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»Gute Unternehmer können gute Politiker sein«

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Bartl Wimmer mit Blick auf den Doktorberg, seiner Heimat von Geburt an. Wimmer kandidiert erstmals für die Grünen für den Bayerischen Landtag. Foto: Anzeiger/Hudelist

Berchtesgaden – Bartl Wimmer führt ein erfolgreiches Laborunternehmen mit weltweit 7 000 Mitarbeitern. »Dass man ein Land nicht wie ein Unternehmen führen kann, ist mir bewusst, da kann ich umschalten.« Als Gründungsmitglied der Grünen und als Sprecher einer Bürgerinitiative hat er gelernt, wie man Ziele durchsetzen kann. Dass der bodenständige Berchtesgadener in den Bayerischen Landtag einzieht, ist wegen eines schlechten Listenplatzes zwar eher unwahrscheinlich, »aber bei einem sehr guten Ergebnis für die Grünen gehe ich in den Landtag, ich will der Gesellschaft was zurückgeben.«


Bartl Wimmer wird am 9. September 1960 in Berchtesgaden geboren. Sein Vater ist Tiefbauingenieur im Stadtbauamt Bad Reichenhall und plant dort unter anderem die Fußgängerzone, seine Mutter ist Verkäuferin. Die Familie wohnt mit den Großeltern und dem Onkel in einem Haus am Doktorberg. »Und Zimmer vermietet haben wir auch noch, wie es halt üblich war in Berchtesgaden.« Einen Kindergarten braucht der kleine Bartl nicht, seine Mutter ist zu Hause: »Außerdem waren wir 30 bis 40 Kinder in der Straße und waren entweder beim Skifahren oder beim Aschauerweiher.«

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Mit sechs Jahren kommt Wimmer in die Bacheifeld-Grundschule. »Wir waren 40 Kinder in der Klasse, nur katholische, denn für die evangelischen hat's noch eine eigene Schule gegeben.« Ab der 3. Klasse ist er Klassensprecher und »Lautsprecher des Rektors«, das heißt: »Ich bin mit Mitteilungen des Rektors von Klasse zu Klasse gelaufen.« Nach vier Jahren wechselt Wimmer auf das Gymnasium, damals noch keine Selbstverständlichkeit. »Das hat sicher mit meinen Eltern zu tun. Mein Vater hat sich mit nur acht Jahren Volksschule seine Tiefbauausbildung erkämpft und meine Mutter musste mit einem Notendurchschnitt von 1,0 das Gymnasium verlassen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht mehr zahlen konnten.«

Einen schulischen Einbruch erlebt der Gymnasiast Wimmer in der 9. Klasse. »Ich bin um eine Notenstufe abgesackt, Berggehen und Fortgehen am Abend waren halt plötzlich viel wichtiger als das Lernen«, erinnert sich der heute 53-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Die Eltern warnen, wenn er durchfallen würde, müsse er halt eine Lehre beginnen. Doch der Sohn fängt sich wieder: »Ich hab' dann eine Balance gefunden zwischen Flüggewerden und der Schule.«

Begeisterung für das Bergsteigen

Die Begeisterung fürs Bergsteigen bekommt der Grünen-Politiker schon in die Wiege gelegt: »Mein Vater hat mich schon früh zum Kraxeln mitgenommen«. Mit 13 Jahren wird Wimmer Mitglied im Alpenverein. Mit der Alpenvereinsjugend lernt er fortan auch Berge im Ausland kennen, Italien, Österreich, Rumänien und Polen sind zum Beispiel Ziele der Camps zu Ostern, zu Pfingsten und in den Sommerferien. »Finanziert hab ich mir diese Reisen immer durch Schafkopfen, das hat mir zum Glück mein Opa beigebracht.«

Bei der zweiten Polen-Reise lernt Wimmer auch Solidarnosc-Gewerkschafter und DDR-Jugendliche kennen. »Ich war erschüttert, wie eingeschüchtert die gleichaltrigen Jugendlichen waren. Aus Angst vor Repressalien trauten sie sich nicht, mit uns gemeinsam eine Klettertour zu machen.« Wimmer bleibt mit Schülern aus Polen und der DDR schriftlich in Kontakt, was ihm bei einem geplanten Ost-Berlin Besuch nach dem Abi prompt Ärger einbringt. »Die Stasi hatte die Briefe wohl abgefangen und so durfte ich beim geplanten Ost-Berlin-Besuch der Klasse als Einziger nicht in die DDR einreisen.«

Medizinstudium wegen Zivistelle

Nach dem Abitur 1979 erfüllt sich Wimmer den ersten Kindheitstraum. Mit zwei Freunden reist er drei Monate kreuz und quer durch Südamerika. »Das Geld dafür hab ich mir in den Ferien beim Arbeiten auf dem Bau verdient.« Nach seiner Rückkehr ruft der Bund. Doch Wimmer will eine Waffe nicht anfassen. »Da haben mir meine Großeltern und mein Onkel zu viel über den Krieg erzählt.« Der jetzige Grünen-Politiker bekommt eine Zivistelle beim Roten Kreuz in Berchtesgaden und, wie so oft, werden dabei Medizinerkarrieren geboren. »Ich hab' die Arbeit insgesamt sehr interessant gefunden und mir dann überlegt, dass ein Medizinstudium viele Möglichkeiten eröffnet.«

So beginnt Wimmer 1981 sein Studium in Regensburg, eine sehr attraktive Studentenstadt, und setzt es an der TU München fort. Es folgen Praktika in der Kinderkrebsstation Schwabing, der Chirurgie in Garmisch-Partenkirchen und der Inneren Medizin in Bogenhausen. Als Pfleger in diversen Krankenhäusern finanziert er sich sein Studium.

1987 schließt Wimmer sein Studium ab. Es folgt wieder eine Auszeit zum Bergsteigen, wieder Südamerika. Dieses Mal allerdings sechs Monate und dieses Mal mit seiner Freundin und späteren Ehefrau Sabine, die er bereits 1980 kennengelernt hat. Wo? Beim Bergsteigen natürlich, auf einer Berghütte. »Wir haben dann gesagt, wenn wir es ein halbes Jahr miteinander aushalten können, dann auch ein ganzes Leben.«

Zurück aus Südamerika freut sich Wimmer auf eine Stelle im Krankenhaus Berchtesgaden. Denn er will praktischer Arzt werden und braucht dafür damals drei Praxisjahre im Krankenhaus. Doch die versprochene Stelle ist weg, die Krankenhausleitung will von der Zusage nichts mehr wissen. »Meine politische Arbeit und mein Engagement gegen die Olympiabewerbung 1982 haben das wohl verhindert, wie ich im Nachhinein erfahren habe.«

Ein Mitbegründer der Grünen im Landkreis, Laborarzt Rudolf Ende, hilft ihm. »So habe ich eine Weiterbildung zum Laborfacharzt gemacht.« Dann lernt er einen Laborfacharzt aus Augsburg kennen: »Der hatte einen Narren an mir gefressen und lockte mich mit doppeltem Gehalt bei einer Vier-Tage-Woche.« Gemeinsam mit seiner Frau entscheidet er 1990, das Angebot anzunehmen, obwohl im selben Jahr mit Madeleine seine erste Tochter zur Welt kommt. »Wir waren eine junge Familie und brauchten das Geld, und nach zwei Jahren wollte ich wieder zurück nach Berchtesgaden.«

Doch es kommt wieder einmal anders als geplant, der Besitzer des Augsburger Labors hat einen Schlaganfall. »Über Nacht musste ich entscheiden, ob ich in das Unternehmen einsteige und 40 Arbeitsplätze sichere oder zurückgehe.« Wimmer entscheidet sich für die Selbstständigkeit und baut in den Folgejahren ein Kooperationsmodell mit anderen Laboren auf. Mittlerweile beschäftigt sein Unternehmen »Synlab« mit Sitz in Augsburg 7 000 Mitarbeiter an 200 Standorten in 22 Ländern.

Zu Beginn der 1980er-Jahre tritt Wimmer gegen die Olympiabewerbung Berchtesgadens auf und wird Sprecher einer Bürgerinitiative. 1984 wird Wimmer in den Gemeinderat von Bischofswiesen gewählt. »Das Haus von meiner Frau und mir war das Einzige am Doktorberg, das zu Bischofswiesen gehörte.« Die ersten Jahre als einziger Grünen-Gemeinderat sind hart: »Man ist schnell als Kommunist bezeichnet worden.« Eine Mure am Götschen und die Medienpräsenz Wimmers führen fast zu einer körperlichen Bedrohung des jungen Gemeinderates und bringen ihm die Titel »Landesverräter« und »Nestbeschmutzer« ein. Seit 1990 ist der 53-Jährige für die Grünen im Kreistag, im selben Jahr zieht Wimmer am Doktorberg zwei Häuser weiter, ist damit wieder in Berchtesgaden und seit 1996 Gemeinderat in der Marktgemeinde.

Vierfacher Vater will nach München

Seine Kinder Madeleine, Miriam, Katharina und Florian sind wie die Eltern stolze Berchtesgadener, auch wenn sie zum Teil in die Waldorf-Schule in Salzburg gehen. »Die Kinder kennen Salzburg besser als ich, aber das schadet nicht.« Die Familie würde sich über den Einzug in den Bayerischen Landtag freuen. »Sie glauben, ich bin dann öfter zu Hause als jetzt«, lacht Wimmer. Politisch will er das Erbe Sepp Daxenbergers antreten, »ich war dem Sepp sehr verbunden und es ist eine Verpflichtung für mich, seinen Weg fortzusetzen.« Michael Hudelist

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