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Vor dem Amtsgericht in Laufen ging es um Urkundenfälschung. Da ein Nachweis nicht erbracht werden konnte, wurde die Angeklagte freigesprochen. (Foto: Schuhegger)

Hat Witwe Unterschrift ihres verstorbenen Mannes gefälscht?

Freilassing – Eigentlich sollte sich die 73-Jährige nicht äußern, allein ihr Verteidiger wollte sprechen. Es dauerte jedoch nicht lange, ehe die Witwe am Amtsgericht Laufen doch loslegte und ausführlich von ihren vielfältigen Problemen als Grund- und Immobilien-Mitbesitzerin in Freilassing berichtete. Inklusive hohem persönlichem Finanzeinsatz. Hat die Rentnerin vielleicht deshalb die Unterschrift ihres inzwischen verstorbenen Mannes gefälscht, um sich zumindest die von ihr ausgelegten 40.000 Euro zu sichern? Ein Nachweis der angeklagten Urkundenfälschung gelang trotz eines belastenden Schriftgutachtens nicht. Daher Freispruch.


Die Angeklagte sprach von einer Odyssee, bei der die Stadt Freilassing nicht gut wegkam. Die soll eine wesentliche Grundabtretung verlangt haben und eine neue, fast fertige Straße, wieder aufreißen lassen, weil eine Gasleitung vergessen worden sei. Sie habe sich gegen Forderungen wehren wollen, ihr Mann als Beamter hingegen nicht. Mit ihm will sie vereinbart haben, 40 000 Euro aus ihrer Kasse für einen Abriss zur Verfügung zu stellen, das Geld aber sollte sie irgendwann wieder zurück bekommen. Dieser Betrag würde daher bei einem Erbfall keine Rolle mehr spielen. Doch das Original dieser Vereinbarung ist nicht mehr auffindbar. Es gibt lediglich eine Kopie. Und Zweifel an der Echtheit einer Unterschrift.

Überprüfen sollte die Unterschrift Diplom-Psychologe Holger Sonntag vom Landeskriminalamt München. Der Fachmann für forensische Schriftvergleiche hatte dazu sieben Unterschriften des verstorbenen Ehemannes aus dem Jahr 2016 und Kalendereinträge von 2018, jedoch nichts aus dem Jahr 2017, in dem diese Vereinbarung getroffen worden sein soll. »Jeder Laie sieht auf den ersten Blick, dass die Schrift abweicht«, so Holger Sonntag, der zahlreiche Merkmale dafür beschrieb. Diese »vielen Faktoren« ließen den Sachverständigen zum Schluss kommen, dass die Unterschrift zu 95 Prozent nicht vom Ehemann der Angeklagten stammt.

Und wie steht es mit der Schrift der Witwe? »Schlusszug und T-Querstich ähneln sich, ebenso das Häkchen beim a«, erklärte der Fachmann. »Aber es gibt auch Unterschiede wie das gekröpfte e und die ansteigende Firsttangente.« Ein maßgeblicher Hinweis für eine Unterschrift durch die Angeklagte sei das nicht. Zweifel an der Unterschrift hatte zunächst eine 37-jährige Tochter des Verstorbenen: »So hat mein Vater nie unterschrieben«, versicherte die Zeugin, die nach eigener Aussage zunächst sogar auf ihr Erbe habe verzichten wollen. »Es war aber nicht möglich, mit der Frau meines Vaters zu reden«, bedauerte die Ainringerin, die ihren Vater als »Beamten durch und durch« beschrieb, der eine solche Vereinbarung sicher deutlicher formuliert und per Notar hätte fixieren lassen.

Die Rechtmäßigkeit der 40 000-Euro-Forderung stellte die Zeugin jedoch nicht in Abrede. »Warum dann die ganze Aufregung, wenn klar ist, dass der Angeklagten das Geld zusteht?«, wunderte sich Richter Josef Haiker.

Rechtsanwalt Professor Dr. Florian Eder versuchte mögliche Gründe für die Abweichung in der Schrift herausarbeiten: Krankheit, Medikamente, und nicht zuletzt die Unterschrift auf einem Bügelbrett. Dorthin will seine Mandantin die Vereinbarung mit der Bitte um eine Unterschrift abgelegt haben.

Die Angeklagte sah diese Vereinbarung »eher als gedankliche Stütze für uns beide«. Wohin ihr Mann das Originalblatt damals abgelegt hatte, will sie nicht überprüft haben. »Ich bin doch nicht die Gouvernante.« Der Sachverständige erkannte in der umstrittenen Unterschrift keine Hinweise auf ein Zittern, »nur eine Strichunsauberkeit«. Auch die ungewöhnliche Schreibunterlage und eine »Kopierungenauigkeit« änderten nichts an seinem 95-Prozent-Urteil, einer Wahrscheinlichkeit, die mit dem Vorliegen des Originals nur noch höher werden würde.

Staatsanwältin Pia Wilczek sah die angeklagte Urkundenfälschung bestätigt, wollte die Witwe doch damit sicher einen Teil des Geldes, das sie »für die Belange ihres Mannes« ausgegeben habe, zurückerhalten.

Wilczek beantragte eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, die bei der völlig unbescholtenen Frau zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Sie sollte lediglich 1000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen.

Erst unmittelbar vor dem Plädoyer der Staatsanwältin hatte Professor Dr. Florian Eder eine notariell beglaubigte gegenseitige Vollmacht des Ehepaares aus dem Jahr 2013 vorgelegt, die eine unbeschränkte Vertretung in allen Belangen einräumt. »Es hätte diese Unterschrift also gar nicht gebraucht«, machte der Anwalt deutlich, »die Vereinbarung galt in vollem Umfang. Und sie erlischt nicht mit dem Tod«. Nicht zuletzt bleibe eine »Restwahrscheinlichkeit«, weil sich Schriftarten verändern könnten.

Sollte seine Mandantin tatsächlich die Absicht zu einer Fälschung gehabt haben, so hätte sie »doch alle Zeit der Welt« gehabt, sie wirklich nachzuahmen. »Es bleiben Zweifel«, schloss der Verteidiger und beantragte Freispruch. Eine Frage stellte sich auch Josef Haiker: »Wieso eine so dilettantische Fälschung ohne Grund?« Denn an der Rechtmäßigkeit der Forderung bestehe kein Zweifel. Andererseits gebe es diese 95-Prozent-Wahrscheinlichkeit und die Frage: »Wer soll es sonst gewesen sein?« Doch der Strafrichter vermisste ein Motiv und schloss sich den Zweifeln der Verteidigung an: »Freispruch. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.«

Die Witwe schilderte, dass man sich über eine »Pflichtteilabwicklung« bereits geeinigt und sie mehr als 100.000 Euro ausbezahlt habe. Erst dann habe sie diese Anzeige erreicht. »Es geht um Erbanfechtung«, vermutet Dr. Florian Eder das Ziel: »Sie wollen alles.« Das Zivilverfahren geht weiter.

Hannes Höfer