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Historiendrama in moderner Inszenierung

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Die langjährigen Freudenmädchen nehmen Marie (Anja Klawun) unter ihre Fittiche, damit sie sich im Notfall wehren kann. (Foto: Heel)

Konstanz im Jahr 1414: Gegen ihren Willen soll die junge Marie (Anja Klawun), Tochter eines reichen Tuchhändlers, Magister Ruppertus Splendidus (Johannes Schön) heiraten, den unehelichen Sohn des Reichsgrafen von Keilburg.


Dabei ahnen weder sie noch ihr Vater, dass sie Opfer einer mörderischen Intrige sind, mit der Ruppertus das Vermögen von Maries Vater an sich reißen möchte. Denn plötzlich wird Marie der Hurerei bezichtigt, eingekerkert und vergewaltigt. Ihr Vater, der sie schützen will, wird ermordet, sie selbst am Schandpfahl fast totgeschlagen und dann aus der Stadt gejagt. Auf der Straße lernt sie die Freudenmädchen Hiltrud (Cécile Bagieu), Fita (Pia Kolb) und Berta (Eva Wittenzellner) kennen. Die drei nehmen Marie unter ihre Fittiche und bilden sie zur »Wanderhure« aus. Jahre des Herumtreibens folgen, bis Marie unversehens Gelegenheit erhält, ihre Übeltäter zur Rechenschaft zu ziehen.

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Basierend auf dem gleichnamigen Erfolgsroman von Iny Lorentz (= das Ehepaar Iny Klocke und Elmar Wolrath), überzeugte diese Produktion des Münchner Ensembles »Theaterlust« vor kleinem Publikum im Saal des Traunreuter k1 vor allem durch seine inszenatorische Umsetzung und die Leistungen der Schauspieler. Denn die Geschichte, die erzählt wurde, war wenig originell und verbrauchte sich in der zweiten Hälfte mit der Mär vom guten König, der Marie zu ihrem Recht verhilft und ihre Ehre wieder herstellt. Eine Sache, die Marie als unbeugsame »Heldin« eigentlich selbst hätte bewerkstelligen müssen, stattdessen kommt ihr ständig der Zufall zu Hilfe, und ein Bösewicht, der dumm genug ist, seine Missetaten fein säuberlich in sein Tagebuch einzutragen.

Wenn dennoch keine Langeweile aufkam, lag dies zunächst an der künstlerischen Leitung von Thomas Luft, der es schaffte, durch seine Inszenierung der Geschichte einen eigenwilligen, ganz besonderen »Look« zu geben. So agierten die Schauspieler inmitten großer Quader aus Metallstangen, die auf der Bühne verteilt waren und ständig neu arrangiert wurden, um zu Tischen und Bänken, zum Kerker für Marie, zum Scheiterhaufen für den »Ketzer« Jan Hus zu werden. Arrangements, an denen man sich berauschen konnte und die in Verbindung mit den Darstellern, welche ausnahmslos in ihren (Mehrfach)Rollen glänzten, die Schwächen der Geschichte elegant überdeckten.

Anja Klawun als verratene, geschändete Marie zeigte dabei viel nackte Haut, spielte aber so intensiv und berührend, dass sie auch diejenigen, die mit der (Roman)Geschichte nicht vertraut waren, sofort in ihren Bann zog und nicht mehr losließ. Mit ihrem ausdrucksstarken Spiel begeisterten auch die Hübschlerinnen Cécile Bagieu, Pia Kolb und Eva Wittenzellner, Stefan Rihl als Maries Vater/König Sigismund und Reinhold Behling als Graf von Keilburg/Inquisitor. Heimlicher Star des Abends war jedoch Johannes Schön als skupelloser Ruppertus mit Punker-Frisur, der jede Szene mit dämonischem Charisma und rastloser Energie an sich riss. Nur verständlich also, dass sich das Publikum mit langanhaltendem Applaus für diese so unkonventionelle, wie spannende Aufführung bedankte. Wolfgang Schweiger