weather-image
18°

Gute Mädchen kommen auch überall hin

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Nur eine kann gewinnen: In diesem Fall war es die ganz in Rot gekleidete junge Ukrainerin Olena Tokar. (Foto: Barbara Heigl)

Eigentlich war der Artikel im Kopf schon fast fertig geschrieben – sogar der Titel stand schon –, aber dann kam alles ganz anders. Beim 61. Internationalen Musikwettbewerb der ARD in der Sparte Gesang gewann im Finale nicht die vom Publikum eindeutig favorisierte Sopranistin Sophia Christine Brommer aus Deutschland, sondern eine aparte, erst 25 Jahre alte Ukrainerin. Dass das Finale so entschieden wurde, war der Jury – das merkte man ihr an – offensichtlich nicht ganz leicht gefallen. Denn das ernste Für-und-Wider-Abwägen dauerte etwas über eineinhalb Stunden, und die Juroren, unter ihnen Brigitte Fassbaender, Juliane Banse und Christoph Prégardien, wirkten bei der Preisverkündung doch etwas unzufrieden und sehr angespannt. Steht den Gewinnern dieses ersten Preises doch oft eine große Karriere ins Haus.


Dass sich die Jury für die blutjunge Olena Tokar und nicht für die knapp 30-jährige Sophia Christine Brommer entschieden hat, mag mehrere Ursachen gehabt haben. Gesungen haben beide auf hohem Niveau. So wie die anderen Teilnehmer des Wettbewerbs ja auch, bei dem besonders die vielen koreanischen Sänger und Sängerinnen mit stupender Technik überzeugten. Doch dann scheidet sich in mehreren Runden die Spreu vom Weizen, und nur wenige bleiben übrig. Die Finalisten haben also schon mehrmals aufhorchen lassen.

Anzeige

Ausdruck, Musikalität, Präsenz, Darstellung und eine gesunde, schöne Stimme – diese Faktoren zählen. Und sicher gibt es bei den oft ja schon in Engagements stehenden jungen Sängern noch Schwachpunkte, die erst einmal erkannt werden müssen. Auch wenn vieles in den Ohren des Publikums schon so perfekt klingen mag.

Der Publikumsmagnet war die Sopranistin Brommer, welche die Zuhörer mit der Arie »Tu che die gel sei cinta« von Puccini so rührte, dass sich manch einer verstohlen eine Träne wegwischte. Ihr komödiantisches Talent bewies sie bei Bernsteins »Glitter and be gay«, das sie aber eine Spur zu übertrieben gestaltete. Das hat sie sicher Punkte gekostet, aber das Publikum mochte es und hat sich köstlich amüsiert. Die Stimme: fantastisch, groß, dramatisch und volltönend. Ihre Darstellung als Biest, Femme fatale, Liebende war so emotional, dass die Luft zu beben schien. Der Titel des Artikels, wenn sie denn gewonnen hätte, hätte in etwa gelautet: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin. Während nämlich die meisten Teilnehmer, männlich wie weiblich, nicht das Wagnis eingingen, auch mal heiße Kohlen ins Publikum zu schleudern, sondern vielmehr auf den absoluten Schöngesang setzten, sang die Deutsche jede Arie, als ginge es um ihr Leben. Eine Tragödin bei der Arie »Regnava nel silenzio« aus Donizettis »Lucia die Lammermoor«, eine verführerische Carmen aus Bizets gleichnamiger Oper.

Schon ihr Kleid, das feuerrot war setzte im Nachhinein gesehen ein Signal. »Hier komme ich, und bin nicht zu übersehen und -hören. Übersehen könnte man die noch in Leipzig bei Regina Werner-Dietrich studierende Olena Tokar fast tatsächlich, denn die Sängerin ist so klein und zierlich, dass sie fast einem Kinde gleicht. Zu überhören war sie nicht. Mit einer tiefen, entspannten Gelassenheit, die aus einer perfekten Körperhaltung zu resultieren scheint, sang sie mit ihrem klaren, hellen Sopran mühelos, glockenrein und mit warmem Timbre die Arie der Rusalka »An den Mond« in selten gehörter Schönheit und in tschechischer Originalsprache. Mit »O Dieu! Que de bijoux – Ah, je ris de me voir« aus Gounods »Faust« und mit der Arie »Temperari! – Come scoglio immoto resta« aus »Cos fan tutte« forderte auch sie das Publikum zu stürmischem Applaus heraus, der aber nicht halb so stark war wie der für ihre deutsche Rivalin.

Den zweiten Platz teilten sich die Koreanerinnen Sumi Hwang und Anna Sohn. Beides erstklassige Sängerinnen, die höchst virtuos Arien aus Händels Messiah »Rejoice greatly, o daughter of Zion!« und das wunderbare »Piangerò la sorte mia« aus Händels »Cäsar« sangen, die bei ihrem Auftritt aber auch immer ein wenig antiseptisch wirkten. Auch ihre männlichen Kollegen und Landsmänner mussten sich den zweiten Preis teilen. Einen ersten hat die Jury nicht vergeben. Hansung Yoo, Tenor, und Kyubon Lee, Bariton, sind sicher hervorragende Sänger – die Technik der koreanischen Sänger ist unglaublich perfektioniert –, aber der Funke entzündete sich nicht zu einem Feuer. Auch kann man sie sich kaum in eine europäische Opernaufführung hineindenken, da sie nicht besonders groß sind, und ihre Physiognomie sich sehr von der Europäischen unterscheidet.

Einzig und allein leer ausgegangen war der tiefschwarze, athletisch wirkende Bassbariton mit den langen Rastalocken Dashon Burton aus den USA. Er erlag der Versuchung, mit seinem Stimmvolumen, das Publikum beeindrucken zu wollen, wo er doch viel aufregender klang, als er im zweiten Durchgang mit ganz feinem Stimmglanz Schuberts »Gruppe aus dem Tartarus« sang. Dieser Möglichkeit, auch mal auf Pianostellen zu setzen, hätte er auch in den Arien mehr vertrauen sollen, da hier erst die wahre Schönheit seiner Stimme zu erkennen war.

Richtig großen Schlussapplaus gab es für das formidabel spielende Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das gemeinsam mit seinem Dirigenten Graeme Jenkins eine große Bandbreite an Musikstücken zu bewältigen hatte

Etwa die Hälfte des Publikums war schon gegangen, als die Jury die Platzierungen verkündete, die sicher manchen enttäuscht hatten. Aber eine Genugtuung gab es trotzdem noch. Das Publikum hatte den Publikumspreis, wie vorauszusehen war, natürlich der so heftig gefeierten Sopranistin aus Deutschland zugesprochen. Einer kleinen Umfrage nach ohne jegliche patriotische Gefühle, sondern einfach als Anerkennung für die herausragende Darstellung.

Zum Schluss noch ein bisschen Presserummel, Hände drücken, ein Gruppenfoto mit allen Beteiligten und eine noch etwas ungläubig dreinschauende, ein wenig fassungslose Siegerin, die ihre Konkurrentinnen ein bisschen scheu, aber kollegial tröstete und in dieser für sie neuen Situation noch etwas ratlos wirkte. Wie die Zukunft der jungen Frau aussehen wird, welche die Jury in ihr gesehen hat, wird sich zeigen. Viele sind aus diesem Wettbewerb heraus, in eine erfolgreiche Weltkarriere gestartet, man denke nur an Thomas Quasthoff. Barbara Heigl