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Grenzenloser Jubel für Plácido Domingo

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Applaus für das 40-jährige Bühnenjubiläum von Plácido Domingo (Mitte) in Salzburg gab es von Dirigent Gianandrea Noseda (links), den Sängerinnen Maria Agresta (rechts von Domingo), Ana María Martínez, Krassimira Stoyanova und dem Sänger Rolando Villazón (ganz rechts). Im Hintergrund befinden sich die Musiker des Münchner Rundfunkorchesters. (Foto: Festspiele/Marco Borrelli)

Für »La Traviata« hat sich Plácido Domingo in seinem Festkonzert noch einmal zurückverwandelt in einen Tenor. Gleich ist ihm freilich Rolando Villacón als Alfredo beigesprungen und die drei Sopranistinnen Amaria Agresta, Krassimira Stoyanova und Ana María Martínez haben nacheinander und dann zusammen die Violetta gesungen – mit Sektgläsern in der Hand, denn da war man schon bei der Zugabe.


Sogar von einem dritten Alfredo ist zu berichten, denn der Dirigent Gianandrea Noseda hat schließlich auch mitgesungen, nachdem Domingo kurzerhand das Dirigentenpult erobert und die letzten Takte der fröhlichen Szene fertig dirigiert hat...

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Sonst aber kein Klamauk in diesem Festkonzert zum 40-Jahre-Festspiel-Jubiläum von Domingo im Großen Festspielhaus. Und eigentlich auch keine Melancholie. Schließlich hat sich Plácido Domingo an diesem Abend in stimmlicher Bestform präsentiert. Und er hat sich absolut nicht geschont. Gleich als Erster ist er allein aufs Podium (für die Arie »Nemico della Patria« aus »Andrea Chénier« (Umberto Giordano), bald war er Verdischer Macbeth (»Pietà, rispetto, amore«) und schließlich gestaltete er mit seinen Kolleginnen und Kollegen nicht weniger als fünf Duette. Und das in einem keineswegs nur auf Opern-Gassenhauer abgestimmten Programm.

Die Lebensbilanz bisher: 3700 Auftritte als Sänger und 500 als Dirigent. Mit 146 Opernrollen stehe Plácido Domingo in der Interpretationsgeschichte als Tenor einzig da, heißt es in seiner Vita. Eine Milliarde Menschen sah seine in Rom an Originalschauplätzen aufgenommene »Tosca«. Für Superlative ist der alte Knabe immer gut. Auf Salzburg heruntergebrochen: Mit der Titelpartie in »Don Carlo« (unter Karajan) hat es für den damals 34-Jährigen 1975 angefangen, und es sind in vier Jahrzehnten 57 Festspielauftritte geworden. Guter Grund für ein Festkonzert, für das man das Münchner Rundfunkorchester unter Gianandrea Noseda verpflichtet hatte.

Guter Grund nachzudenken über sängerische Kompetenz. So kollegial die Stimmung war an dem Abend: In der großen Pére-Germont-Szene mit Ana María Martínez konnte man nur zum Schluss kommen, dass diese Violetta im Opern-Ernstfall zu klein wäre neben Domingo, und dasselbe gilt noch viel mehr für Rolando Villazón im Duett Don Carlo/Rodrigo (»Per me giunto è il di supremo«). Gestalterische und eben für Domingo auch stimmliche Höhepunkte waren zwei Duette, in denen er als Doge ganz unterschiedliche Stimmungslagen vermitteln konnte: Simon Boccanegra erkennt in der großen Szene »Favella il Doge ad Amelia Grimaldi« seine Tochter. Und in der frühen Verdi-Oper »Il due Foscari« steht er in »Figlia, t'avanza. Piangi?« seiner um Gnade für den Ehemann flehenden Schwiegertochter gegenüber und es zerreißt ihm schier die Seele in seiner unvereinbaren Rolle als Vater und Staatsmann. Krassimira Stoyanova und Maria Agresta

Man verweist bei alten Sängern oft gönnerhaft auf intensive Gestaltung, auf Routiniertheit und Charisma. Nein, solche Ausflüchte sind nicht nötig angesichts dieses Abends: Domingo hat mit ausgeruhter Stimme, eben mit seinem unverwechselbaren Timbre mit leuchtender Höhe auch in diesen Baritonpartien für sich eingenommen. Der Jubel war grenzenlos. Reinhard Kriechbaum