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Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa-Archiv

»Habt ihr den Papa umgebracht?«: Enkel des Opfers belastet Mutter und Schwester im Giftmord-Prozess

Mucksmäuschenstill war es am Freitag im Gerichtssaal, als der 33-jährige Enkel des verstorbenen Rentners (75) aus Töging die wesentlichen Punkte der Anklage im sogenannten »Giftmord-Prozess« vor dem Schwurgericht Traunstein gegen seine 55-jährige Mutter und seine 30 Jahre alte Schwester bestätigte. Augenzeugen der Tat gab es nicht. Die Frauen hatten aber ihre jeweiligen Beiträge im Familienkreis, auch in Gegenwart des Enkels, eingestanden.


Der Lehrer, der bei den Großeltern aufwuchs, zeichnete von dem verstorbenen Rentner ein positives Bild. Bei dem 75-Jährigen und dessen später an Krebs verstorbener Frau habe er »eine wunderschöne Kindheit in einem wohlbehüteten Großelternhaus« gehabt. Der Opa habe ihm das Pädagogikstudium ermöglicht. Seine Schwester, die 30-jährige Angeklagte, hingegen habe viel einstecken müssen, sei geschlagen worden von der Oma – warum, wisse er nicht, so der 33-Jährige. Seine Mutter (55) sei in der Alltagsroutine nicht vorhanden gewesen.

Der Zeuge schilderte, kurz nach dem Tod der Großmutter habe ihn der Opa über sein geändertes Testament, in dem er ihm sein Haus übertrug, informiert. »Er wollte nicht, dass meine Mutter das Haus bekommt.« Der Großvater habe über seine Tochter nur zwei gute Dinge angeführt: dass sie zwei gesunde Kinder auf die Welt gebracht und sich um die kranke Oma gekümmert habe. Bei anderer Gelegenheit habe er zu der 55-Jährigen gesagt: »Du bist nicht mehr wert als der Dreck unter den Fingernägeln.«

2014 sei seine Schwester in das erste Stockwerk des Hauses eingezogen – »weil der schon gebrechliche Opa Zuwendung und Haushaltsführung brauchte«. Dann sei der Großvater zum Pflegefall geworden, die 30-Jährige mit eigener Familie sei überfordert gewesen. In ein Altenheim in München habe der 75-Jährige nicht ziehen, »sondern daheim sterben wollen«, betonte der 33-Jährige. Trotz Haushaltshilfe sei alles immer schwieriger geworden.

»Hatten Sie den Eindruck, dass der Großvater lebensmüde war?«, fragte Vorsitzender Richter Volker Ziegler. In seiner Gegenwart habe er nie etwas in dieser Richtung geäußert, erwiderte der Enkel. Einen Tag vor seinem Tod habe der 75-Jährige noch bei einer Nachbarin Kaffee getrunken, geraucht und gelacht. Am 5. August 2021 habe ihm die Mutter am Telefon mitgeteilt: »Der Opa ist heute Nacht gestorben.« Mit der Tante kümmerte sich der 33-Jährige um die Beerdigung auf dem Friedhof Töging eine Woche später. Im September 2021 sei die Familie zusammengetroffen, fuhr der Zeuge fort. Der Ehemann seiner Schwester habe von ihr gefordert: »Sag’s doch.« Die beiden Angeklagten hätten sich »einen schuldigen Blick« zugeworfen. Da habe er gedacht: »Das darf doch nicht sein.« Die Mutter sei auf ihren Schwiegersohn losgegangen. Jemand habe gesagt: »Dann lassen wir ihn halt ausgraben. Ihr werdet es schon sehen.« Die 52-jährige Tante habe wissen wollen: »Habt ihr wirklich den Papa umgebracht?« Zur Antwort habe sie bekommen: »Was soll ich jetzt noch sagen – wo doch eh schon alles klar ist?«

Etwas später erkundigte sich der 33-Jährige bei seiner Mutter nach dem Motiv. Sie reagierte: »Weil er Deiner Schwester das Leben zur Hölle gemacht hat.« Unmittelbar darauf habe sie das Gegenteil beteuert: »Ich bring doch meinen Papa nicht um.« Der Zeuge schilderte, er sei hin und her gerissen gewesen, habe gedacht: »Das kann ich doch nicht für mich behalten.« Letztlich nahm ihm die 52-jährige Tante die Entscheidung ab und erstattete Anzeige. Der 33-Jährige merkte ausdrücklich an: »Ich möchte meiner Mutter nichts Böses. Ich möchte nicht, dass sie als Mörderin ins Gefängnis geht – wenn sie es nicht war.«

Die Verhandlung wird am 4. Oktober fortgesetzt.

kd