Im Banne einer versteinerten Familie – Bildband rund um den Watzmann

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Auch die Schapbachalm haben Autorin und Fotograf besucht. (Repro: Ulli Kastner)
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Der neue Watzmann-Bildband vor dem realen »Schicksalsberg«. (Foto: Ulli Kastner)

Schönau a.K./Ramsau – Der Watzmann schreibt unendlich viele Geschichten: Oft sind sie nett und fröhlich, manchmal aber auch traurig und nachdenklich. Sie erzählen von Mensch und Tier, von Rekordjagd und Naturgenuss, von Felsen und Almen, von Freizeit und Arbeit. Viele solcher Anekdoten vom Berchtesgadener Wahrzeichen und aus den benachbarten Tälern erzählt die Bad Reichenhaller Journalistin Kathrin Thoma-Bregar im neuen Bildband »Abenteuer Watzmann – Naturwunder, Mythos, Schicksalsberg«, der jetzt im Bruckmann Verlag erschienen ist. Alle Fotos stammen vom bekannten Naturfotografen Klaus Fengler aus Bischofswiesen.


Der Watzmann ist nicht nur Ziel und Blickfang für Bergsteiger, sondern er prägt das tägliche Leben im Talkessel, weil er von fast jedem Punkt aus das Auge der Menschen auf sich zieht. Deshalb beschränkt sich Kathrin Thoma-Bregar, einst freie Mitarbeiterin beim »Berchtesgadener Anzeiger«, in ihren Erzählungen nicht auf das Felsmassiv des Watzmanns, sondern fand auch in seiner Peripherie zahlreiche interessante Geschichten.

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Der Nationalpark Berchtesgaden

Natürlich kann man sich nicht journalistisch mit dem zweithöchsten Berg Deutschlands befassen, ohne auf die Bedeutung des Nationalparks Berchtesgaden einzugehen. Hier findet der Naturliebhaber so manches »türkisfarbene Juwel« wie den Obersee, hier kann er die Weite der Kühroint-Alm erkunden oder Antwort auf die Frage erhalten, warum der Adler auch »König der Lüfte« genannt wird.

Autorin und Fotograf besuchten auch Julika Gervasoni, die Sennerin der Schapbachalm, wo es den berühmten Schüsselkäse gibt. Sie testeten bei Sennerin Helena Walch auf der Saletalm das einfache Leben auf der Alm, zeigten sich fasziniert von den Kletterkünsten der Steinböcke auf der Wasseralm und erkundeten die steile Wildnis rund um den Königssee. Im Steinernen Meer gingen sie dem Ursprung dieses einzigartigen Karstplateaus auf den Grund und im Wimbachtal begeisterte sie der gewaltige Schuttstrom, der stetig Nachschub von den Palfelhörnern bekommt und sich langsam talauswärts bewegt.

Herausforderung Watzmann-Ostwand

Erst nach und nach fokussieren sich Kathrin Thoma-Bregar und Klaus Fengler auf den Watzmann selbst und nehmen den Leser gleich einmal mit auf eine Durchsteigung der Ostwand. Es sind dynamische Bilder aus oft ungewohnter Perspektive, mit denen Klaus Fengler das Ostwand-Abenteure untermalt. Und die Autorin verbindet das Kletterabenteuer mit Informationen zur höchsten Wand der Ostalpen und ihrer Begehungsgeschichte.

Darin kommt freilich der Erstdurchsteiger Johann Grill vor, genauso wie Rekordhalter Heinz Zembsch mit 410 Begehungen und Speed-Rekordhalter Philip Reiter, der mit einer Stunde und 52 Minuten die bislang schnellste Begehung verbuchen konnte. Mit »Familientreffen im Fels« hat die Autorin das Portrait von Bergführer Korbinian Rieser und seines Vaters Helmut Rieser, der mit 85 Jahren noch immer klettert, überschrieben. Und dann sind da natürlich noch die Huber-Brüder Alexander und Thomas. Für Thomas ist der Watzmann »die schönste Bergskulptur im Alpenraum«. Und dessen Vater Thomas Huber senior weiß die Herausforderungen des Watzmanns ebenfalls zu schätzen, weshalb er die Ostwand selbst rund 150-Mal durchstiegen hat. Zuletzt für eine Fernsehdokumentation zusammen mit seinem Sohn Alexander über den schwierigen Salzburger Weg.

Rekorde am Watzmann

Franz Kuchlbauer, Ururenkel des Kederbachers, bewirtschaftet heute noch das Haus seines legendären Vorfahren und erzählt von seiner Arbeit in der Landwirtschaft. Aus der Ramsau stammt auch Bergläufer, Skibergsteiger und Radrennfahrer Toni Palzer. Der Ausnahmeathlet schaffte mit 2:39,47 Stunden die bislang schnellste Überschreitung des Watzmanngrats von und bis Wimbachbrücke. Nicht weniger beeindruckt die Leistung des Extrembergsteiger-Ehepaars Ines Papert und Luka Lindic. Die beiden kreierten vor gut drei Jahren die sogenannte »Watzmann Family Traverse«. Im Winter kletterten sie über die Watzmannfrau, alle Watzmannkinder und schließlich durch die Nordostwand der Mittelspitze auf den höchsten Punkt des Watzmannmassivs. 19 Stunden und 25 Minuten benötigten die beiden für diese außergewöhnliche Route.

Es ist das Gesamtkonzept, das diesen Bildband außergewöhnlich macht. Auch wenn über den Watzmann schon vieles geschrieben wurde, so fanden Kathrin Thoma-Bregar und Klaus Fengler neue Erzähl- und Ansichtsperspektiven. Vor allem die Portraits der Menschen, die im Banne der versteinerten Familie ihrem Beruf und ihrem Hobby nachgehen, machen dieses Werk spannend und lesenswert. Der Einheimische wird lediglich an einigen Stellen ein Auge zudrücken müssen. Wenn beispielsweise der Schneibstein einmal in Schneipstein umgetauft wird. Oder auf einem Bild aus der Ostwand die Mittelspitze als Watzmannfrau beschrieben wird.

Die aus Kiel stammende Autorin Kathrin Thoma-Bregar hat vor vielen Jahren die Ostseeküste gegen die Berggipfel getauscht. Heute arbeitet die Reichenhallerin als Journalistin und Texterin im Berchtesgadener Land. Auch den Fotografen Klaus Fengler hat das Berchtesgadener Land nicht mehr losgelassen, er lebt heute in Bischofswiesen. 16 Jahre lang begleitete er die Expeditionen von Extremkletterer Stefan Glowacz rund um den Globus. Seine Aufnahmen sind in zahlreichen Kletter- und Outdoormagazinen erschienen.

»Abenteuer Watzmann – Naturwunder, Mythos, Schicksalsberg« ist im Bruckmann Verlag erschienen, hat 192 Seiten und kostet 39,99 Euro.

Ulli Kastner

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