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»In meinem Träumen läutet es Sturm«

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Jutta Neuhäuser bei der Lesung in der Atelier-Galerie »Kunstgetriebe« in Hammer. (Foto: Morgenroth)

Die Atelier-Galerie »Kunstgetriebe von Franz-Xaver Angerer in Hammer bei Siegsdorf ist ein Begegnungsort für Künstler und Kunstinteressierte. Eine große Zahl von ihnen fand sich zur Lesung von Jutta Neuhäuser mit dem Titel »In meinem Träumen läutet es Sturm« zum 40. Todestag von Mascha Kaléko ein.


Es fiel auf, dass viele die sehr bekannte Dichterin nicht kennen. Umso interessanter und beeindruckender war die Lesung. Mit ausdrucksstarker und einfühlsamer Gestik trug die Schauspielerin Jutta Neuhäuser Biografisches und Gedichte von Mascha Kaléko vor. Deren Werke erfahren gerade in diesem Jahr eine Renaissance. In gewisser Beziehung steht auch Neuhäuser zu Kaléko, zieht sie doch in diesem Monat von Bayern wieder nach Berlin zurück – und gerade in die Bleibtreustraße, in der auch die Dichterin in Berlin wohnte.

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Jutta Neuhäuser begann ihre Karriere als klassische Balletttänzerin. Durch die Begegnung mit dem berühmten Regisseur und Intendanten Pete Zadek startete sie ihren zweiten Bühnenberuf als Schauspielerin. Sie war am Schauspielhaus in Bochum, anschließend folgten weitere Engagements in Köln, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf und Wien. Als Schauspielerin war sie im Fernsehen unter anderem in »Derrick« und »Marienhof« zu sehen.

Bereits im vergangenen Jahr konnte man die Schauspielerin in der Atelier-Galerie »Kunstgetriebe« sehen und hören. Große Bewunderung und Aufmerksamkeit fand auch ihre jetzige Lesung. Die ausgewählten Gedichte von Mascha Kaléko, passend auf die Jahreszeit abgestimmt, sowie der exzellente Vortrag fanden erstaunlich großen Anklang beim Publikum.

Mascha Kaléko wurde am 7. Juni 1907 als Tochter jüdischer Eltern in Galizien geboren, sie fand in den 1920er Jahren Anschluss an die literarische Szene in Berlin. 1933 hatte sie mit dem »Lyrischen Stenogrammheft« ihren ersten großen Erfolg. 1938 emigrierte sie in die USA und siedelte 1959 von dort, ihren zweiten Mann zu Liebe, nach Israel über. Sie starb am 21. Januar 1975 nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in Zürich.

Kaléko schrieb »Gebrauchslyrik« – Gedichte die man zum Leben braucht. Sie wollte wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Joachim Ringelnatz keine feingeistige Literatur für wenige schreiben, sondern eine zugängliche, unverkrampfte »Gebrauchspoesie« im besten Sinne – aus dem Alltag für den Alltag, keck, gegenwartsnah, voller Ironie und doch voller Gefühl.

Wie gut ihr das gelungen ist, zeigen ihre Gedichte und Epigramme. Es sind Verse in zärtlich-weiblichen Rhythmen, die jeder versteht, weil sie von Dingen handeln, die alle erleben, von Liebe, Abschied und Einsamkeit, von finanziellen Nöten, von Sehnsucht und von Traurigkeit. Das Geheimnis und die Qualität ihrer Dichtung liegen in der Einfachheit. »Weiß Gott, ich bin ganz unmodern«, schreibt sie in ihrem Gedicht »Kein Neutöner«, und weiter heißt es: »Zwar liest man meine Verse gern, doch werden sie – verstanden!«

Mascha Kalékos Werke haben zu ihrer Verspieltheit, satirischen Schärfe und ihrem Sprachwitz ein Sehnen, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann. Die Mischung aus Melancholie und Witz, steter Aktualität und politischer Schärfe ist es, die ihre Lyrik so zeitlos macht.

Jutta Neuhäuser hat in ihrer Lesung Mascha Kalékos Lebensweg, auch ihr Verlangen nach Heimat, mittels ihrer Geschichten wie zum Beispiel »Bleibtreu heißt die Straße« in ausgezeichneter Weise und mit bemerkenswerter Diktion vorgetragen. Auch das Gedicht »Ich und Du« hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei den Zuhörern.

Zurzeit ist im »Kunstgetriebe« eine Ausstellung mit Werken von Liesbeth Wohrizek (Grafik) Hermann Wagner (Malerei) und Franz-Xaver Angerer (Skulptur) bis 26. Oktober jeweils Samstag und Sonntag von 15 bis 19 Uhr zu sehen. Gabriele Morgenroth