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In der Krisenzeit: »Bergsteiger sollten sich einschränken«

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Ramsau: Bergwacht Chiemgau gründet Spezialistengruppe für Einsätze bei Corona-Verdacht
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Auch der Hohe Göll kann warten. Auf größere Bergtouren sollte man während der Corona-Krise verzichten, rät die Bergwacht. (Foto: Ulli Kastner)

Ramsau – »Gottseidank ist es momentan sehr ruhig«, sagt Rudi Fendt und klopft schnell auf Holz. Aktuell ist der Ramsauer Bergwachtchef wie seine Kollegen von den anderen hiesigen Bergwacht-Bereitschaften froh, wenn es keine Bergunfälle gibt, denn Einsätze können gerade in Corona-Zeiten wesentlich aufwändiger sein als sonst. »Auch Bergsteiger sollten sich zurzeit einschränken«, betont Rudi Fendt.


Strahlender Sonnenschein herrscht an diesem Montag über dem Berchtesgadener Land, als der »Berchtesgadener Anzeiger« Rudi Fendt am Telefon erreicht. Auf den Bergen liegen ein paar Zentimeter Neuschnee, im Watzmann-Kar gibt es möglicherweise beste Verhältnisse für eine Skitour.

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Doch Rudi Fendt, selbst leidenschaftlicher Skibergsteiger, verbringt den Tag ganz gelassen zu Hause. »Ich schränke mit aktuell stark ein und andere sollten das auch tun«, empfiehlt der erfahrene Bergretter und erklärt den Grund:

»Bergrettungen können in Corona-Zeiten den dreifachen Aufwand bedeuten.« Nämlich dann, wenn der Verdacht besteht, dass ein in Bergnot Geratener aus einem Corona-Krisengebiet kommt oder Kontakt mit einem Infizierten hatte. »Für solche Fälle gibt es seit neuestem in der Bergwachtregion Chiemgau eine achtköpfige Spezialistengruppe, die wir rufen können«, sagt Fendt. Die Experten rücken dann, mit Schutzanzügen und Atemmasken im Gepäck, zur Bergung aus.

Hinterher muss sämtliche Ausrüstung dann desinfiziert werden: Gewand, Fahrzeuge und vielleicht sogar der Hubschrauber. »Und das bindet womöglich wieder Kräfte für andere wichtige Einsätze«, warnt Fendt. Immerhin sieht er seine Leute gut für den Ernstfall vorbereitet. So gibt es sogar einen Leitfaden der Bergwacht Bayern für Einsätze in der aktuellen Krisenzeit. »Wir tun natürlich unsere Arbeit, wenn es erforderlich ist.«

Rudi Fendt ist dennoch froh, dass es allem Anschein nach auf den Bergen doch etwas ruhiger geworden ist. Das war letzte Woche noch nicht der Fall. Da sorgten einige junge Leute für einen großen Einsatz am Hochstaufen in Bad Reichenhall. »So etwas ist halt kontraproduktiv«, kritisiert Rudi Fendt. Er selbst jedenfalls unternimmt aktuell aus Solidarität keine größeren Touren. »Höchstens mal zum Joggen oder mit dem Hund raus.«

Nicht einmal zur Frühjahrstagung der Bereitschaftsleiter musste der Ramsauer dieser Tage das Haus verlassen. »Das ging alles per Telefonkonferenz«, freut sich Fendt und sieht dies als ein Beispiel, dem auch die Politiker folgen könnten. »Es ist ja Wahnsinn, wie viel Geld und Zeit da immer verflogen wird.«

Ulli Kastner