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Grüne auf Spurensuche bei der BGLT

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Bischofswiesen: Grüne auf Spurensuche bei der BGLT
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Die Organisationsform der BGLT als GmbH sieht Dr. Bartl Wimmer problematisch. (Foto: Gerd Spranger)

Bischofswiesen – Auf Spurensuche bei der Berchtesgadener Land Tourismus Gesellschaft (BGLT) begab sich der Grünen-Ortsverband Berchtesgadener Tal. Nach dem Ausscheiden von Peter Nagel als Geschäftsführer der Gesellschaft wollte man wissen, ob es eine »Erfolgsstory oder Chaos ohne Ende« sei. 60 Besucher verfolgten in der Stanggaßer Gaststätte »Schönfeldspitze« mit Spannung die Ausführungen des Unternehmers, Kreisrats und Grünen-Landratskandidaten Dr. Bartl Wimmer.


Der formulierte es diplomatischer. Man habe den Prozess der Markenbildung in weiten Teilen nicht verstanden, führte er aus. Die BGLT sei mit den nördlichen Gemeinden viel zu groß, darüber hinaus würden viel zu viele Menschen mitreden und die Politik habe die Weichen nicht richtig gestellt, fasste der seit 35 Jahren aktive Kommunalpolitiker zusammen.

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Zunächst aber legte er Wert darauf, dass nicht der Tourismus für den Landkreis die größte Bedeutung habe, sondern das Handwerk, der Mittelstand und die Dienstleistung. Dr. Bartl Wimmer erinnerte an die Anfänge des Markenbildungsprozesses im Jahr 2014: »Damals wurde klar analysiert, dass es die Marke Berchtesgadener Land nicht gibt. Berchtesgaden war als Begriff bekannt, auch Bad Reichenhall, nicht aber der Landkreis. Eingefordert wurde vor fünf Jahren ebenso, dass man Wirtschaft und Tourismus zusammen denken und gestalten müsse.«

Ein Anfang, der viel Hoffnung machte, zu jahrelangen und mühsamen Verhandlungen führte, im Ergebnis aber nicht zu einem geschlossenem Markenverbund. »Bad Reichenhall bestand auf seiner eigenen Marke und der Verein Erlebnisregion BGL mit den nördlichen Landkreis-Gemeinden musste ebenfalls mit eingebunden werden«, analysierte Dr. Wimmer im Rückblick.

Als nicht glücklich bezeichnete er die Entscheidung im Landkreis, einen eigenen Wirtschaftsservice zu etablieren, der wiederum viel an öffentlichen Geldern binde und parallel zur Tourismusorganisation stehe. »Das geforderte Miteinander von Wirtschaft und Tourismus wurde damit nicht erreicht und im speziellen Bemühen von Peter Nagel, nämlich die Wirtschaft in den Markenprozess mit einzubinden, war es nicht förderlich.«

Klare Grenzen und Zielvorgaben gefordert

Und damit sprach der grüne Landratskandidat einen weiteren sensiblen Bereich an, nämlich das Setting von klaren Kompetenzen und Zuständigkeiten. Er bezeichnete vor allem die Gesellschaftsform einer GmbH als problematisch. »Im öffentlichen Umfeld haben wir in den letzten zehn Jahren das Scheitern vieler GmbHs erlebt, vom Tourismusverband München-Oberbayern bis hin zum Techno-Z in Freilassing. Eine GmbH ist problematisch und der Geschäftsführer agiert weitgehend selbstständig.« Wimmer führte aus, dass in der GmbH nicht ein einzelner Gesellschafter weisungsbefugt sei, sondern nur die Gesellschafterversammlung insgesamt, wenn sie einen Beschluss fasst. Bei einer AG etwa sei dies anders geregelt, der Vorstand entscheide hier.

Deutliche Kritik übte Dr. Bartl Wimmer am Vorgehen der politischen Mandatsträger. »Ich kann nicht einfach zwei bis vier Millionen an öffentlichen Geldern in eine Gesellschaft geben, ohne dabei klare Ziele und Kompetenzen zu regeln und so einen weiteren Geschäftsführer opfern. Es muss klare Grenzen und Zielvorgaben geben und darüber auch entsprechende Vereinbarungen. Konflikte der Gesellschafter untereinander zu lösen, zählt nicht zum Aufgabenbereich eines Geschäftsführers.«

Noch einen Schritt weiter ging Wimmer mit seiner Forderung, dass nicht jeder Bürgermeister oder Gemeinderat über alles zu entscheiden habe. »Auch innerhalb der BGLT muss es klare Kompetenzen und Ziele geben. Soll sie etwa mehr im Sinne eines Marken-Managements agieren oder soll sie vermehrt ein Dienstleister für die Hoteliers, Vermieter und Gäste sein? Da herrscht Klärungs- und Kommunikationsbedarf. Es muss kein neues 50-seitiges Positionspapier erarbeitet werden, aber zwei bis drei Seiten wären schon hilfreich.« Im Beirat der BGLT fehle darüber hinaus die Präsenz der touristischen Vereine und der Hotellerie.

»BGLT wendet zu viel Energie nach innen auf«

Die mangelnde Beteiligung der Branche verdeutlichte ungewollt gleich einer der größten und erfolgreichsten Hoteliers im Landkreis: Peter Hettegger. Dem war es bislang völlig entgangen, dass an der Spitze der BGLT bis vor wenigen Wochen zwei Geschäftsführer standen und ein Arbeitsschwerpunkt Dr. Brigitte Schlögls im Stadtmarketing für Bad Reichenhall liegt. Für den Hotelier Peter Hettegger aber besitzt allein schon die Marke Berchtesgaden mit dem Watzmann, selbst auf internationaler Ebene, genügend touristisches Kapital. »Eine Marke zu bedienen, heißt Sehnsüchte zu wecken, und das schafft Berchtesgaden«, ist der Unternehmer überzeugt. Darum zähle es zu den wesentlichen Aufgaben eines Geschäftsführers, diese Visionen glaubhaft zu vermitteln. Sein persönlicher Eindruck aber ist, dass »die BGLT viel zu viel Energie nach innen aufwendet, als die Marke nach außen zu tragen, was ja eigentlich ihre Aufgabe ist.«

Geschäftsmann und Hotelier Wilhelm Gschoßmann aus der Ramsau appellierte, das touristische Geschäft mehr unter dem Aspekt der Wertschöpfung zu gestalten. Auch dürfe es keine Tabus geben, über einen jährlichen Zuschuss in Millionenhöhe für die Watzmann Therme sei ebenfalls zu reden. Dr. Bartl Wimmer nahm das zum Anlass, auf die Kehlstein-Stiftung zu verweisen, die den Tourismusverband Berchtesgaden-Königssee jährlich mit hohen Beträgen fördert. »Was ist, wenn diese Quelle versiegt, wenn die Stiftung ihre Gelder etwa in eine Generalsanierung der Straße investieren muss?«, fragte er in die Runde.

Ein anderer Touristiker stellte die Präsenz von Kleinvermietern in Frage. »Passen sie heute überhaupt noch in den Verbund, wenn wir von Qualitäts-Tourismus sprechen, oder brauchen wir Mindestkriterien?« Dem widersprach Peter Hettegger vehement. »Wir brauchen alle, müssen alle mitnehmen und den Prozess der Markenentwicklung gemeinsam gestalten. Vom Kleinvermieter über den Handwerksbetrieb bis hin zu den Vereinen. Wertschöpfung darf nicht nur finanziell definiert sein.«

Paul Grafwallner vom Bund Naturschutz wollte eine Wertediskussion eher grundsätzlich verstanden wissen und er vermisse innerhalb der BGLT auch eine Selbstreflexion. »Es hat in den letzten 30 Jahren hier im Tourismus noch nie g'scheid funktioniert. Strukturen lösen sich ab, doch man muss sich auch mal hinstellen und sagen, was falsch gelaufen ist.«

Vorwurf der Führungsschwäche

Tourismusexpertin Elisabeth Hiltermann, die in Berchtesgaden und Bad Reichenhall jahrelang an führender Position im Salzbergwerk gearbeitet hat, sieht für Berchtesgaden sehr gute Chancen, die Marke sei höchst begehrt. »Tourismus funktioniert, wenn Partizipationsprozesse stattfinden«, sagte sie. Dabei sei wichtig, im Sinne eines Lebensraumkonzeptes an einem Strang zu ziehen.

Kreisrat Dr. Bernhard Zimmer aus Piding unterstellt den politisch Verantwortlichen mit der Verpflichtung von zwei Geschäftsführern in der BGLT Führungsschwäche.

»Es waren damals weder die Strukturen klar erarbeitet noch die künftigen Aufgabenfelder. Eine Beteiligung der nördlichen Gemeinden mit nur 17,5 Prozent an der Gesellschaft kann man getrost als gespielte Mitbestimmung bezeichnen.«

Gemeinderat Edwin Hertlein aus Teisendorf berichtete, dass Bürgermeister Thomas Gasser selbst vom Ausscheiden Peter Nagels als Geschäftsführer völlig überrascht war. »Eine Woche vorher noch hat er im Gemeinderat sehr überzeugend die BGLT präsentiert und über den Markenbildungsprozess informiert.«

Gerd Spranger