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Wegen Schockanrufen laufen gerade mehrere Verfahren am Landgericht Traunstein. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Immense Schäden bei Opfern von Schockanrufen: Erstes Urteil gegen eine 59-jährige Frau am Landgericht Traunstein

Zwei Tätergruppierungen mit ausschließlich polnischen Staatsangehörigen müssen sich derzeit in parallelen Prozessen vor Strafkammern am Landgericht Traunstein verantworten. Im ersten, im April gestarteten Verfahren gegen ursprünglich vier Angeklagte erging das Urteil gegen die einzige Frau. Die Siebte Strafkammer verhängte gegen die 59-Jährige vier Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe. 


Auf Schockanrufe mit schrecklichen Lügengeschichten waren im Frühjahr 2021 zwölf Geschädigte aus ganz Bayern hereingefallen. Die Beute in Rosenheim, Wasserburg und Übersee, aber auch in anderen Orten zwischen Bayreuth und Kempten, summierte sich auf einen Gesamtwert von über einer Viertelmillion Euro. Laut Anklage von Staatsanwalt Dr. Gregor Stallinger zählten die Angeklagten zu einer kriminellen Organisation. Mitglieder einer Bande zu sein, das haben die teilgeständigen Täter jedoch strikt geleugnet. Der 24-jährige Hauptangeklagte soll an allen zwölf Fällen beteiligt gewesen sein und die anderen bei Bedarf als Fahrer oder als Abholer hoher Barbeträge angeheuert haben.

Die Geschädigten wurden damals zunächst von unbekannten »Keilern« angerufen. Den Opfern wurden zum Beispiel »schwere Verkehrsunfälle« von Familienangehörigen vorgegaukelt. Eine angebliche »Tochter«, deren lautes Weinen im Hintergrund zu hören war, sollte jemand bei einem Verkehrsunfall getötet haben. Vor lauter Angst um ihre Lieben konnten die Opfer »gar nicht mehr richtig denken«, wie mehrere der zumeist betagten Zeugen schilderten, unter ihnen zwei 91-jährige Männer aus Wasserburg und Ingolstadt. Auch sie wurden von unbekannten Anrufern, die sich unter anderem als »Polizisten« oder »Staatsanwälte« ausgaben, psychisch massiv unter Druck gesetzt. Um die Angehörigen oder einen guten Freund vor dem Gefängnis zu bewahren, zahlten die Geschädigten. Sie positionierten hohe Beträge und wertvollen Schmuck zum Beispiel vor der Haustüre oder an einem Geschäft. Nach der letzten Tat am 23. Juni 2021 in Rosenheim konnten Polizeibeamte die vier Angeklagten, drei Männer und die 59-jährige Frau, fassen. Die Vorwürfe lauteten auf unterschiedlich viele Fälle des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs.

Zwei Fälle des gewerbsmäßigen Betrugs

Die 59-Jährige war zwischendurch krankheitsbedingt nicht verhandlungsfähig. Das Verfahren gegen sie wurde abgetrennt (wir berichteten). Mittlerweile hatte sich ihr Gesundheitszustand nach einer Operation aber ausreichend gebessert. Nun konnte die Siebte Strafkammer den Prozess gegen die Polin abschließen. Die Kammer befand sie zwar nicht des bandenmäßigen, aber in zwei Fällen des gewerbsmäßigen Betrugs schuldig. In zwei weiteren Punkten wurde die Frau, wie auch von der Staatsanwaltschaft beantragt, freigesprochen. Der Grund laut Vorsitzender Richterin Christina Braune: Bei beiden Taten fungierte nicht die 59-Jährige, sondern eine andere Frau als Abholerin. Zwei weitere Fälle waren schon früher in der Hauptverhandlung eingestellt worden mit der Begründung, die 59-Jährige sei bei diesen Fahrten zwar einsatzbereit im Auto gesessen, habe aber sonst nichts zum Gelingen der Betrügereien beigetragen. Somit müssen sich nur mehr die drei männlichen Täter vor Gericht verantworten.

Unterdessen lief ein weiteres großes Verfahren um Schockanrufe vor der Jugendkammer mit Vorsitzender Richterin Heike Will an. Dieses Mal geht es um einen Betrugsschaden von rund 600.000 Euro, auch im Raum Rosenheim. Auf der Anklagebank sitzen erneut nur polnische Staatsangehörige – ein 33-Jähriger und eine 20-Jährige. Haupttäterin soll dieses Mal die Frau gewesen sein. Ihr liegen sechs Fälle des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs und ein Raub im Jahr 2021 zur Last, dem 33-Jährigen fünffache Beihilfe.

Schmuck für 295.000 Euro erbeutet

Diese Schockanrufe einer international agierenden Bande verliefen gemäß Staatsanwaltschaft nach dem bekannten »modus operandi«. Mit entsetzlichen Botschaften via Telefon durch nicht identifizierte »Keiler« wird vorgetäuscht, nahe Angehörige des Angerufenen benötigten sofort finanzielle Hilfe in einer extremen Notlage. Auch diese Bande, bestehend aus einem arbeitsteiligen Netzwerk von Mitwirkenden, baut auf das Schockmoment, versucht, das verstandesmäßige Denken der Opfer außer Kraft zu setzen und sie ständig in der Leitung zu halten. Später springen Logistiker, Fahrer und Abholer der Beute ein.

Die 20-Jährige, die wegen ihres Alters zusammen mit dem 33-Jährigen vor der Jugendkammer landete, soll eine der Abholerinnen gewesen sein. Gemeinsam mit dem Mann als Fahrer soll sie am 18. Mai 2021 in Rosenheim von einer Geschädigten 42.000 Euro kassiert haben, am gleichen Tag weitere 46.000 Euro von einer anderen Frau. Vier Tage später verloren ein drittes Opfer 23 000 Euro und das vierte 10.000 Euro. In Kassel büßte eine Geschädigte am 25. Juni 2021 durch dieselbe kriminelle Masche Schmuck im Gesamtwert von über 295.000 Euro ein. Ein Teil der Pretiosen gehörte tragischerweise nicht dem Opfer, sondern einer anderen Dame. Alles sollte nach Befehl des »Keilers« am Telefon eine »Polizistin« in Person der 20-Jährigen an der Haustüre übernehmen. Die Geschädigte schöpfte jedoch Verdacht und forderte die Abholerin auf, sich auszuweisen. Als sich diese weigerte, kehrte die Kasselerin laut Anklage zurück in ihre Wohnung. Der »Keiler«, immer noch am Telefon, drängte sie erneut zur Übergabe des Schmuckpakets. Vor dem Eingang, wo die Angeklagte wartete, wollte die Frau dennoch den Schmuck nicht herausrücken. Da soll ihr die 20-Jährige die Wertsachen gewaltsam entrissen haben. Die Geschädigte trug einen Bluterguss am Arm davon. Die Abholerin entschwand und flüchtete mitsamt Beute in dem von dem 33-Jährigen gesteuerten Auto.

kd