Gründung der »Watzmann Natur Energie GmbH«

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Arbeiten gemeinsam an dem Projekt (v.l.): Herbert Gschoßmann, Jürgen Hitz, Anton Poettinger, Steffi Ilsanker, Christian Hinterbrandner, Hannes Rasp, Michael Ernst, Franz Rasp, Thomas Resch. (Foto: Patrick Vietze)

Berchtesgaden – Energie im südlichen Landkreis eigenständig erzeugen und diese auch innerhalb der Region verkaufen? Das soll künftig möglich sein. Die fünf Talkesselgemeinden haben in einer ersten gemeinsamen Gemeinderatssitzung am Mittwochabend im AlpenCongress die Firma »Watzmann Natur Energie GmbH« gegründet. Alle Kommunen wollen gemeinsam etwas gegen den Klimawandel unternehmen. Unterstützt wird dieses Vorhaben durch die Stromerzeuger Energie Südbayern (ESB) und Stadtwerke Bad Reichenhall KU. »Dieses Projekt ist wegweisend«, sagte der Bürgermeister von Schönau am Königssee, Hannes Rasp, der alles in die Wege geleitet hatte.


Der Rathauschef von Schönau am Königssee sprach von einer historischen Sitzung, weil erstens alle Gemeinderäte im Talkessel noch nie gemeinsam getagt hatten. »Zum zweiten befassen wir uns mit dem Thema Nachhaltigkeit und Energieversorgung so intensiv wie noch nie zuvor.« Dieses Projekt ergebe aber nur dann einen Sinn, wenn alle Gemeinden des südlichen Landkreises mitmachen. Rasp hatte gemeinsam mit Steffi Ilsanker und Christian Hinterbrandner ein Konzept erarbeitet, das nachhaltige Stromerzeugung sowie die Förderung der E-Mobilität und des Wasserstoffs beinhaltet.

Auf Augenhöhe

Nun fehlten die richtigen Partner. Und man wurde auch fündig: Laut Rasp haben ESB und Stadtwerke Bad Reichenhall die gleichen Interessen. Das bestätigte Anton Poettinger von der ESB, der als Projektleiter mitwirkt. Die Partnerschaft müsse, so Poettinger, auf Augenhöhe sein. Im Vordergrund der Stromversorgung steht die Eigenverantwortung: »Wir machen etwas, nicht die anderen.« Die Chancen, sich gegen Großkonzerne zu behaupten, stünden gut, wenn alle Talkesselgemeinden bei der Firma einsteigen. Vorrangig müsse man die Energie-Effizienz steigern. Poettinger sagte in seinem Vortrag: »Das Fahren der E-Autos ist entspannt, das Aufladen aber nicht.« So müsse ein einheitliches Netz für E-Ladestationen geschaffen werden. Grundsätzlich benötige man eine neue Infrastruktur. Ebenso sollen die Mitfahrgelegenheiten attraktiver werden. Geplant ist ein überregionales E-Carsharing – gemeinschaftliche Nutzung der Autos – für eine flexible Mobilität.

Ein CO2-freier Individualverkehr

Eingeführt werden soll auch das sogenannte Smart Parking, um die Parkplätze besser überwachen und steuern zu können. »Die Parkplätze sind immer wieder problematisch. Das müssen wir in die richtigen Bahnen lenken«, so Poettinger. Zudem ist ein digitales Fuhrparkmanagement vorgesehen. Damit kann man feststellen, ob ein Auto gerade verfügbar ist. »Ziel ist die Profilschärfung eines CO2-freien Individualverkehrs.«

Neben der Anpassung der Infrastruktur wird ein Kundencenter vor Ort eingerichtet. Nach Angaben Poet­tingers haben die Kunden die Möglichkeit zu einer persönlichen Beratung, »das Kundencenter stärkt aber auch die regionale Wahrnehmung«. Eine Zusammenarbeit mit Vergleichsportalen wie »verivox« oder »CHECK24« wird abgelehnt. Poettinger verzichtet lieber auf »Preis- und Rabattschlachten«. Die ESB will aber Onlineberatungen anbieten. So soll es eine Homepage mit Infomaterial, Online-Kundencenter und Kontakten geben. Darüber hinaus wird ein eigener Markenkern für die »Watzmann Natur Energie GmbH« gebildet, »wir wollen das alles eigenständig aufziehen«.

Der Firmensitz wird in Schönau am Königssee sein, das Stammkapital beträgt 500 000 Euro, der Gemeindeanteil liegt bei 65 Prozent. Ein oder mehrere Geschäftsführer können von der Gesellschafterversammlung gewählt werden. Gesellschafterbeschlüsse sind mit einer Mehrheit von zwei Dritteln zulässig. Zudem wird ein Aufsichtsrat gestellt. Jeder Gesellschafter darf einen Vertreter entsenden – die ESB sogar zwei. Nach der Firmengründung werden die Projektverantwortlichen Fachkonzepte erstellen und diese dann umsetzen. Bereits Anfang 2022 könnte dann regionaler Strom erzeugt und verkauft werden.

Ein weiter Weg

Dr. Bartl Wimmer (Die Grünen) sprach von einem »tollen Augenblick«. In 36 Jahren als Gemeinderat habe er noch keine gemeinsame Sitzung mit allen fünf Talkesselgemeinden erlebt. Wimmer hält die »Watzmann Natur Energie GmbH« für ein wichtiges Projekt, »wir stehen voll dahinter«. Er schätzt es, dass man mit Erneuerbaren Energien arbeitet. Umso wichtiger sei es aber nun, in die Energieerzeugung zu kommen. »Alle Kommunen sind gefragt«, sagte Wimmer. Auch mit den Solaranlagen auf Dächern solle man möglichst viel Energie gewinnen. Ebenso müsse man das Thema Mobilität anpacken. »Es liegt ein weiter Weg vor uns. Im Talkessel ist noch einiges zu tun.«

Franziska Böhnlein (CSU) wollte wissen, ob eine Expansion der Firma geplant ist. Hannes Rasp erwiderte: »Als erstes wollen wir die fünf Gemeinden im Talkessel mit regionalem Strom versorgen.« Es sei zwar nicht ausgeschlossen, andere Kommunen mit Energie zu versorgen, »aktiv bewerben wollen wir das aber nicht«. Böhnlein fragte zudem, ob ESB-Kunden gleich in die Firma integriert werden. Rasp antwortete, man wolle den Kunden anbieten, sie gleich in die »Watzmann Natur Energie« einzubinden, damit man sofort in den Verkauf gehen kann.

Rosemarie Will (Die Grünen) erkundigte sich zum Aufsichtsrat. »Es heißt, dass mindestens ein Vertreter aus der Gemeinde gestellt werden kann. Können wir auch wen vorschlagen, der fit in Erneuerbare Energien ist?« Hannes Rasp sagte, grundsätzlich würden die Bürgermeister aus den jeweiligen Gemeinden im Aufsichtsrat sitzen. Man könne aber auch mit dem Einverständnis des Bürgermeisters und des Gemeinderats einen anderen Vertreter stellen. »Das ist Sache der Gemeinde«, sagte Rasp.

Dr. Stephanie Meeß (FWG) wollte wissen, warum die Gemeinden für die Gesellschafterversammlung 65 Prozent der Gesellschaftsanteile haben und zwei Drittel der Stimmenmehrheit erforderlich ist. Hannes Rasp erklärte, dass man keine Beschlüsse zulassen wollte, der jeder zustimmen muss. Sonst könnte immer ein einzelner eine Entscheidung blockieren. Dr. Bartl Wimmer ergänzte: »Das hätte ein Erpressungspotenzial.« Zum Schutz müsse man die Zwei-Drittel-Mehrheit bilden.

»Machbar ist es«

Elke Schneider (CSU) fragte, ob es konkrete Pläne zur Wasserkraft gibt. »Ich bezweifle, dass wir in nächster Zeit ein neues Wasserkraftwerk bauen werden«, antwortete der Bürgermeister von Schönau am Königssee. Eine Optimierung des bestehenden Wasserkraftwerke sei dagegen vorstellbar.

Margret Pfnür (Die Grünen) wollte wissen, ob man den Strom an die »Watzmann Natur GmbH« verkaufen kann, wenn man selbst eine PV-Anlage auf dem Dach hat. »Machbar ist es«, sagte Rasp, jedoch fügte er ein großes Aber an. Der Stromverkauf ergebe wirtschaftlich keinen Sinn, solange die gesetzliche Einspeisevergütung für die Photovoltaik-Anlage gültig ist. Der stellvertretende Landrat Michael Koller (FWG) nannte die Firmengründung ein Vorzeigeprojekt.

Er appellierte an viele einheimische Stromkunden, die ihre Rechnungen kaum anschauen, in dieses Projekt einzusteigen. Zuletzt wünschte er sich, dass diese gemeinsame Gemeinderatssitzung nicht das erste und letzte Mal gewesen sein wird. Interkommunale Projekte wie die Sozialraumanalyse müssten verstärkt gefördert werden. Das Außergewöhnliche an dieser gemeinsamen Tagung: Jede Kommune hielt seine eigene Gemeinderatssitzung ab, um den Einstieg als Gesellschafter von »Watzmann Natur Energie GmbH« zu beschließen.

Bischofswiesens Zweiter Bürgermeister Thomas Resch (FWG), der die Sitzung für Thomas Weber übernommen hat, war ebenfalls begeistert von dem Projekt: »Wir stehen hinter der Sache.« Er lobte alle Bürgermeister im Talkessel. Sie befänden sich im besten Alter und seien engagiert. »Wenn wir jetzt nichts bewegen können, wann dann? Es sollen weitere Schritte folgen«, sagte Resch.

Bürgermeister im besten Alter

Dem schloss sich Herbert Gschoßmann (CSU), Bürgermeister von Ramsau, an. »Heute ist ein guter Tag. Die Weichen für die Zukunft sind gestellt«, sagte er. Gschoßmann bedankte sich bei Resch für das Kompliment. »Wir sind lauter Bürgermeister im besten Alter«, sagte er und lachte. Mit dieser Genugtuung und der erfolgreichen Firmengründung könne er jedenfalls entspannt aus der Sitzung gehen.

Patrick Vietze