie dienen ihm auf seinem Weg zur reinen Konstruktion. Diese Konstruktion enthält zwar nachprüfbare bildnerische Vorgänge, ihre intuitiv wahrnehmbare Ausstrahlung aber beruht auf einer unstreitig vorhandenen poetischen Qualität.

Die Jahresgabe, jedes Jahr von einem anderen Künstler gestiftet, gibt den Kunstsammlern die Gelegenheit, qualitativ hochwertige Kunst günstig zu erwerben. In diesem Jahr sind es fein gearbeitete Farbholzschnitte von Franz Xaver Angerer mit dem Titel »Frühjahr; input – säen«, »Herbst; output – ernten«. Beeindruckend ist auch die ausgestellte Holzskulptur des Künstlers (»Komet VI«), dessen virtuose Handhabung des Materials Holz immer wieder besticht: Sie wirkt so filigran, fast wie Metall, dass der Betrachter immer wieder versucht ist, es zu berühren.

Nicht bei allen Arbeiten ist ein Bezug zum vorgegebenen Thema direkt zu erkennen, aber neugierig werden, Fragen stellen, nachdenken, lassen die Exponate den Besucher in jedem Fall.

Schon zum zweiten Mal findet zur Offenen Jahresausstellung des Kunstvereins eine Parallelausstellung statt, diesmal im Heimathaus Traunstein mit dem Motto »Im Dialog«. Hier findet gleich ein Dialog und Austausch in mehrfacher Hinsicht statt: Es findet nicht nur der Austausch der Bilderwelten zweier Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen, Maura Hagen und Veronika Schumacher, statt, sondern es kommt zu der höchst reizvollen Begegnung zeitgenössischer Kunst mit historischen Museumsstücken.

Die Offene Jahresausstellung ist bis 11. November Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 14 bis 13 und 14 bis 18 Uhr. Christiane Giesen