Heimische Schmiedekunst in Tirol gefragt

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Die neue Tür (l.) ist optisch vom mehr als 500 Jahre alten Original nicht zu unterscheiden.

Berchtesgaden/Hall – Korbinian Hasenknopf und seine Mitarbeiter von der Grabenschmiede hatten von Mai bis Ende Oktober des vergangenen Jahres einen Außenarbeitsplatz im Tiroler Städtchen Hall.


Mit großem Aufwand wurde dort die Pfarrkirche renoviert und restauriert. Der Berchtesgadener Schlossermeister gewann die Ausschreibung für die umfangreichen Metallarbeiten. Diese beinhalteten im Wesentlichen die sensible Reinigung einer Gitterumrandung eines Nebenaltars sowie verschiedene Wandleuchter, Fensterläden, Sakristeiglocken und weitere diverse Gitter. Hauptstück der Arbeiten war der möglichst originalgetreue Nachbau einer Gittertür, die sich optisch an den vorhandenen zweiten Flügel anschließt.

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Möglich war die Erfüllung des Auftrages der Berchtesgadener Schlosser erst durch eine Kooperation mit der Rosenheimer Diplomrestauratorin Stephanie Edlmann. »Tiefes Fachwissen auf akademischer Stufe und handwerkliches Know-how in Kombination« nennt Korbinian Hasenknopf diese fruchtbare Zusammenarbeit.

Die sogenannte Waldlaufkapelle im Kircheninneren wurde 1501 eingeweiht. Ein wohlhabender örtlicher Stifter hatte das Bauwerk seinerzeit errichten und es durch ein etwa zwölf Meter langes und vier Meter hohes Gitter mit einer zweiflügeligen Falttüre im Fischblasenmuster einfassen lassen.

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Eine schöne Reise in die Vergangenheit (v.l.): Wolfgang Plenk, Korbinian Hasenknopf und Franz Grüsser bei der Arbeit vor Ort an der gotischen Gittertür. (Fotos: privat)

Das Reinigen der Metallteile war bereits eine komplizierte Angelegenheit, sollte doch der teilweise jahrhundertealte Schmutz entfernt, anderseits alle Teile im Originalzustand belassen und zudem für ein weiteres langes Leben konserviert werden. Oberste Priorität hatte demzufolge der Erhalt der Fassung. Was die Verwendung von starken Lösungsmitteln auf Chemiebasis ausschloss. »Eine Reinigung mit nichtionischem Tensid in sehr schwacher Konzentration erbrachte das gewünschte Ergebnis: Die Farbigkeit wurde wieder hergebracht«, betonte Korbinian Hasenknopf gegenüber einem Fachblatt.

Nach der vorsichtigen Trockenreinigung durch Absaugen und Ausblasen ging es an die Feuchtreinigung mit dem erwähnten Tensid in Kombination mit Schwämmen und weichen Pinseln. Bei der Nachreinigung mit Wasser und Schwamm mussten die Berchtesgadener Fachleute vor allem darauf achten, keine Feuchtigkeitsrückstände zu hinterlassen, um spätere Korrosion zu vermeiden. Abschließend wurden die Metallteile mit Bleiseife konserviert.

Der komplizierteste Teil der Arbeit war aber die Rekonstruktion eines Flügels der Falttür, der im frühen 20. Jahrhundert durch eine im neoklassizistischem Stil gefertigte Konstruktion ersetzt wurde und nun durch eine möglichst dem Original nahekommende Rekonstruktion ersetzt werden sollte. Schon die Gestaltung des komplizierten Fischblasenmusters forderte die Kunstschlosser in hohem Maße. »Gegeneinander liegende Fische, gotischer Vierpass, große und kleine Blasen, diagonal verlaufende Wellen«, fasste Korbinian Hasenknopf die Gestaltungsaufgabe zusammen.

Das eigentliche Kernproblem war das Material. Das von den Kollegen vor mehr als einem halben Jahrtausend verwendete Eisen, das sich die Metaller mit Schmiedetechnik erst selbst in die gewünschte Form brachten mussten, ist nicht mehr verfügbar. Und so genügte ein exakt nachgebauter Türflügel aus heute üblichem gewalztem Stahl auch nicht den Ansprüchen der Tiroler Denkmalpfleger. Die Lösung war, den heutigen Stahl nachzubearbeiten, wenn man so will: Rückschritt als Fortschritt. Die glatt gewalzten Bänder wurden »uneben und unregelmäßig« geschmiedet, Fehlschläge bewusst eingearbeitet. Das Ergebnis ist eine Falttür, die, montiert an die alte »Schwester« und mit Bleiseife konserviert, kaum von dieser zu unterscheiden ist. Dieter Meister

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