weather-image
15°

Gesellschaftliche Konventionen in Frage gestellt

Essen und Trinken – zweifellos lebensnotwendige Vorgänge, aber Thema einer Ausstellung? Die Städtische Galerie Traunstein hat jetzt dieses Experiment gewagt, und es kam eine außerordentlich witzige, aber auch lehrreiche Präsentation aus den verschiedensten Gattungen der Kunst heraus: Einerseits lassen die Arbeiten von acht jungen bis älteren Künstlerinnen und Künstlern aus der weiteren und näheren Umgebung von Traunstein einen sehr aufschlussreichen Blick auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zu, andererseits thematisieren die verschiedenen Kunstarten wie Zeichnung, Malerei, Fotografie, Installation und Videokunst das Thema auf ganz eigene, kunstvolle Weise.

»Kinderkranzerl«, Installation aus weißer und dunkler Schokolade von Cosima Strähhuber. (Foto: Giesen)

Die acht Künstler, Daniel Bräg, Dorothea Frigo, Christian Gipp, Cosima und Ruth Strähhuber, Helmut Morawetz, Wolfgang Stehle und Tessa Wolkersdorfer, stammen aus der Region zwischen München und Salzburg, und mehrere von ihnen sind schon lange keine Unbekannten mehr in der lebhaften Traunsteiner Kunstszene.

Anzeige

Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie, hat zusammen mit den Künstlern eine individuelle, sehr sehenswerte Ausstellung zusammengestellt, die sich kein Kunstinteressierter entgehen lassen sollte. Auch junge Leute könnten (wieder?) Geschmack an der Kunst finden.

»Kinderkranzerl«

Ausnahmsweise möchte ich in dieser Besprechung im Ausstellungsraum im zweiten Stock beginnen: Hier schlägt dem Besucher nämlich sofort der sicher für viele unwiderstehliche Duft von Schokolade entgegen: Cosima Strähhuber, 1972 in München geboren, hat extra für diese Ausstellung sieben völlig unterschiedliche Kinderstühlchen aus weißer, heller und dunkler Schokolade gegossen, die, als Blickfang im Kreis angeordnet in der Mitte des Raumes stehen. Jeder Stuhl hat seinen eigenen Charakter – süß, niedlich, zuckrig oder herb könnten die Adjektive sein, die nicht nur die Stühlchen beschreiben, sondern auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Kinder, die hier Platz nehmen könnten. Wenn sich wohl auch bei der sehr gut besuchten Vernissage so mancher beherrschen musste, einen der Stühle nicht »auszuprobieren«, so ist es natürlich streng verboten, die kleinen Kunstwerke zu verrücken, sich drauf zu setzen oder gar daran zu schlecken!

Ebenfalls im zweiten Stock fallen Christian Gipps große, ausdrucksstarke Ölbilder ins Auge. Dargestellt werden in figurativer Malerei Szenarien rund um das Thema Nahrungsaufnahme – Gewalt und Ohnmacht, die sich in apokalyptischen Naturräumen oder in klaustrophobischer Enge abspielen. Ein bis auf die Knochen abgemagerter, vom Tod bereits gezeichneter Mann auf dem »Hungerlager« Stroh und ein extrem übergewichtiger Mensch sind zwei Seiten ein- und derselben Sache: unermesslicher Überfluss auf der einen Seite und absoluter Mangel bis hin zur Existenzbedrohung auf der anderen. Darüber hinaus der »Kannibale« als Charakterisierung des absoluten Tiefpunkts menschlicher Esskultur. Zu sehen ist auch ein Zombie, der mit ausgestreckten Armen und halb verwestem Gesicht umherirrt, angetrieben von der irren Suche nach Menschenfleisch.

Ganz anders aber nicht weniger eindrucksvoll sind die hintergründigen Stillleben zum Thema Essen von Helmut Morawetz. »Kleines Desaster« zeigt zum Beispiel eine schöne Tasse Cappuccino, von deren Inhalt ein Fleck auf die Tischdecke geraten ist, oder »Trinken, Essen«, ein Bild der, oberflächlich gesehen, intakten Natur: In landschaftlicher Idylle trinkt ein Kälbchen am Euter seiner Mutter, wenn da nur nicht die schematische Einteilung des Kalbes nach der in der Küche verwendbaren Körperteile wäre, wie Schulter, Schlegel, Keule… .

Sehenswert sind auch die zart mit transparentem Farbauftrag gemalten Bilder der jüngsten Künstlerin der Ausstellung, Tessa Wolkersdorfer, 1982 in Nürnberg geboren. In diffus beleuchteten Bildräumen schafft sie eine eigene Welt, die zwischen erfahrener Wirklichkeit und Surrealität angesiedelt ist. In den großformatigen Leinwandbildern »Lebkuchenbad« oder »Schokoladenbad« aalen sich weibliche Figuren, schlafend und ohne Bewusstheit für den Alltag wie im Traum in einem Bad aus Süße und Wohlgeschmack. In ihrem auf Hartfaser gemalten Bild »Bananensplit« kombiniert die Künstlerin das klassische Porträt einer Herrscherfigur in stolzer Unnahbarkeit mit einem typischen Modedessert. Damit schafft sie eine bizarre, unwirkliche Atmosphäre, die den Betrachter stark irritieren kann.

»Gold schmeckt lecker«

Durchaus sehenswert, aber dabei schaurig abstoßend ist Ruth Strähhubers siebeneinhalb Minuten dauernder Videofilm »Gold schmeckt lecker«. Eine marktübliche Schokoladenmaske wurde von der Künstlerin auf ihr Gesicht aufgetragen und mit Blattgold beschichtet. Im Verlauf des Videos beginnt die Protagonistin diese Maske langsam aufzuessen, wobei das sich »selbst Verzehren« im Kampf um Anerkennung und Schönheit kritisch beleuchtet wird – eine gesellschaftskritische Anklage gegen Dekadenz, Schönheitszwang und weibliche Normierung.

Das Triptychon »Irgendwo ein Picknick« von Ruth Strähhuber, 1971 ein Fürstenfeldbruck geboren und Schwägerin von Cosima Strähhuber, zeigt die Rückenansichten von drei Figuren irgendwo in der Natur. Die Motive gehen auf eine Fotografie von Henri Cartier-Bresson zurück. Festgehalten wird ein besonderer Augenblick im Alltagsleben. Drei Menschen, die sich auf der Erde niedergelassen haben, verzehren einen kleinen Imbiss, sie sind vertieft in ihre Mahlzeit und völlig voneinander isoliert. Die Essensreste kombiniert mit einer fein nuancierten Farbpalette verleihen der ganzen Szene eine melancholische, an alte Zeiten erinnernde Stimmung.

Im ersten Stockwerk empfangen den Besucher außerdem die fragilen Bildhauerarbeiten von Dorothea Frigo, 1949 in Burk bei Dinkelsbühl geboren. Die gezeigten Arbeiten stammen aus den 1990er Jahren und bestehen nicht aus den klassischen Materialien wie Holz, Stein oder Bronze, sondern großenteils aus Spaghetti, Federn oder textilen Geweben. Parallel zu den seriellen Spaghetti-Arbeiten, die stilistisch einem konkret- geometrischen Zugriff verpflichtet sind, sind ebenfalls seriell konzipierte Objektkästen mit Pizzen in verschiedenen Farben zu sehen. Im Vordergrund steht dabei das bewusst billige Massenprodukt der Fertigpizza als Repräsentant für Fast-Food-Ernährung.

Stillleben auf Fotografien, einen beinahe ganz realitätsnahen »Obststand« aus PVC, Holz, Stahl und Gummi sowie einen echten »Kühlschrank und Quitten« aus diversen Materialien trägt Daniel Bräg zur Ausstellung bei. 1964 in Pfullendorf am Bodensee geboren, stammt der Künstler aus einer alten Steinmetzfamilie. Er inszenierte bereits in einer Reihe von großen Ausstellungen das Wachsen, Blühen, Reifen und Verwelken von Obst und Pflanzen, um die Vergänglichkeit natürlicher Dinge begreifbar zu machen. Bei dem Kühlschrank mit Glastür, der den Blick auf den Inhalt freigibt, spielt nicht nur der visuelle Eindruck eine Rolle, sondern auch Gerüche – hier allerdings (im Unterschied zum ersten Stock) schlechte Gerüche wie von verdorbenem Obst oder Schimmel. Äpfel, Quitten und Feigen werden als Naturalien gezeigt, hier aber im Unterschied zu moderner Kühlung in alten Einmachgläsern auf dem Kühlschrank als Hinweis auf alte Einmach- und Konservierungsverfahren. Alltagsgegenstände werden durch den künstlerischen Zugriff zu Kunstgegenständen – ein klassisches Thema der Moderne.

Last but not least sind ein besonders witziger und sehenswerter Genuss in dieser Ausstellung die beiden DVD-Filme »Kaffeeklatsch« und »Maccaron« des 1965 in München geborenen Künstlers Wolfgang Stehle. Das zwei Minuten und 40 Sekunden lange Video »Maccaron« zeigt eine allen bekannte alltägliche Situation beim häuslichen Mittagessen: bei einer Bilderbuchfamilie gibt es Nudeln, Tomatensoße und Salat. Die anfangs gute Stimmung kippt, als die ersten roten Flecken auf der Tischdecke zu sehen sind. Als Ausweg aus diesem Desaster bietet der Künstler eine Sonderkonstruktion aus Stahl an, die eine Verschmutzung der Tischdecke verhindert, aber in grotesker Weise das gemeinsame Essen zu einem hygienisch einwandfreien Fütterungsvorgang erniedrigt.

Auch in seiner Arbeit »Sozialprothese« setzt sich Stehle mit den Regeln und Zwängen der Gesellschaft auseinander, hier mit dem Zwang, Alkohol in großen Mengen zu konsumieren: Um als Nichttrinker nicht ausgeschlossen zu werden, stellt Stehle ein unter dem Pullover oder Jackett anschnallbares Körpersubstitut her, das sowohl die Flüssigkeitsaufnahme durch simples Hineinschütten als auch die Ausscheidung (vielleicht in fröhlicher Runde auf der Herrentoilette) erlaubt. Durch bewusste Überzeichnung und Überinszenierung stellt der Künstler gesellschaftliche Konventionen und Regeln in Frage.

Geführte Ausstellungsrundgänge mit Judith Bader und Künstlern finden an den Sonntagen 10. und 24. März jeweils um 15 Uhr statt.

Die Ausstellung »Gemeinsam essen mit…« ist bis zum 24. März mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen sind nach Absprache unter Telefon 0861/164319 jederzeit möglich. Christiane Giesen