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In Lied und Wort Ludwig Thoma lebendig gemacht

Einer der wohl schillerndsten bayerischen Schriftstellerpersönlichkeiten widmete sich ein »Wirtshausabend« des Kulturvereins Teisendorf, der beim Publikum bestens ankam: Sein Programm »Ludwig Thoma – Weiwara und Bürgerschreck« führte Robert Sattler auf Einladung seines früheren Schulkameraden, des Kulturvereinsvorsitzenden Bernhard Glück, zum letzten Mal auf. Das gut besetzte Nebenzimmer der »Alten Post« wurde zur Kleinkunstbühne für den »Vortrag für zwei Personen, eine Fliege und eine Gitarre«.

Robert Sattler beleuchtet als Professor Drawnicek Ludwig Thomas Leben und Werk. (Foto: Mergenthal)

Fliege deshalb, weil Sattler stereotyp den Sitz seiner schwarzen Fliege überprüfte, wenn er sich vom Moritaten- und Bluessänger »Bob Sattle« zum »Professor Drawnicek« wandelte. Als angeblicher Literaturprofessor mit herrlichem Wiener Schmäh beleuchtete er zwischen den Beiträgen des Sängers – Kostproben aus Thoma-Werken und persönliche Anmerkungen – die biografischen und literaturgeschichtlichen Hintergründe.

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Den sperrigen Autor zu verherrlichen, liegt Sattler fern. Im Gegenteil, er benützt Thomas Unangepasstheit, um eigene Kritik an Staat, Kirche und Gesellschaft loszuwerden und deutlich zu machen, dass sich »seit 100 Jahren nichts geändert« habe. Von den antisemitischen Hetzartikeln, die Thoma in den letzten 14 Monaten seines Lebens größtenteils anonym im »Miesbacher Anzeiger« veröffentlichte, distanzierte sich der Vortragende. Sie passen für ihn nicht zu Thomas Eintreten für Minderheiten. Mag sein, dass sowohl der Zeitgeist als auch die Enttäuschung darüber, dass er die Liebe seines Lebens, die Frau des jüdischen Sektfabrikanten Liebermann, nicht bekam, zu dieser Entgleisung beitrugen.

Immer wieder zeigte Sattler, dass Thoma in seiner Gesellschaftskritik vor nichts und niemandem Halt machte. So nimmt eine köstliche Satire von 1902 den Kontrast zwischen dem mageren Kirchenvolk und den wohlgenährten Ordensleuten in Südtirol aufs Korn: »Auch die Jünger des Franziskus sind wie runde Fassgebinde«, heißt es da unter anderem. »Selten a Schaden, wo net a Nutzen dabei ist«, meinte Sattler und bezog sich auf die Inhaftierung Thomas in Stadelheim, weil er sich in der von ihm seit 1900 als Chefredakteur betreuten Zeitschrift »Simplicissimus« über die »Sittlichkeitsprediger« lustig machte: Während der sechs Wochen Haft entstand sein 1908 erstmals aufgeführtes erfolgreiches Lustspiel »Die Moral«. Mit seinem Anprangern des Vorurteils, der »Moral der höheren Gutbürger«, ist dieses Stück Sattlers Ansicht nach heute noch brandaktuell, wenn zum Beispiel ein bayerischer Ministerpräsident abserviert wird, weil seine Frau beim Oktoberfest kein Dirndl an hat.

Ein Hauptthema des Abends war die Beziehung Thomas zu den Frauen, die bei Sattler nur das Opfer von Thomas Liebeswahn und Sexgier waren. Schlaglichtartig wurden Thomas Europareisen beleuchtet, die ihn im Pariser Nachtleben hängen bleiben ließen. Ein Ausfluss daraus war 1903 die Satire »Warnung vor Paris« über die damals in Deutschland noch verpönte Kultur der Spitzenunterwäsche. Thomas Verleger Albert Langen habe ihn nur dadurch heimlocken können, indem er ihm die philippinische Tänzerin Maria Trinidad de la Rosa zuführte, so Sattler. Ungeniert habe Thoma diese ihrem Ehemann abgekauft.

Ein Höhepunkt war Professor Drawniceks deftige Kostprobe aus den 800 Liebesbriefen, die zwischen Ludwig Thomas wahrer Liebe Maidi Liebermann und ihm über Jahre hin und her flatterten. »Küss mich tot, aber nimm mich«, schreibt die verliebte Maidi. Thoma erzählt, dass er schon wieder einsitzen musste – »Die Zellen für die Dichter bleiben dieselben, nur die, die einsperren, ändern sich« – und beklagt: »Das Tegernseer Tal ist bald eine preußische Enklave.« Zuweilen wirkte das Programm etwas plakativ, aber dann berührte es wieder – etwa, wenn »Bob Sattle« ein Lied des gesellschaftskritischen ligurischen Sängers Fabrizio de André zuerst in der ligurischen Mundart und dann mit einer bayerischen Textversion sang, als Hymne für »unsere« Volkshelden und gegen die »Großkopferten«. Veronika Mergenthal