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Bewegende Lesung mit Anita Lasker-Wallfisch und Niklas Frank im Annette-Kolb-Gymnasium in Traunstein

»Ich war 19 und fühlte mich wie 90«

Eine außergewöhnliche Begegnung fand in der mit mehreren hundert Besuchern vollbesetzten Aula des Traunsteiner Annette-Kolb-Gymnasiums statt. Auf dem Podium saßen dabei die 92-jährige Anita Lasker-Wallfisch, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters Auschwitz, begleitet von ihrem Enkel Simon, und Niklas Frank, der 78-jährige Sohn des 1946 in Nürnberg hingerichteten Kriegsverbrechers Hans Frank.

Niklas Frank und Anita Lasker-Wallfisch (mit ihrem Enkel Simon Wallfisch) beim angeregten Gespräch mit dem Publikum. (Foto: Heel)

In seiner Einführungsrede betonte Schulleiter Bernd Amschler, wie wichtig die Begegnung mit Zeitzeugen sei, mit »Menschen in ihrer ganzen Authentizität«, und bedankte sich bei der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung e. V., dem Lions Club und auch dem Förderverein »Freunde des Annette-Kolb-Gymnasiums Traunstein e.V.«, die diese wichtige, couragierte Veranstaltung großzügig unterstützt hätten.

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Cellistin im Orchester von Auschwitz

Als Erste ergriff Anita Lasker-Wallfisch, die nach ihrer Befreiung nach Großbritannien emigriert war und dort das Londoner English Chamber Orchestra mitbegründet hat, das Wort. Rege und konzentriert las sie Passagen aus ihrem Buch »Ihr sollt die Wahrheit erben: Die Cellistin von Auschwitz – Erinnerungen« vor, angereichert mit Anmerkungen zu ihrer Biografie. 1925 in Breslau geboren und aus gutbürgerlichem Elternhaus, der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter Cellistin, schilderte sie zunächst anschaulich, wie sich nach der Machtergreifung der Nazis das Leben der Juden Stück für Stück zum Schlechteren wandelte. So durfte man plötzlich nicht mehr ins Schwimmbad gehen und auch kein Fahrrad mehr besitzen, und wer auswandern wollte, wurde kräftig zur Kasse gebeten (»Judenvermögensabgabe«).

Als die Verhältnisse nach der sogenannten »Reichskristallnacht« unerträglich wurden, so Anita Lasker-Wallfisch weiter, gelang es den Eltern, die älteste Schwester Marianne im Rahmen eines Kindertransports nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Die beiden jüngeren Schwestern Renate und Anita mussten jedoch in Breslau bleiben und kamen 1942, nach der Deportation (und späteren Ermordung) der Eltern, in ein Waisenhaus und mussten in einer Papierfabrik arbeiten.

Als sie von dort mit Hilfe eigenhändig gefälschter Papiere zu flüchten versuchten, wurden sie schon am Bahnhof verhaftet und 1943 wegen Urkundenfälschung und Fluchtversuchs zu Zuchthausstrafen verurteilt. Überführt nach Auschwitz, wo Anita Lasker-Wallfischs erster Eindruck war: »schwarze Gestalten, Hundegebell, fürchterlicher Gestank«, entging sie dem sofortigen Tod in der Gaskammer nur deswegen, »weil ich ein verurteilter Verbrecher war, den man noch für eine Zeugenaussage brauchen konnte, und kein unschuldiger Bürger«.

Nachdem bekannt geworden war, dass sie Cello spielen konnte, wurde sie dem Häftlingsorchester zugeteilt, das morgens und abends beim Aus- und Einrücken der auswärts arbeitenden Häftlinge aufspielen musste. Später wurde sie in das KZ Bergen-Belsen deportiert, wo sie zusammen mit ihrer Schwester Renate unter widrigsten Umständen bis zu ihrer Befreiung am 15. April 1945 überlebte. Ein Umstand, den sie später so formuliert hat: »Ich war 19 und fühlte mich wie 90«.

Verachtung und Abscheu dem Vater gegenüber

Anschließend las der Autor und ehemalige Journalist Niklas Frank, der als Kind überzeugt war, dass Polen seinem Vater gehört, einige Auszüge aus seinem Buch »Der Vater – Eine Abrechnung«, in denen er kräftig austeilte. Denn Niklas Frank empfindet für seinen Vater nur Verachtung und Abscheu, und nur wenige Söhne könnten einen besseren Grund haben als er. Sein Vater Hans Frank (1900 bis 1946), Generalgouverneur im besetzten Polen, repräsentiert den Typ des Nationalsozialisten, über den sich in Nürnberg die Psychologen den Kopf zerbrachen: Ein hochgebildeter Bürgersohn und erfolgreicher Rechtsanwalt auf der einen Seite, und ein eiskalter, gnadenloser Gewaltmensch auf der anderen Seite. Unter Hans Frank war Polen nicht viel mehr als eine deutsche Kolonie, und während die Bevölkerung hungerte und sich zu Tode schuftete, logierte Hans Frank als selbsternannter »König von Polen« im Krakauer Schloss.

Frank las mehrere Stellen aus seinem Buch vor, in dem er auf sehr drastische Weise und in harten Worten schilderte, dass der Tod des Vaters ihm ein verkorkstes Leben erspart habe. Während das teils heftig angefeindete Buch von Niklas Frank eine ganz gezielte Abrechnung mit seinem verhassten Vater darstellt, entstand Anita Lasker-Wallfischs Buch eher zufällig, wie sie beim anschließenden Gespräch mit dem tief beeindruckten Publikum erklärte. Denn ursprünglich waren ihre Aufzeichnungen nur für ihre Kinder bestimmt, bis sich ein Verleger fand, der das Ganze dann, gekürzt und umstrukturiert, als Buch auf den Markt brachte. Eine andere Frage betraf den Grund, weswegen sie trotz allem wieder nach Deutschland gekommen sei. Da erzählte Anita Lasker-Wallfisch dann, die im übrigen keineswegs verbittert wirkte und auch humorvoll war, dass sie einfach wissen wollte, was aus dem Lager Bergen-Belsen geworden sei. Und auf die Frage, welcher Nation sie sich heute zugehörig fühle, erwiderte sie knapp und bündig: »Da, wo ich wohne, bin ich zuhause«.

Niklas Frank hob in seinem Schlusswort hervor, dass ihn die langjährige Auseinandersetzung mit dem mörderischen Treiben seines Vaters vor allem eines gelehrt habe: Zivilcourage zeigen.

Musikalisch umrahmt wurde die so spannende wie berührende Lesung auf sehr ergreifende Art von Simon Wallfisch, der zunächst die Suite Nr. IV aus J. S. Bachs »Sarabande« spielte, gefolgt vom Kaddisch, von ihm selbst arrangiert für Cello und Gesang, und »Prayer« aus Ernest Blochs Zyklus »From Jewish Life«. Wolfgang Schweiger